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„Weltproben – eine Versammlung“
Foto: Thomas Morsch

„Den Alltag als etwas Eingeübtes zeigen“

30. Juni 2016

Drama Köln geht in „Weltproben“ der Verschwörung der Realität auf den Grund – Premiere 07/16

Projekte im öffentlichen Raum ähneln immer ein wenig einer Verschwörung. Da stehen plötzlich Zuschauer mitten auf der asphaltierten Lichtung und beobachten etwas, woran der gemeine Passant keinen Anteil hat. Er bleibt ein Ausgeschlossener, während die anderen Mitwisser sind. Drama Köln geht noch einen Schritt weiter und zerrt gleich die Realität selbst vor den Richterstuhl des Authentischen. Unser Alltag? Nur ein riesiger Fake! Eine Simulation! „Weltproben – eine Versammlung“ positioniert sich in realen Verstecken, um endlich den Blick hinter die Kulissen zu wagen. Um die Strippenzieher des Alltags bei der Arbeit zu beobachten. Ein Gespräch mit Oberstrippenzieherin Philine Velhagen.

choices: Frau Velhagen, warum muss die Welt geprobt werden?
Philine Velhagen: Weil sie eine große, nicht enden wollende Inszenierung ist. Unsere Grundidee besteht darin, den Alltag als etwas Eingeübtes zu zeigen. Wir lernen alles, was wir tun: Wie wir uns verhalten, wie wir über die Straße gehen, wo wir stehen bleiben. In seinem Film „Leben BRD“ zeigt Harun Farocki einen Alltag, der allein aus Übungssituationen besteht: Von der Hebammenschule, in der mit Puppen trainiert wird, bis zum Verkehrspolizisten, der den Schülern das Verhalten auf der Straße beibringt. Das Leben als unendliche Übung. Das berührt unterschiedliche philosophische Aussagen von Baudrillards Simulationsbegriff bis zum radikalen Konstruktivismus. Wir versuchen, diese philosophischen Erkenntnisse in einen Parcours oder eine Übungsfläche von der Welt als Simulation, als Verschwörung oder riesiger Film zu übersetzen.

Wie lässt sich denn der Alltag als Übungssituation zeigen?

​Philine Velhagen
Foto: privat
Philine Velhagen, geboren 1972 in Hamburg, hat Theaterwissenschaft und Komparatistik an der LMU München studiert. Sie arbeitete als Regieassistentin am Theater Basel. Seit einigen Jahren ist sie freischaffend als Theater- und Hörspielregisseurin in Köln und München tätig. Projekte realisierte sie u.a. am Pathos transport theater, Garage X Wien, FFT Düsseldorf. Seit Anfang 2012 leitet sie Drama Köln.

Es geht darum, den Alltag mit seinen eigenen Mitteln zu schlagen. Also um eine strategische Affirmation. Durch Übertreibung den Alltag zu dekonstruieren und ihn als etwas Gemachtes zeigen. Aber zu allererst muss man gut beobachten können. Assimilieren. Empathisch werden – eine Fähigkeit, die wir wieder trainieren sollten. Man kann das auf vielfältige Weise tun. Mich interessiert daran, im Betrachten des Alltags mit der Welt in Verbindung zu treten. Durch die Beobachtung geht eine Welt hinter der Welt auf, die man vorher nicht gesehen hat.

Geht es um Entlarvung?
Nicht wie im Film „Matrix“ oder dergleichen, dass es eine richtige oder wahre Welt hinter der falschen gibt. Es geht auch nicht um eine utopische Alternativwelt. Die Zuschauer werden eingeladen, den Alltag auf einem Platz in Köln und in Düsseldorf zweckfrei zu beobachten, ohne zunächst selber daran beteiligt zu sein. Sie werden dazu stimuliert in einen Zustand der Kontemplation einzutreten, in dem sich feste Bedeutungen aufheben können. Durch das von uns geleitete Beobachten kann sich ein Abstand zu den Dingen und Menschen einstellen, alles wirkt auf einmal künstlich. Man kann fühlen, dass der Alltag eine Verabredung ist. Man kann durch den Abstand auch empathisch auf die Welt schauen, wenn man nicht gerade selbst zur U-Bahn rennt und jemand einen anrempelt. Wenn das klappt, ist schon viel erreicht.

Was ist das Besondere an den beiden Plätzen in Köln und Düsseldorf?
Normalerweise sind das Plätze, die als Durchgangsorte genutzt werden. Weniger Plätze, an denen man sich aufhält. Die beiden Orte sind allerdings sehr unterschiedlich. Vor allem der Kölner Platz, der hier noch nicht verraten werden soll, ist ultrakrass. Das wird eine Herausforderung, dort nicht aufzufallen.

Und was passiert dann mit den Beobachtungen?
Reenactment ist das Zauberwort. Normalerweise werden eher bedeutende Ereignisse reenactet, Schlachten oder ein berühmter Prozess. Wir nehmen uns den Alltag vor. Das können ganz kleine Situationen sein: Wie man sich mit jemandem unterhält, der Blick in die Tasche oder das Herausnehmen des Handys. Das Warten an der Ampel. Eigentlich geht es uns um den unauffälligen Alltag. Darin liegt für mich das Besondere, auf so einem Platz liegt die ganze Welt vor unseren Augen.

Wie werden die Szenen geprobt?
Wir werden die Zuschauer in einen Beobachtungsmodus bringen. Das, was wir zusammen mit den Zuschauern beobachtet haben, werden wir dann versuchen nachzuahmen. Ich verwandle mich in den Menschen, den ich gerade an der Ampel gesehen habe. Unsere Übungsorte sind in der Wirklichkeit versteckt. Da ist zum Beispiel ein Secondhand-Laden, in dem wir mit den Zuschauern Alltag üben. Oder ein Hotel mit dem Zimmermädchen. Unsere Verschwörer tarnen sich als Teil dieser Welt. Die finnische Performerin Anna-Maja Terävä von der Gruppe Oblivia wird als Tänzerin mit den Teilnehmern arbeiten. Alice Ferl von der Performancegruppe „Lukas und“ ist als Soundexpertin dabei und überschreibt die Tonereignisse des Platzes.

Geht es darum, etwas unbemerkt in den Alltag zu implantieren oder durch Verdoppelung das Gemachte zum Vorschein zu bringen?
Beides eigentlich. Ich bin gespannt, ob überhaupt bemerkt wird, was wir auf den Plätzen machen. Ich denke, der Schlüssel liegt in der Wiederholung, die auch im Theater ihren Reiz hat. Wie reagieren aber die Passanten in der Realität, wenn in kürzester Zeit Abläufe in der Wiederholungsschleife stecken bleiben? Die Performance ist von der Struktur her wie ein Krimi oder eine Verschwörung angelegt, weil alles undercover funktioniert. Aber hey, das ist alles ultra geheim. Pssstttt... Sonst fallen wir noch auf.

„Weltproben – eine Versammlung“ | Idee u. Konzeption: Philine Velhagen | Mo 11., Di 12., Mi 13.7. 18 Uhr | Drama Köln | Anmeldung nur unter info@drama-koeln.de

Interview: Hans-Christoph Zimmermann

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