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Emanuel Tandler
Foto: privat

„Er war ein Genie des Augenblicks“

01. November 2020

Emanuel Tandler inszeniert ein Stück über André Müller – Premiere 11/20

Interviews sind intime Begegnungen auf Abstand. Der Journalist André Müller war ein Meister solcher Gespräche. Durch Provokation, Insistieren, Zermürbung und eine extrem gute Vorbereitung schaffte er es, seine prominenten Gesprächspartner aus der Reserve zu locken – oder in die Flucht zu schlagen. Gesprächsabbrüche waren durchaus mit einkalkuliert. Der junge Regisseur Emanuel Tandler nimmt am Theater der Keller die Gespräche Müllers als Basis für einen Theaterabend mit dem Titel „Das süße Verzweifeln“.

choices: Herr Tandler, was ist süß an der Verzweiflung?

Emanuel Tandler: Der Titel meines Stücks lautet „Das süße Verzweifeln“ und mein Wunsch wäre, dass man die Verzweiflung nicht allein seiner Lebenspartnerschaft, sich selbst oder einer Therapie zumutet, sondern dass man die Verzweiflung auch als Abenteuer versteht. Verzweiflung als Spielanlass und Möglichkeit. Als etwas, das gar nicht so schwer, bitter oder schlimm ist, sondern miteinander verhandelt werden kann. Im besten oder eben „süßen“ Fall wird man dann zum Spieler und Zuschauer der eigenen Verzweiflung.

Ist dieses Prinzip des „Zeige deine Wunde“ nicht schierer Exhibitionismus?

Mir geht es um das Potential, die seelischen Abgründe zu sozialisieren. Das heißt nicht, dass man die eigenen Mängel, die eigenen Fehler öffentlich macht, um die Gesellschaft anzuklagen. Sozialisieren heißt für mich: Was für Wege gibt es, miteinander den Seelensumpf zu verhandeln, ohne dass das Gegenüber in ein Schuldgefühl kommt. Also wie kann man sich öffnen, ohne dass der andere sagt, geh doch zu deinem Therapeuten. Ich möchte spielerische Wege finden.

Die begründete Provokation

Was hat das jetzt mit André Müller zu tun?

In der heutigen Sprachkultur wäre André Müller ein Störfaktor. Er zielte in seinen Interviews auf ein gutes Gespräch, aber nicht als Erzeugung einer harmonieseligen Blase oder eines Einverständnisses. Ich finde Müller insofern frisch, dass er seinen Interviewpartnern die Wiederholungsschleifen und Plattitüden, mit denen sie ihre Persönlichkeit präsentierten, nicht durchgehen ließ. Er richtete den Blick auf die seelischen Abgründe oder das Verzweifeln, das sich als roter Faden durch seine Gespräche zieht. Müllers Fragen brachten sein Gegenüber zum Nachdenken, riefen häufig erst einmal eine Stille, ein Schlucken, eine Unsicherheit hervor. Seine Gesprächspartner waren meist prominente Figuren, die mit ihren Erfolgen und ihren Eitelkeiten in die Gespräche kamen. Diese festgefügten Images hat er unterlaufen.

Wie hat er das gemacht?

Für ihn war die Einstiegsfrage sehr relevant. Er war für mich ein Künstler des Fragens und ein sehr interessanter Denker. Zunächst hat er sich wahnsinnig intensiv auf seine Gespräche vorbereitet. Sein Ehrgeiz war es, seine Gesprächspartner besser zu kennen als sie sich selber. Und er hat sich eine Hypothese gebildet und die konnte sehr unangenehm sein. Die konnte dazu führen, dass er Marcel Reich-Ranicki oder Christoph Schlingensief gefragt hat: „Warum schreien Sie eigentlich die ganze Zeit? Warum haben Sie dieses Bedürfnis, so laut zu sein?“ Die Frage war gekoppelt an die These, dass diese Menschen nicht für sich einsam nachdenken können. Das war eine Provokation, die aber nicht grundlos war: Müller wollte auf das Thema der Einsamkeit kommen. Und Reich-Ranicki hat dann seine Frau zu Hilfe geholt und Schlingensief hat das Interview abgebrochen.

Das wäre jetzt die schiere Provokation. Hat sich Müller auch selbst offenbart oder, wie Sie sagen, seine Verzweiflung sozialisiert?

