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Foto: Thomas Aurin

Homogenität bleibt Behauptung

30. Oktober 2019

„Gegen den Hass“ im Depot 2 – Theater am Rhein 11/19

Wenn deutsches Liedgut auf ein Meer voller Leichen prallt, dann sollte sich eigentlich nicht mehr die Frage nach einer Leitkultur von wem auch immer stellen. Dann heißt es, sich nur noch schämen. Im Depot 2 macht Regisseur Thomas Jonigk die Leiche an sich erst einmal zum Requisit und dann zum roten Faden durch die aktuelle Selbstbefindlichkeit westlicher Gesellschaften, in denen sich existenzielle Angst im Kapitalismus längst nicht nur in Ablehnung alles Fremden, sondern längst in stumpfen Hass verwandelt hat. Und wenn sich drinnen jeder ständig sorgt, dann verliert er den Blick für die Wahrheit da draußen, wusste schon Johann Wolfgang, und der hatte eigentlich mit der künstlichen Erhöhung von Affekten nichts an Hut. Er wäre aber sicher interessiert gewesen, wenn die nackte Leich´ (Justus Maier) plötzlich vom Seziertisch hüpft.

Jonigks Theaterfassung „Gegen den Hass“ nach dem gleichnamigen Buch von Carolin Emcke spielt nicht mit diesen zeitgenössischen Plattitüden zwischen dem vollen europäischen Boot bis zum fast biblischen Hass auf die vermeintlichen Jesusmörder. Die Regie braucht dafür nur eine schlichte weiße Projektionswand mit Türen auf der Bühne, die als Dritte Wand (Lisa Däßler) mal vor- und zurückfährt und die Distanz zwischen Publikum und Protagonisten auch mal extrem verkürzt. „Wir sind das Volk“ grölt es da, gleich nach „Du bist die Ruh“ von Franz Schubert. Bei der Busblockade von Clausnitz besetzten eine Handvoll Dumpfbacken den öffentlichen Raum und verletzten mit dieser Volks-Lüge die Lebensleistung einer ganzen Generation Ostdeutscher Freiheitkämpfer. Ob das wirklich darin kulminiert, dass selbst ein Rassist kein Rassist sein möchte, sei so stehengelassen.

Ein großer schwarzer Affe belebt die Szene, ja es war ein weiter evolutionärer Weg vom Schimpansen zu gewissen braunen Alternativen für Deutschland, und es scheint so als entwickelten wir uns wieder zurück, hätten Heimweh nach einer Fauna, die es so nie gegeben hat. Aber es gab die Menschwerdung in Kubricks Odyssee im Weltraum, und so taumeln am Schluss vier Astronauten durch diese hasserfüllte Welt. Demokratische Herrschaft der Mehrheit, die sich von Populisten das Hirn zuquatschen lässt, führt zwangsläufig wieder zur Diktatur der Hirnlosen. Ein wichtiger, textvisueller Abend für die, die nicht jeden Tag mit nassen Augen an Aylan Kurdi denken müssen.

„Gegen den Hass“ | R: Thomas Jonigk | 2., 9., 28.11. je 20 Uhr, 1.12. 19 Uhr | Schauspiel Köln | 0221 22 12 84 00

PETER ORTMANN

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