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Oberbürgermeisterin Henriette Reker bei der Gedenkfeier am Waidmarkt

Die Erinnerung bleibt

03. März 2017

Achter Jahrestag des Stadtarchiv-Einsturzes – Spezial 03/17

Am 3. März 2009 ist am Waidmarkt das Stadtarchiv eingestürzt. Glauben konnte es im ersten Moment wohl niemand. Und nach acht Jahren steht man am Einsturzort noch vor demselben Scherbenhaufen des Versagens, das peu à peu aufgearbeitet wird. Der neue Stadtdirektor Dr. Stephan Keller bat bei der heutigen Gedenkfeier, organisiert von den Bürgerinitiativen „Köln kann auch anders“ und ArchivKomplex, noch um ein letztes Stück Geduld für den Abschluss einer fehlerfreien Beweissicherung in diesem Jahr, den sich sein Vorgänger schon für 2016 erhofft hatte. „Es verdichten sich die Hinweise, dass die Fehlstelle, die ja im Laufe des letzten Jahres immer weiter freigelegt wurde, die Ursache für den Einsturz des Stadtarchives gewesen ist.“ Vorraussichtlich in diesem Jahr würde die Stadt also außergerichtlich oder vor Gericht Schadensersatz bei den am Bau beteiligten Unternehmen einfordern. Der von der Staatsanwaltschaft für das Frühjahr angekündigte Strafprozess sei davon unabhängig.


Der neue Stadtdirektor Dr. Stephan Keller (mit Mikro) im Gespräch mit Frank Deja

Von einer jüngst ins Gespräch gebrachten Einstellung des unter Zeitdruck geratenen Strafverfahrens wollte Stephan Keller im Gespräch mit Frank Deja auch im Namen der Stadt nichts wissen: „Es muss jetzt darum gehen, eindeutig Verantwortlichkeiten zuzuweisen.“ Dies sei mit dem Beweismaterial in absehbarer Zeit möglich und mache die Angelegenheit dann auch einfacher. Auch die Justiz gehe daher davon aus, dass ein Urteil rechtzeitig zu erreichen sei. Es ginge für Keller nicht nur um Geld, sondern auch um Gerechtigkeit für die Opfer.

Oberbürgermeisterin Henriette Reker blickte auf den Tag des Unglücks zurück und erinnerte vor knapp hundert Menschen an die Opfer. „Wir trauern nach wie vor um die Opfer, zu denen nicht nur die beiden jungen Männer, deren Vornamen wir immer noch verwenden, gehören, sondern auch ein weiteres Todesopfer und andere Menschen, die diese schlimme Erfahrung, die hier gemacht worden ist, nicht mehr losgelassen hat.“ 


Die Kapelle „Trööt op Jück“ vor der Grube

Desweiteren hob Frau Reker die Wichtigkeit des Archivs für die Kölner Identität hervor. „Unsere historische Stadt, deren Museen, welche die Menschheitsgeschichte seit Christi Geburt wiedergeben, drohte ihr Gedächtnis zu verlieren.“ Die nun bereits laufenden Bauarbeiten am Eifelwall und die Fortschritte beim Wiederaufbau der Bestände gäben aber mittlerweile Anlass zum Optimismus. „Der weit überwiegende Teil des kollektiven Stadtgedächtnisses wird wieder nutzbar sein“ – das sei den Mitarbeitern des Stadtarchivs, diversen Institutionen, der Stadtgemeinschaft und auch Einzelnen zu verdanken. Mit der Eröffnung rechnet sie 2020.

Den beiden Initiativen dankte sie herzlich dafür, dass sie die Aufarbeitung der Katastrophe kritisch begleiten würden: „Das scheint hier sehr notwendig zu sein.“ Die Stadt Köln habe „mittlerweile einen dreistelligen Millionenbetrag investiert, damit die Unglücksursache wirklich festgestellt werden kann“ und würde die Anregungen der Inititiativen zum Umgang mit der Einsturzstelle „aufnehmen“. ArchivKomplex will insbesondere, dass am Einsturzort auch in Zukunft der Katastrophe gedacht werden kann – in einer von der Stadtgesellschaft noch zu findenden Form. Rekers Vorgänger hatte in den Vorjahren nicht mehr an den Gedenkfeiern teilgenommen.


Künstler Michael Kuball (r.) nahe seinem Schild: „Kein Kunstwerk im klassischen Sinn“

In diesem Sinne wurde im letzten Monat bereits Mischa Kuballs vor genau einem Jahr der Stadt als Schenkung präsentiertes Werk „Einsturzstelle“ vom Rat einstimmig angenommen. „Es kennzeichnet die Einsturzstelle auf den ersten Blick“, lobte Reker. Dass auch Fremde sofort wüssten, an welcher Stelle sie sich befänden, habe sie sofort überzeugt. Der an der KHM lehrende Düsseldorfer Konzeptkünstler selbst äußerte sich später ähnlich über das oft als Kunstwerk bezeichnete Schild: „Es ist ein Schild, das darauf aufmerksam macht, dass an dieser Stelle etwas passiert ist.“ Ihm ginge es darum, dass der Prozess des gemeinsamen Erinnerns und Austauschens weitergeführt werde. Mit der Annahme des Werkes ist die Sache für die Stadt aber nicht erledigt, wenn es nach Reker geht. „Ich glaube nicht“, sagt sie, „dass das ausreichend ist, um auf Dauer mit dieser Einsturzstelle umzugehen.“


Uraufführung des „Kölner Klagegesangs zum 3. März 2017“

Die Kapelle „Trööt op Jück“ spielte vor der Absperrung, an der Trauerkränze aufgehängt sind, Blues und Trauermärsche. Ein schwarz gekleideter Chor und der Rapper Becks trugen unter der Leitung von Andreas Herzau vor der Kneipe „Papa Rudis“ einen „Kölner Klagegesang“ vor, geschrieben von Reinhard Matz und online nachzulesen, und um 13:58 Uhr wurde eine lange Schweigeminute abgehalten.

Heute um 19.30 Uhr lädt „Köln kann auch anders“ im Forum VHS im Rautenstrauch-Joest-Museum zu einer zweistündigen Informations- und Diskussionsveranstaltung zur eingeleiteten Kölner Verwaltungsreform, mit Dr. Rainer Heinz, dem Leiter des OB-Referates „Strategische Steuerung“, seiner Mannheimer Kollegin Alexandra Kriegel und mit den Journalisten Peter Pauls und Frank Überall.

Text zum Kölner Klagegesang bei ArchivKomplex | www.archivkomplex.de/index.php/projekte/klagegesang | Köln kann auch anders | www.koelnkannauchanders.de

Text/Fotos: Jan Schliecker

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