Das Interessante bei Müller ist, dass er unheimlich viel von sich geredet hat, gerade dann, wenn das Gegenüber sich erstmal zurückhielt. Seine Strategie war nicht, den anderen zu entblößen, sondern sich selbst zu entblößen. Er hat dann auch mal eine halbe Stunde von seinem Privatwahnsinn geredet. Und da fielen dann auch so Sätze wie der, dass es eine Frechheit sei, dass der Mensch um seine Sterblichkeit und seine Endlichkeit weiß. Oder er hat sein Gefühl der Bedeutungslosigkeit des eigenen Tuns und Handelns offenbart.

Ich habe André Müller als Persönlichkeit nicht geknackt“

Sie bringen die Figur Müller in vier Verkörperungen auf die Bühne. Was war Müller für ein Mensch?

Ich habe André Müller als Persönlichkeit jetzt nicht geknackt, das maße ich mir nicht an. Der Abend soll auch keine Hommage werden. Für mich sind seine Themen, seine Kunst relevant. Mein Wunsch ist es eher, dass jeder Zuschauer und jede Zuschauerin und auch die Spieler ihren Müller entdecken.

Welche Texte von Müller haben Sie verwendet?

Um die Figur von André Müller greifbarer zu machen, habe ich verschiedene Aspekte seiner Persönlichkeit betont: Es gibt den schweren Denker, der an der Absurdität der Gedanken leidet, die Komik, die das Verzweifeln ins Süße kippt, oder Müllers ansteckende Neugierde. Wenn ich die vier Müller-Figuren etabliere, verwende ich manchmal einen O-Ton aus einem Vortrag oder einem Interview, und die anderen Texte sind von mir. Unter den vier Alter Egos ist auch jemand sehr schräges dabei, oder ein therapeutisches Ich, das die Verzweiflung analysiert und relativiert.

Suche nach Vielstimmigkeit

Sie haben auch bisher bei den meisten Ihrer Inszenierungen die Texte selbst geschrieben. Ist das auch ein Versuch in der Tradition Müllers, nichts Vorgefertigtes zu akzeptieren?

Das ist sicher eine persönliche Lust, auch eine Sprache zu finden, die mich berührt, die mir nicht vorgelegt wird. Das hat auch damit zu tun, dass ich nicht alles fertig mit auf die Probe bringe, sondern stückweit eine Freiheit im Probenprozess suche, die Szene zu finden, um anschließend weiterzuschreiben. Ich suche dabei eine Vielstimmigkeit, ein anderes Erzählen, das nicht von einer Tradition zubetoniert ist. Ich habe nicht so ein Originalitätsverständnis, dass ich da meine Schreibe den Spielern oktroyieren möchte, sondern es geht vielleicht wirklich eher darum, gemeinsam nach einer eigenen Stimme zu suchen.

Wie haben denn Müllers Gesprächspartner auf seine Provokationen und Selbstentblößungen reagiert?

Die prominenten Figuren wollten meist lauter sein als Müller und begaben sich in einen Wettkampf des Verzweifeltseins. Da kam auch ein Spieltrieb zum Vorschein. Ein Gespräch kann ja auch ein Wortgefecht, ein Wettkampf sein. Interessant ist, dass Menschen, die nie über ihre seelischen Abgründe öffentlich geredet haben, plötzlich im Gespräch mit Müller von ihren Selbstmordversuchen erzählten. Und das hatte auch seine Komik, und diese Komik interessiert mich.

Einige von Müllers Interviews sind auch schon auf die Bühne gebracht worden. Haben seine Gespräche ein theatralisches Moment?

Das Interview, so wie es Müller geführt hat, war im besten Fall ein Dramolett, ein kleines Kammerspiel zwischen zwei Figuren. Heute haben Gespräche meist keinen Spielcharakter mehr, weil wir über ein gut gefülltes Reservoir an Antworten verfügen. Alle wissen immer schon alles. Viele Interviews sind nur Reproduktionen des bereits Bekannten, ob man nun mit Experten oder mit Künstlern redet. Müller wollte das genau nicht. Er war ein Genie des Augenblicks, der etwas provozieren wollte. Wenn zwei Personen miteinander reden, ist das eine komplexe, fragile und riskante Sache und eine hochtheatrale Situation, weil sich zwei Menschen präsentieren wollen. Elfriede Jelinek hat in einem Nachruf auf Müller geschrieben, dass er es geschafft habe, nicht zu sagen, was die Menschen sind, sondern wer die Menschen sind. 

Das süße Verzweifeln | R: Emanuel Tandler | 2.12.(P), 30.12. 20 Uhr, 13.12. 18 Uhr | Theater der Keller | 0221 31 80 59

Interview: Hans-Christoph Zimmermann

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