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Ralph Herbertz vom Verkehrsclub Deutschland (VCD) Regionalverband Köln e.V.

„Mehr sozialer Raum statt Verkehrsraum“

14. Juni 2018

Verkehrsexperte Ralph Herbertz über Mobilität in Köln – Spezial 06/18

choices: Herr Herbertz, wo steht Köln im Jahr 2018 in Sachen Verkehr?
Ralph Herbertz: Es gibt viele Defizite. Das eine ist ja offensichtlich: die Qualität der Infrastruktur. Das prominenteste Beispiel sind die Kölner Brücken. Weil man jahrelang zu wenig getan hat, ist es jetzt umso dringender und unglaublich teuer. Das betrifft genauso die Radwege und andere Angebote, die nicht in einem Zustand sind, wie sie sein sollten. Ein anderer Aspekt sind die Planungen: Die Umsetzungszeiträume sind ja in Köln schnell mal fünf Jahre, zehn Jahre – auch bei kleineren Maßnahmen.

Wie kommt das?
Das kann mit Unwillen zu tun haben, aber auch mit wirklich fehlenden Ressourcen, vor allem mit personellen in der Verwaltung. Jahrelang wurde gesagt: alles privatisieren, externe Büros beauftragen. Seit ein paar Jahren sagt auch das Rechnungsprüfungsamt immer wieder: Wieso kann man das nicht intern erledigen, ist doch preiswerter? Also erstmal alles ausdünnen und sich dann wundern, dass man keine Ressourcen hat, die Sachen anzugehen. Dann kommt noch das Problem einer wachsenden Stadt hinzu. Das trifft auf eine ausgedünnte Verwaltung, die Strukturen erst aufbauen muss, und das ist eine Kombination, die ganz, ganz schlecht ist. Köln war lange Zeit als eine sehr autogerechte Stadt ausgerichtet. Heute werden stärker die anderen Verkehrsmittel mitberücksichtigt. Aber natürlich ist etwas, das über 50 Jahre entstanden ist, nicht von heute auf morgen zu ändern.

Ralph Herbertz
Foto: VCD RV Köln e.V.
​​Zur Person 
Ralph Herbertz leitet die Geschäftsstelle KölnAgenda e.V. und ist Vorstandsmitglied im VCD Regionalverband Köln e.V. (Zeitschrift: „Rheinschiene“). Außerdem ist er u.a. aktiv im Forum Fußverkehr und im Kompetenzteam Klimaschutz-Bildung Köln.

Was sind die aktuellen Tendenzen in der Nutzung der unterschiedlichen Verkehrsmittel in Köln?
Wir beobachten seit fast zehn Jahren einen deutlichen Zuwachs beim Radverkehr. Wobei man, sehr langfristig betrachtet, auch eine Veränderung feststellt: Vor 20, 30 Jahren fand Radverkehr eher am Stadtrand statt und weniger in den verdichteten Stadtteilen, und heute ist es genau umgekehrt. In Ehrenfeld etwa hat der Radverkehr den größten Anteil am „Modal Split“. Nur sind natürlich die Maße der Radinfrastrukturen überhaupt nicht auf diese Mengen ausgelegt.

Und der ÖPNV?
Auch da gibt es deutliche Zuwächse, er arbeitet seit Jahren in einigen Bereichen an der Kapazitätsgrenze. Man sieht zum Beispiel, die S-Bahn in Richtung Düren ist sehr stark ausgelastet, und da ist langsam auch keine Nachverdichtung mehr möglich. Andere große Kommunen wie München oder Hamburg haben ein echtes S-Bahn-Netz, Köln hat das nur in Teilen – es fehlen wichtige Äste. Denn ein großes Problem ist auch der Pendlerverkehr. Für die Verknüpfung von Region und Stadt brauchen wir leistungsfähige Schienenangebote. Da ist dringend ein Ausbau nötig.

