Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
23 24 25 26 27 28 29
30 1 2 3 4 5 6

12.417 Beiträge zu
3.694 Filmen im Forum

Tauschgeschäfte
Foto: privat

Geld ist nicht alles

29. Oktober 2015

Tauschringe und Zeitbanken als Alternative zur Geldwirtschaft – Thema 11/15 Gemeinwohl

Ein klassisches Beispiel für eine geldlose Tauschwirtschaft stellen Tauschringe dar, die bereits im 19. Jahrhundert erprobt wurden und auch heute fast überall in Deutschland zu finden sind. Der Tauschring Köln etwa besteht seit zehn Jahren und ist mit 250 Mitgliedern einer der größten Tauschringe der Region. Die Mitglieder tauschen untereinander vor allem Dienstleistungen – jeder bietet seine individuellen Fähigkeiten an, egal ob er sich diese im Beruf oder Studium angeeignet oder autodidaktisch gelernt hat. Besonders nachgefragt sind dabei Handwerksarbeiten, Unterstützung bei Computerproblemen oder auch Reinigungsarbeiten. Abgerechnet werden diese Tauschgeschäfte mit den sogenannten „Talentstunden“, die einer Zeitstunde entsprechen.

Andere Tauschringe arbeiten mit geringfügig anderen Modellen, das Prinzip ist jedoch immer ähnlich: Die Mitglieder setzen ihre Lebenszeit als Kapital ein, um untereinander Leistungen zu tauschen. Die Tauschgeschäfte werden hauptsächlich über eine Online-Plattform organisiert, es gibt jedoch auch monatliche Treffen mit jeweils um die 20 bis 30 Teilnehmern.

In einem wichtigen Merkmal ähneln die Tauschringe dem Geldsystem: „Der Rubel muss rollen“, so eines der Mitglieder, „das heißt, dass die aufgewendete Zeit möglichst im Umlauf bleiben soll.“ Ein Bunkern von Talentstunden ist unerwünscht, was durch verschiedene Gegenmaßnahmen verhindert wird, etwa, indem die gesammelten Stunden am Ende eines Jahres verfallen. Ein langfristiges Ansparen von Zeit ist so nicht möglich.

Genau das ist jedoch der Zweck einer Zeitbank, wie bei der Zeitvorsorge Köln, die im April dieses Jahres als Verein gegründet wurde. Der Vorsitzende Karl-Heinz Kock erklärt den Unterschied zu Tauschringen: „Zum einen beschränken wir uns auf soziale Leistungen, einfache Hilfestellungen für Bedürftige. Zum anderen kann die dafür aufgewendete Zeit über einen langen Zeitraum angesammelt werden, bis man selbst einmal der Hilfe anderer bedarf.“ Jedes Mitglied besitzt ein Tauschkonto und ein langfristiges Rentenkonto – zwischen diesen kann die Zeit verschoben und auch auf Konten anderer Personen überwiesen werden. „Zeitvorsorge institutionalisiert praktisch die Nachbarschaftshilfe, die es schon immer gegeben hat“, so Kock, „Es ist ein System, das auf Kooperation statt auf Konkurrenz beruht.“ Laut Kock könnte die Zeitbank eine ernstzunehmende Ergänzung der Altersvorsorge darstellen, außerdem stelle diese einen Anreiz dar, sich ehrenamtlich zu engagieren – auch für Menschen, die dies nicht aus reiner Nächstenliebe tun würden.

Zurzeit ist der Verein vor allem darum bemüht, öffentliche Aufmerksamkeit für seine Idee zu bekommen. So nimmt der Verein etwa Kontakt zu Hilfsorganisationen auf, die vielfach auf ehrenamtliche Arbeit setzen und versucht, sie in sein System mit einzubinden – bisher seien diese jedoch noch sehr zögerlich, so Kock. Trotz der Anfangsschwierigkeiten ist es letztlich sein Ziel, die Zeitvorsorge zu einer bundesweiten Institution zu machen. Ein ehrgeiziges Vorhaben, jedoch nicht utopisch – so kann Kock etwa auf das japanische Fureai-Kippu-System verweisen, dass seit 1995 in ganz Japan zur Anwendung kommt.


Aktiv im Thema

www.plurale-oekonomik.de/home
www.tauschen-koeln.de
www.vorsorgezeitbank.mynetcologne.de

Lesen Sie weitere Artikel
zum Thema auch unter: trailer-ruhr.de/thema und engels-kultur.de/thema

UNGLÄUBIG – Gott ist tot! – daran „glaubte“ schon Nietzsche. Atheisten, Agnostiker und andere Ungläubige: Ein Leben ohne religiöse Sinnressource
(Thema im Dezember)
AutorInnen, Infos, Texte, Fotos, Links, Meinungen...
gerne an meinung@choices.de

Christopher Dröge

Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen? Als unabhängiges und kostenloses Medium sind wir auf die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser angewiesen. Wenn Sie uns und unsere Arbeit finanziell mit einem freiwilligen Betrag unterstützen möchten, dann erfahren Sie über den nebenstehenden Button mehr.

Lesen Sie dazu auch:

Die Gespenster des Kapitalismus
Das neue Buch der taz-Wirtschaftskorrespondentin Ulrike Herrmann – Literatur 09/16

Viel Arbeit, wenig Widerstand
Der Mittelstand wünscht sich eine fairere Besteuerung, tut aber zu wenig dafür – THEMA 01/16 GERECHT STEUERN

„Autistische Ökonomie“
Der Markt macht einen auf Gott und alle sind dabei – THEMA 11/15 GEMEINWOHL

Der neoliberale Tunnelblick
Samuel Decker vom Netzwerk Plurale Ökonomik über die Beschränktheit der Wirtschaftswissenschaft – Thema 11/15 Gemeinwohl

Arbeits-Unrecht gemeinsam bekämpfen
Podiumsdiskussion mit Günter Wallraff im Vhs-Forum

Wer hat, dem wird gegeben
Ohne eine andere Steuerpolitik wird sich die Schere weiter öffnen – THEMA 01/15 ARM & REICH

Gegenmodell zu Hartz IV-Politik
Die Sozialistische Selbsthilfe Mülheim (SSM) – Thema 01/15 Arm & Reich

choices Thema.

Hier erscheint die Aufforderung!