Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
16 17 18 19 20 21 22
23 24 25 26 27 28 29

12.472 Beiträge zu
3.729 Filmen im Forum

„Hamlet“
Foto: VKKBA/Weimer

Der Pezziball des Dr. Seltsam

29. November 2012

Port in Air zeigt „Hamlet“ im Artheater – Theater am Rhein 12/12

In der neuen Produktion des Ensembles Port in Air hat es Shakespeares „Hamlet“ offensichtlich direkt in die 60er Jahre verschlagen: weiße Rollis, dickrandige Brillen, Pilzfrisur-Perücken und die Musik der Zeit. Und dann die auf der Bühne des Artheaters herumliegenden roten Pezzibälle. Sie werden von den Darstellern auf eine Weise gerollt, geworfen oder in die Luft gehoben, die jedem Fernsehballett Ehre gemacht hätte. Das sieht alles erst einmal gut aus, auch wenn sich nicht gleich erschließt, was es mit dem Stück zu tun haben soll. Und wenn plötzlich der Satz „Die Zeit ist aus den Fugen“ fällt, dann holen alle die Pilzperücken raus und die Show geht erst richtig los. Die 60er sind hier nicht die Zeit des politischen und künstlerischen Aufbruchs, sondern die Popkultur wird als Signum des Uneigentlichen verstanden.

Zwei Frauen haben im Hintergrund Aufstellung genommen: Rauchend, in Anzügen verkörpern sie den Geist von Hamlets Vater, ein androgynes Doppel-Über-Ich, das das kindische Treiben bei Hof den ganzen Abend im Blick behält. Dessen Herrscher Claudius sitzt im Rollstuhl, lässt sich von Hamlets Mutter Gertrud einen blasen; Horatio sieht aus wie Austin Powers, Ophelias Vater Polonius wütet wie ein Brüllaffe und erinnert an Stanley Kubriks „Dr. Seltsam“, Rosenkranz und Güldenstern sind zwei tumbe geklonte Barbiepuppen. Regisseur Aczel löst zwar die Figurenzuschreibungen nicht ganz auf, er spielt aber mit den Identitäten und lässt den Text mitunter frei zwischen den 13 Darstellern flottieren.

Hamlet gibt sich dem sich steigernden Irrsinn der aus den Fugen geratenen Zeit hin, die Aufforderung des Geistes zum Handeln wird hier als eine zum Spiel verstanden, das sich bis zum neurasthenischen Wahnsinn steigert – und der Prinz mit einem Stab ein kleines Gemetzel veranstaltet. Der Tod als Realitätsvergewisserung. Doch selbst der Gewaltakt führt nur in eine Fernsehshow und eine Gruppentherapie. Aczel und seine Darsteller reizen die darstellerischen Möglichkeiten bis zum Slapstick, drehen Shakespeares Text durch ihre Sprechmangel, bis er mitunter zum reinen Klangmaterial mutiert – für die interpretatorische Ebene hat das allerdings nur begrenzte Folgen.

„Hamlet“ von Port in Air | R: Richard Aczel | Artheater | weitere Termine im Februar 2013, | www.artheater.de

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen? Als unabhängiges und kostenloses Medium sind wir auf die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser angewiesen. Wenn Sie uns und unsere Arbeit finanziell mit einem freiwilligen Betrag unterstützen möchten, dann erfahren Sie über den nebenstehenden Button mehr.

Neue Kinofilme

Leander Haußmanns Stasikomödie

Lesen Sie dazu auch:

In der Höhle verkriechen
Warme Klänge in kalten Zeiten – Unterhaltungsmusik 01/19

Jesus spielt Trompete
Die Mooving Krippenspielers ziehen übers Land – Improvisierte Musik in NRW 12/18

Die wunderbar depressive Welt der Stefanie Sargnagel
Die Autorin von „Statusmeldungen“ im Artheater – Literatur 10/17

Kollektivgefühle und quietschendes Publikum
Wenn die Bühne zum Experiment wird: „Kunst gegen Bares“ im Artheater – Bühne 05/17

Land der Angst und Willkür
Gezi Soul: Podiumsdiskussion zur Türkei – Spezial 12/16

Für Meinungsfreiheit und Vielfalt
Das Kulturfestival Gezi Soul in Ehrenfeld verbindet Köln und Istanbul

Oper unter Strumpfmaske
Wagners „Meistersinger“ im artheater – Theater am Rhein 01/14

Theater am Rhein.

Hier erscheint die Aufforderung!