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Foto: Jochen Müller

Der Nagel ruft

05. April 2019

Kunst auf Zeit erwerben in der Artothek – Kulturporträt 04/19

„Wie spannend. Davon habe ich noch nie gehört.“ Das ist der gewöhnliche Ausruf des Entzückens, den Menschen bekunden, die erstmals mit dem Prinzip der Artothek konfrontiert werden. Für Astrid Bardenheuer, die Leiterin der Artothek in der Innenstadt, ist die Überraschung der Besucher im Haus Saaleck schon zur Routine geworden. Sie erlebt, dass selbst Studierende der Kunstgeschichte noch nicht von der Institution gehört haben, die es seit 1973 in Köln gibt. Wie in einer Bibliothek kann man hier Kunstwerke ausleihen. Für eine Gebühr von sechs Euro hängt das jeweilige Bild dann zehn Wochen in den eigenen vier Wänden. Die Idee zu dieser Form der Kunstbegegnung stammt aus der bildungsbürgerlichen Ära der vorletzten Jahrhundertwende. Heute gibt es über 120 Artotheken in Deutschland, die auf ihre Weise Künstlerförderung und Vermittlungsarbeit leisten, um Menschen an die Zeitgenössische Kunst heranzuführen.

In der Kunststadt Köln gab es immer Bürger, die sich für derartige Projekte einsetzen. Das war in der Vergangenheit auch notwendig, da die Verwaltung diese Begeisterung nicht zu jeder Zeit teilte und die Artothek auch schon einmal einsparen wollte. Prompt gründete sich der Verein der Freunde der Artothek und so konnte diese interessante Institution gerettet werden. Astrid Bardenheuer betont den demokratischen Charakter des Projekts, das jedem den unmittelbaren Zugang zur Kunst eröffnet, ohne dass man dafür großartig investieren müsste.

In Köln befindet sich die Artothek im Haus Saaleck gleich einen Steinwurf vom Dom entfernt. Ein mächtiges Bürgerhaus, das dem 15. Jahrhundert entstammt. Im Inneren wurde es umgebaut und enthält eine elegant geschwungene Architektur aus den fünfziger Jahren, die sich über zwei Stockwerke erstreckt. Hier werden Ausstellungen platziert, die nicht selten auch Installationen und Videoarbeiten enthalten. Auch wenn solche Kunstwerke nicht ausgeliehen werden können, will sich Astrid Bardenheuer ihnen gegenüber nicht verschließen. Derzeit zeigt sie etwa Installationen der Ausstellung „Empty Afternoons“ der 29-Jährigen Lito Kattou, die in der Internationalen Kunstszene viel Aufmerksamkeit erzielt und mit dem Art Cologne Award for New Positions ausgezeichnet wurde.

Über die Jahre entstand in der Artothek eine eigene Sammlung von etwa 2000 Werken. Besonders beliebt bei den Nutzern sind Arbeiten von Roy Lichtenstein, Andy Warhol oder David Hockney, aber es gibt auch Schwerpunkte aus dem Umfeld der lokalen Kunstszene und unter jüngeren Kunstschaffenden.

Durch eine Künstlerin, die im Haus Saaleck ausgestellt hatte, kam der Kontakt zu einer Kita zustande, dort gab es wache Erzieherinnen, die die Kunstleihe fortführten. Inzwischen sind in zahlreichen Schulen und Kitas Werke aus dem Bestand zu sehen. Eine Chance, um neue Generationen für die Kunst zu gewinnen.

Alle Bilder sind versichert. Eine Tatsache, die die Nutzer beruhigt, wie Astrid Bardenheuer erklärt, denn es komme durchaus zu Transportschäden oder es falle zu Hause schon einmal ein Nagel aus einer porösen Wand. Gewöhnlich ist es aber so, dass der Nagel nach zehn Wochen nach einem neuen Bild verlangt. So kommt es, dass manche Nutzer seit 25 Jahren in der Artothek ihr Leben mit zeitgenössischen Kunstwerken auffrischen.

Artohtek | Am Hof 50 | www.artothek.org

Thomas Linden

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