Bei der Hybrid- und Elektromobilität haben wir auch etwas Bewegung bekommen. Ist die Infrastruktur dafür jetzt ausreichend?
Elektromobilität ist komplett angekommen bei uns – nur fährt sie auf zwei Rädern: nennt sich Pedelec oder E-Bike. Das hat auch die Reichweite für Pendlerverkehre deutlich erhöht. So kann man 10 km ins Büro fahren, ohne gleich verschwitzt anzukommen und Ähnliches. Ansonsten haben wir Elektromobilität seit 100 Jahren bei den Bahnen der KVB. Beim Autoverkehr spielt sie bisher nur eine sehr untergeordnete Rolle. Die Elektrifizierung allein bringt auch nicht viel. Wir haben natürlich lokal weniger Emissionen, aber beim deutschen Strommix sind die Werte auch nicht besser als bei normalen Pkws. Also nur bei Grünstrom ist Elektromobilität gut. Und zum anderen: Das Platz- und Stauproblem verändere ich nicht, wenn ich nur den Antrieb austausche.

Zusätzlich zum Car-Sharing gibt es ja zunehmend Bike-Sharing-Angebote. Wissen wir schon, wie sich diese beiden Verleihmodelle in der Stadt auswirken?
Für das stationäre Car-Sharing gibt es vielfältige Untersuchungen, die eine sehr positive Wirkung bescheinigen, weil sie den Bedarf an oft wenig genutzten privaten Pkws reduzieren. Ich bin ein großer Fan, weil ich von der Größe her flexibel das Fahrzeug bekommen kann, das ich brauche. Car-Sharing ist aber nur ein Baustein und funktioniert nur, wenn ich für die Hauptlast ein gutes ÖPNV- und Radnetz habe. Zum Bike-Sharing sind mir vertiefte Untersuchungen gerade für Köln noch nicht bekannt. Allerdings ist es ein wichtiger Ergänzungsfaktor, um Umwege zu vermeiden. Unsere Linien gehen fast alle in die Innenstadt und wieder raus – das ist manchmal ein Umweg und belastet die KVB zusätzlich. Insgesamt bin ich durch Sharing-Angebote flexibler.

Nach dem Dieselskandal gibt es bisher kaum Verbesserungen bei der Luftqualität. Sind Ihnen Sofortmaßnahmen bekannt, die Wirkung zeigen, ohne dass man die Autos nachrüstet oder Fahrverbote verhängt?
Wenn ich zehn Jahre habe, ein Ziel zu erreichen, und kontinuierlich darauf hinarbeite, ist das ein Prozess. Bereits bei Einführung der Umweltzone war den Fachleuten klar, dass diese beim Thema Feinstaub, aber nicht bei Stickoxiden wirken wird. Aber wenn es schon zu spät ist und ich will das Ziel jetzt doch noch irgendwie erreichen, dann muss ich natürlich „radikal“ werden. Da müssen sich Politik, Verwaltung und Autoindustrie an die Nase fassen, dass man ganz viel verschlafen hat – keiner wollte das wahrnehmen. Man hätte natürlich längst eine Politik pro-Umweltverbund [umweltverträgliche Verkehrsmittel, Red.] machen können. Denn dass die KVB überlastet ist, ist ja keine neue Erkenntnis: Wir haben seit 15 Jahren steigende Fahrgastzahlen und lange hat man nicht reagiert. Wir haben schon vor Jahren vorgeschlagen, „Verstärker-Buslinien“ zu fahren, auch zu hoch ausgelasteten Stadtbahnstrecken wie der Linie 1. Jetzt kommt das plötzlich – unter dem Druck hat die KVB einen Paradigmenwechsel vollzogen. Das ist jetzt in Teilen schon durch den Verkehrsausschuss, und ab Dezember wird das Busangebot deutlich erhöht, teilweise parallel zu Stadtbahnstrecken oder als Schnellbusse. Wir brauchen auch eine zügigere Umsetzung von Radverkehrskonzepten.

Das Radfahren wird teilweise schon attraktiver.
Beim Radverkehr verbessert sich was – aber: Noch ist vieles Stückwerk. Es sind oft einzelne Abschnitte, wo etwas besser wird. Wir müssen aber dringend zu einem Netz kommen, das eine gleichbleibend hohe Qualität bietet. Das Schlimme beim Radverkehr ist, alle paar hundert Meter ändert sich die Führung und die Qualitätssituation.

