Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
17 18 19 20 21 22 23
24 25 26 27 28 29 30

12.288 Beiträge zu
3.628 Filmen im Forum

Foto: Thomas Aurin

Im Treibsand der Identität

31. Januar 2019

„Rückkehr nach Reims“ am Schauspiel Köln – Theater am Rhein 02/19

Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“ ist ein Buch zwischen allen Stühlen: Autobiografie, soziologische und politische Analyse, schwule Selbstverortung, Bekenntnis – alles verpackt in das christliche Motiv von der Rückkehr des verlorenen Sohnes. Jede Dramatisierung muss sich an diesem rationalisierend-bekennenden Zwitter reiben. Regisseur Thomas Jonigk löst die strenge, nach Themen geordnete Kapitelstruktur auf und konzentriert sich zunächst auf die Familienauseinandersetzungen und Eribons „Herkunftsscham“, also dem Zwiespalt zwischen schwul-intellektueller Pariser Elite und proletarischer Herkunft. Nicki von Tempelhoff und Sabine Orléans geben ein handfest brüllendes Elternpaar, er ein alkoholisiertes Wrack, sie ein aufstiegswilliges Muttertier. Jörg Ratjen (mit Nicolas Lehni und Justus Maier als Alter Egos) zeichnet dagegen einen nervösen, schüchternen, schwulen Intellektuellen.

Die distanzierende Analyse samt Selbstentblößung des Buches wird dabei einer (vermeintlichen) emotionalen „Authentizität“ geopfert. Ironisch kommentierende Blicke auf Eribons Selbstbezichtigungen gibt es allerdings auch. Von gebrochener Komik die zu lange Fabrikszene, bei der die Arbeiter Eribons Buch am Fließband verarbeiten – die ökonomische Ausbeutung kommt auch unmittelbar intellektueller Buchproduktion zugute. Willkürlich dagegen wirkt die Slow-Motion-Familienszene am Tisch, die den politischen Schwenk der kommunistischen Arbeiter zum Front National illustriert. Am Ende steht weniger der Treibsand politisch-individueller Identitätsbildung im Zentrum, als die subjektiv vollzogene Ab- und die gesellschaftlich oktroyierte Ausgrenzungserfahrung.

„Rückkehr nach Reims“ | R: Thomas Jonigk  | 1., 2., 5., 10., 16.2. 20 Uhr,
17.2. 17 Uhr | Schauspiel Köln | 0221 221 28400

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

Neue Kinofilme

Men in Black: International

Lesen Sie dazu auch:

„Wir werden in Europa bald Krieg haben“
Oliver Frljić inszeniert „Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer“ – Premiere 06/19

Blutige Kolonialwaren
Festival postkolonialer Perspektiven in Köln – Festival 05/19

Europäische Desertion
Theater im Juni – Prolog 05/19

Zerbrochene Aufklärung
Robert Borgmann inszeniert „Medea“ – Theater am Rhein 05/19

Robin Hood und Wonder Woman
„How to date a feminist“ am Schauspiel Köln – Theater am Rhein 05/19

Die Antwort ist immer der Mensch
„Alles Weitere kennen Sie aus dem Kino“ am Offenbachplatz – Theater am Rhein 05/19

Schockwellen im Kopf
„Ich rufe meine Brüder“ am Schauspiel Köln – Auftritt 04/19

Theater am Rhein.