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Stefanie Sargnagel (l.) und Klitclique im Artheater
Foto: Florian Holler

Die wunderbar depressive Welt der Stefanie Sargnagel

25. Oktober 2017

Die Autorin von „Statusmeldungen“ im Artheater – Literatur 10/17

Ab und zu gibt es im Artheater am Ehrenfeldgürtel zwar Theaterstücke zu sehen, aber das Hauptgeschäft findet zweifellos zu wummernden Bässen Freitag- und Samstagnacht statt. Am Sonntagabend kündigte sich allerdings mit Stefanie Sargnagel eine Bachmannpreisträgerin an (zugegeben: es war „nur“ der Publikumspreis), und der Saal war schon Tage vorher ausverkauft.

Stefanie Sargnagel ist eine sonderbare Erscheinung in der deutschsprachigen Literatur. Berühmt wurde sie über Facebook. Hier breitet sie seit Jahren kleine Anekdoten, groteske Beobachtungen und politische Polemiken aus. Tausende Abonnenten zieht sie damit an. „Statusmeldungen“ ist mittlerweile das vierte Buch, welches die kurzen Einträge in Buchform bündelt. Sargnagel eckt an, gerade in ihrer Heimat Österreich. Angeführt von der Kronen Zeitung und der FPÖ geisterten monatelang groteske Vorwürfe durch die Medien, die behaupteten, Sargnagel würde steuerfinanziert Babykatzen quälen. Das Ganze geht auf einen scherzhaften Facebook-Post Sargnagels zurück, der genutzt wurde, sie zu diskreditieren und eine Hetzjagd zu veranstalten.

Woran das liegt? „Das ist ein klassischer Reflex von rechtskonservativen Männern, die mit Angst auf eine Frau reagieren, die öffentlich etwas sagt. Ein recht klassisches Muster“, findet sie. „Das bekomme ja nicht nur ich, sondern auch andere Frauen in besonderer Härte ab. Wenn die meinen sie müssten mich so vehement bekämpfen, zeigt das ja auch dass ich was erreiche und das ist ja ein gutes Zeichen.“ Dass sie gerade für die politisch Rechte als Zielscheibe fungiert, hängt sicherlich auch mit provokativen politischen Statements zusammen, die ihr immer wieder Anfeindungen aus dem rechten Lager bescheren. Im Sommer 2015, als die Balkanroute gesperrt war, half sie Flüchtlingen über die Grenze nach Österreich. Ein anderes immer wiederkehrendes Thema ist ihr feministisches Engagement. Ein Dorn im Auge von FPÖ und Co.


Stefanie Sargnagel, Foto: © Alexander Goll

Doch Stefanie Sargnagel ist in erster Linie nicht politische Aktivistin, sondern Künstlerin. „Statusmeldungen“ bündelt ihre Facebook-Einträge von 2015 bis 2017. Während die letzten Bücher vor allem über ihr Leben zwischen verrauchen Kneipen, der Kunstuni und ihrem Job beim Callcenter handelten, ist „Statusmeldungen“ auch ein Dokument ihres sozialen und gesellschaftlichen Aufstiegs. Vom Wiener Kulturprekariat zur Stadtschreiberin in Klagenfurt. Von den verrauchten Kneipen zu Yoga und Psychoanalyse. So könnte man den Werdegang Sargnagels zusammenfassen. Auch den Job beim Callcenter, der zur Anlaufstelle der Verrückten und Einsamen geworden ist, hängt sie an den Nagel. Gerade die sogenannten Callcenter-Monologe machten den Reiz der letzten Bücher aus.

Ob sie glaubt, dass sie nun die Inspiration verlässt? „Sicher finde ich Geschichten aus dem Prekariat noch interessanter, aber ich denke, das ist auch normal und so ähnlich wie bei Rappern, die am Anfang über das Ghettoleben gerappt haben und jetzt nur noch erzählen, wie reich sie sind und wie viele Groupies man hat. Aber es ist eine natürliche Entwicklung und es kommen dann hoffentlich auch Leute nach, die über das Prekariat berichten und die ich auch unterstützen werde. Außerdem haben Macht und Geld auch was für sich“, oder wie es in Statusmeldungen heißt: „20.2.2016: Immer wenn ich befürchte, durch meine steigende Bekanntheit überheblich zu werden, lese ich meine alten Texte und bin beruhigt, dass ich unbekannt schon genauso überheblich war“.

Dass sie auch als etablierte Schriftstellerin ihren scharfzüngigen Humor und den Blick für das Tragikomische des Alltags nicht verloren hat, kann man in „Statusmeldungen“ nachlesen. Die Einträge changieren zwischen schneller Pointe („6.8.2015: Ich glaub nicht, dass es Zufall is, dass so viele Afrikaner nach Österreich kommen und plötzlich hamma 40 Grad!“ und treffenden Beobachtungen ihres eigenen Seelenlebens und ihres Milieus. Die Stärke ihrer Texte liegt in ihrer schonungslosen Ehrlichkeit mit sich selbst, mit dem sie sich und ihr Tun immer wieder kommentiert und eine ironisch gebrochenen Ratlosigkeit ausstellt, die viele ihrer Altersgenossen mit ihr teilen. Die Widersprüche des modernen Lebens werden zwischen dem kalten Glanz der Konsumpaläste in der Lugner City und dem trostlosen, fettigen Essen der asiatischen All-You-Can-Eat-Restaurants bespiegelt.

Auf der Lesereise wird sie begleitet von der Klitclique, zwei Raperinnen, die sie aus der satirisch-feministischen Burschenschaft Hysteria kennt, der auch das Buch gewidmet ist. Auch der Klitclique ist der ironisch gebrochene Ton nicht fremd, wenn sie über Cloudrap-Beats mit feministisch-dadaistischen Texten wandern. Nach dem Auftritt des Duos kommt Sargnagel auf die Bühne und beweist, dass sie mittlerweile Profi ist. Zielsicher und entspannt bringt sie ihre Pointen unter. Das Publikum hat sie schnell für sich gewonnen. „Ganz Deutschland liegt uns zu Füßen“, behauptet sie. Im April ist ein weiterer Auftritt geplant. Wieder soll es Literatur im Artheater geben. Wohl kann man davon ausgehen, dass Deutschland und Köln ihr weiterhin zu Füßen liegen werden.

Stefanie Sargnagel: Statusmeldungen | Rowohlt | 304 S. | 19,95 €

Florian Holler

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