Was Sofortmaßnahmen und Übergangslösungen angeht…
Es gibt teilweise gute Konzepte, aber da muss noch eine andere Umsetzungsdynamik hinein. Also wir brauchen einfach auch Flächen für leistungsfähige Verbindungen. Was jetzt auch noch bis 20/21 dauern soll, laut Aussage von Frau Blome in der „Rheinschiene“, ist die provisorische Maßnahme einer Fahrrad- und Fußgängerrampe zur Anbindung des Breslauer Platzes an die Hohenzollernbrücke. Die Rampe sollte seit 10 Jahren im Rahmen der Bebauung des Platzes entstehen, sie schafft zusätzliche Kapazitäten und erhöht die Attraktivität der Brücke für den Radverkehr und für Eltern mit Kinderwagen, die ja auf der anderen Rheinseite längst über eine Rampe verfügen.

Wie beurteilen Sie die zaghafte Pilotphase für das Projekt RingFrei, wo man nun am Hohenzollernring die 2015 für den ganzen Ring aufgestellten Forderungen probeweise umsetzt?
Natürlich hätten auch wir uns diese Pilotphase wenigstens von Chlodwig- bis Friesenplatz gewünscht. Auf der einen Seite könnte es schneller gehen, auf der anderen Seite: Wenn man normale Verwaltungsabläufe und -vorgänge kennt – da werden ja fast alle Ampeln erneuert – in klassischen Verwaltungsdimensionen ist das dann sogar schnell. Wenn jetzt wirklich noch in diesem Jahr, wie angekündigt, vom Chlodwigplatz bis Barbarossaplatz eine richtige Radspur kommt, fehlt „nur“ das Stück bis zum Pilotbereich ab Zülpicher Platz. Dann hätten wir über eine längere Strecke ein attraktives Angebot für Radfahrende, weshalb die Stadt diese Lücke noch zeitnah schließen sollte.

Was sind die wichtigsten Konzepte und Beschlüsse, die die nächsten Jahre prägen werden?
Das Radverkehrskonzept Innenstadt ist ein echter Meilenstein. Wenn man das konsequent umsetzt, ist das eine massive Verbesserung. Es wurden jetzt auch Planungen vergeben zu einem Radpendlernetz im Rechtsrheinischen mit den Nachbarkommunen. Wenn man da etwas konsequent umsetzt, wird das auch einen wirklichen Einfluss haben. Und der Bahnknoten Köln: Da sind vor allem Bund und Bahn zuständig, da passiert mit dem Ausbau der S11 endlich was, und das ist ganz zentral – der RRX [Rhein-Ruhr-Express, Red.] und die Verdichtung des SPNV [Schienenpersonennahverkehr, Red.].

Was müsste man für Fußgänger in Köln tun? Ausgerechnet in der Innenstadt gibt es, abgesehen von Außengastronomie, wenig echte Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum.
Das Tolle ist: Auch die Innenstadt hat eine hohe Bewohnerschaft. Das ist ein hohes Gut, das uns von anderen Städten unterscheidet. Aber wir haben zu wenig Plätze. Unser öffentlicher Raum ist oft zu einem reinen Verkehrs- und Parkraum verkommen. Er hat aber auch eine Funktion der Kommunikation und des öffentlichen Austausches – es ist ein sozialer Raum. Da brauchen wir mehr Angebot. Der Tag des Guten Lebens am 1. Juli im Agnesviertel und Eigelstein ist ein sehr gutes Beispiel, das ein Gefühl dafür gibt, wie öffentlicher Raum aussehen kann, wenn man ihn anderen Nutzungen zuführt und nicht so eindimensional sieht. Dafür ist es nötig, das Parken im öffentlichen Raum zu reduzieren. Das heißt nicht, Autos zu verbieten, aber wir müssen zu einer anderen Verteilung und Flächengerechtigkeit kommen.

