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„Bilder deiner großen Liebe“ (Proben)
Foto: Thomas Morsch

„Eine Parabel über das Leben“

23. Februar 2017

Bastian Kabuth zeigt „Bilder deiner großen Liebe“ am Theater der Keller – Premiere 03/17

Als Wolfgang Herrndorf 2010 mit „Tschick“ einen Bestseller landete, wusste er schon, dass er unheilbar krank war. Bis zu seinem Tod drei Jahre später arbeitet er am Manuskript von „Bilder deiner großen Liebe“ und hat, so berichten seine Freunde Kathrin Passig und Marcus Gärtner, einer Veröffentlichung noch zugestimmt. Der Roman um die 14-jährige Isa, die aus einer psychiatrischen Anstalt ausbricht, ist Herrndorfs Vermächtnis. Bastian Kabuth bringt ihn als Koproduktion zwischen demTheater der Keller und dem Theater Oberhausen auf die Bühne.

choices: Herr Kabuth, was hat Isa, die Hauptfigur aus „Bilder deiner großen Liebe“ von Wolfgang Herrndorf mit dessen Roman „Tschick“ zu tun?
Bastian Kabuth: „Bilder deiner großen Liebe“ ist als Fortsetzung von „Tschick“ gedacht. Dort ist Isa eher eine Nebenfigur. Die Verabredung der drei, dass man sich fünfzig Jahre später noch einmal am selben Ort treffen will, ist allerdings ein schönes Bild der Freundschaft und erzählt von einer großen Sehnsucht. In den „Bildern“ tritt Isa dann selbst in den Fokus. Der Roman beschreibt den Weg oder die Vorgeschichte Isas, bis sie die beiden Jungs trifft.

Ist die Passage im Stück wörtlich aus „Tschick“ zitiert?

Bastian Kabuth
Foto: Thomas Morsch

Bastian Kabuth wurde 1987 in Oberhausen geboren und wuchs in Essen auf. Nach ersten Erfahrungen als Regieassistent und Darsteller, ging er als Regieassistent ans Berliner Ensemble. Seit 2011 ist er als freier Regieassistent und Regisseur tätig, seit 2013 Regieassistent am Theater Oberhausen.


Ja. Trotzdem sehe ich diesen Roman losgelöst von „Tschick“ als völlig eigenständigen Text an. Als ich Roman und Stückfassung zum ersten Mal gelesen habe, habe ich gedacht, wie furchtbar kitschig das doch ist. Ich habe mich dann mit dem Autor Wolfgang Herrndorf und seinem Blog „Arbeit und Struktur“ beschäftigt, in dem er über seine Krankheit schreibt, die schließlich zum Tod geführt hat. Er hat darin sein Innerstes nach außen gekehrt und die Leser an jeder Sekunde der Furcht und der Hoffnung teilhaben lassen. Da habe ich verstanden, dass „Bilder deiner großen Liebe“ ein zutiefst autobiografischer Text ist.

Worin liegt die Parallele zwischen Isa und Herrndorfs Sterben?
Es geht nicht um unmittelbar autobiografische Momente. Wenn Wolfgang Herrndorf in seinem Blog einen tollen Tag, seine Naturverbundenheit, seine Stimmungen oder seinen Bezug zur Malerei beschreibt, dann ist das auch Teil von Isa. In seinem Aufbau und seiner literarischen Qualität ähnelt der Roman Herrndorfs Blog. Diese Qualität der poetischen Sprache ist motiviert aus der Gewissheit des bevorstehenden Todes. Auch die verwendeten Symbole, die Verweise auf Religion, Malerei oder Musik sind für mich bis ins Kleinste durchkomponiert.

Wessen Bilder sind das?
Es gibt eine unerfüllte Liebe von Herrndorf selbst, die vor allem in den poetischen Bildern eine Sehnsucht beschreibt. Das Stück ist aber auch ein Kniefall vor der Natur. Herrndorf spricht in einem Interview über seine Suche nach Ruhe, seine Naturverbundenheit, als Gegenbild zum Alltag der Klinik. Auch das könnten die ‚Bilder der großen Liebe‘ von Herrndorf sein.

Was bedeutet das für die Geschichte Isas?
Es ist eben nicht die Geschichte Isas, also eines jungen Mädchens von 14 Jahren, das ein paar Abenteuer erlebt. Es gibt eine zweite Figur, die als „Der Mann“ bezeichnet wird. Bei uns heißt sie „Eine Person“. Für mich ist Isa alles, was in dem Buch steht. Wie ein Kosmos, in dem es eigene Umlaufbahnen gibt. Isa ist die Verkörperung von Sehnsucht, die Projektion, die Hoffnung und die Fantasie. Der Mann steht eher für die Vernunft und die Realität. Beide bilden ein Gleichgewicht wie Ying und Yang. Zwei Planeten, die umeinander kreisen und voneinander abhängig sind. Mit dem Aufgehen des Tores in der Anstalt beginnt die gemeinsame Reise. Isa begegnet auf ihrer Reise ausschließlich Männern, dem Schiffskapitän, dem Rasen-mähenden Nachbarn, dem taubstummen Jungen oder dem Förster. Sie ist in einem Alter, in dem sie sich ihrer Mittel der Verführung bewusst ist. Wenn der Kapitän nicht freiwillig anhält, muss ich mein T-Shirt straffer ziehen, sagt sie an einer anderen Stelle. Sie wird allerdings eher zu einem Heimathafen für die Geständnisse von Fremden. Sie fühlt sich darin auch nicht unwohl, alles andere wäre eher eine Unterforderung für sie.

Inwieweit sind diese Männer überhaupt real?
Die Frage ist, ob Isa überhaupt aus dieser Welt der Anstalt herauskommt. Ich glaube nicht. Alle diese Männer, denen sie begegnet, sind Fantasiefiguren. Die Vaterfigur und die Erinnerung an die Nacht in dem warmen Schlafsack sind extrem wichtig für Isa. Die Erinnerung an einen Zustand vollkommenen Gleichgewichts und Glück. Alle männlichen Wesen in Isas Kosmos sind Projektionsflächen der Sehnsucht nach dem Schlafsackerlebnis. Es gibt Dinge, die Isa erlebt hat, und Dinge, die sie gerne erleben würde, aber nicht mehr erleben wird. Aus dem einfachen Grund, weil man sie nicht losgelöst von Herrndorf sehen darf. Die am Ende erzählte Parabel der Pistolenkugel, die in den Orbit fliegt und dann wieder in den Lauf zurückkehrt, beschreibt auch den Handlungsverlauf des Romans.

Ist das Stück bzw. der Roman selbst eine Parabel?
Das Stück hat für mich keine klare Dramaturgie. Es sind mehrere kleine Parabeln, aber es gibt keine Reise, an deren Ende Isa mit dem Kapitän glücklich den Kanal hinunterschippert. Es ist eine Aneinanderreihung verschiedener Bilder, sehr sprunghaft, mit einem Scheibenwischer, der immer wieder dazwischenfährt. Ein Reigen von Fotografien. Der Text ist eine Parabel über das Leben, die Zeit und über die Vergänglichkeit.

„Bilder deiner großen Liebe“ | R: Bastian Kabuth | Do 16.(P), Sa 18., Do 30.3. 20 Uhr | Theater der Keller | 0221 31 80 59

Interview: Hans-Christoph Zimmermann

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