Darauf hat schon Heinrich Böll aufmerksam gemacht.
Aber das zentrale Problem für Fußgänger ist ja noch viel banaler. In Köln sind sehr viele Fußwege zu schmal. Die Richtlinien sagen, 2,50 Meter soll die Standardbreite eines Gehweges sein. In Köln ist es so, dass der Begegnungsfall Rollator/Kinderwagen zum Verkehrschaos führt, weil man nicht aneinander vorbeikommt. Schlimm ist, dass das noch unterstützt wird, weil das Ordnungsamt innoffiziell-offiziell auch illegales Gehwegparken toleriert. Dazu gibt’s auch die Aktion #gehwegfrei und einen Brief an Frau Reker.

In der Diskussion um die überlastete Ost-West-Achse befürwortet der VCD eine oberirdische Lösung mit Blick auf die Kosten und die nötigen Kapazitäten.
Wir sehen erstmal das große Defizit, dass viel zu punktuell dieser Abschnitt Grüngürtel bis Deutzer Brücke verhandelt wurde. Uns fehlen netzweite Betrachtungen. Und dann ist das andere Problem: Wenn die unterirdische Variante erst in der zweiten Hälfte der 2030er Jahre da ist, bei einem Problem, das wir heute haben, ist das auch nicht hilfreich. Wir schließen nicht aus, dass man perspektivisch erst oberirdisch und dann unterirdisch was machen muss, auf der gleichen Achse oder parallel. Wir fordern erstmal eine breitere Untersuchung mit Netzanalyse und Diskussion, um wirklich fundiert Entscheidungen zu treffen.

Mit der Radkomm startet auch die Volksinitiative Aufbruch Fahrrad NRW, die 66.000 Unterschriften für neun Maßnahmen zur Verdreifachung der Fahrradmobilität sammeln will. Gibt es auf Landesebene also noch Widerstände zu brechen?
Ja, es geht um die Bewusstseinsschaffung auch auf Landesebene, um die Diskussion voranzubringen und Druck und Öffentlichkeit aufzubauen. In Köln haben wir eine sehr aktive Radverkehrsszene, was aber in anderen Kommunen nicht immer gegeben ist. Radpolitik ist zudem bisher vor allem eine kommunale Aufgabe – da kann das Land noch aktiver werden. Es gibt zwar die AGFS, die Arbeitsgemeinschaft fußgänger- und fahrradfreundlicher Städte – eine NRW-Erfindung, die inzwischen von fast allen Bundesländern kopiert wurde und wichtig für die Lobbyarbeit und die Fortbildung in den Kommunen ist – aber das Land kann deutlich mehr machen: Radschnellwege, Radwege an Bundes- und Landstraßen… Ebenso sollten mehr Finanzmittel für den Radverkehr zur Verfügung gestellt werden. Zudem braucht der Landesbetrieb Straßen.NRW dringend eine vernünftige Fahrradabteilung. Dieser plant heute noch katastrophale Sachen, wo man das Gefühl hat: Vor 30 Jahren wäre das Standard gewesen – wie man das aber heute so planen kann, ist nicht nachvollziehbar. Selbst die Stadt Köln hat Einspruch erhoben gegen die Pläne für die Kreuzung Luxemburger Straße / Militärring. Die Radverkerssituation wird noch schlechter als diese bereits heute ist. Zudem sollten alle Landeseinrichtungen vernünftige Fahrradangebote haben – sicheres Parken, Diensträder etc. Außerdem pushen wir das Thema „Mobilitätsmanagement“ – da kann noch eine ganz andere Dynamik herein.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Dass wir in Köln eine hohe Luftqualität haben, keine Gesundheitseinschränkungen insbesondere für Kinder und Ältere. Dass ich mich sicher, ohne große Unfallgefahren bewegen kann und dass der öffentliche Raum wieder mehr sozialer Raum und Interaktionsraum ist, dass er Platz bietet für Leben und nicht nur für Verkehr.

Workshop „Geht doch!“ mit Ralph Herbertz u.a. auf der Radkomm #4 | Sa 16.6. | Alte Feuerwache | www.radkomm.de | Volksinitiative „Aufbruch Fahrrad“ | www.aufbruch-fahrrad.de | VCD Köln & Zeitschrift „Rheinschiene“ | nrw.vcd.org/der-vcd-in-nrw/koeln

Interview/Fotos: Jan Schliecker

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