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Schafft eine Musik, die dem Schweben gleicht, Komponist Toshio Hosokawa,
Foto: Kaz Ishikawa

Das Leben als Traum

25. August 2011

„Hanjo“ von Toshio Hosokawa bei der Ruhrtriennale - Opernzeit 09/11

Die Kammeroper „Hanjo“ schlägt die Brücke zwischen Ost und West: Einerseits ist die Textvorlage von der Tradition des No-Theaters beeinflusst, andererseits überwindet die Vertonung die streng kodierte Ausdrucksform der japanischen Theatertradition durch die Einflüsse zeitgenössischer Musik und macht das Erleben der Figuren auch für den Europäer unmittelbar erfahrbar. „Das Nô-Drama ist etwas Jenseitiges, wie ein Traum, und ich schrieb Hanjo selbst wie in einem Traum. Es ist ein Drama, das sich vor und zurück über die Grenzen von Traum und Realität – von Wahnsinn und Klarheit – bewegt“, schreibt der japanische Komponist Toshio Hosokawa über seine Kammeroper „Hanjo“, die 2004 in Aix-en-Provence mit großem Erfolg uraufgeführt wurde. Die Essenz der Musik des Nō vergegenwärtigt der Komponist in einer zeitgenössischen Klangsprache. Mit westlichen Instrumenten schafft er Klangassoziationen, die an ein östliches Instrumentarium erinnern. Rhythmische Zeitabläufe werden aufgehoben, ein schwebender Eindruck stellt sich beim Hören ein. Es ist eine Musik im Schwebezustand, die Schweigen hervorbringt.

Die Textvorlage basiert auf dem gleichnamigen No-Spiel von Yukio Mishima aus den 50er Jahren. Der Titel bezieht sich auf die chinesische Kaiserin Hanjo, die ihr Schicksal als verlassene Frau mit dem eines weggeworfenen Fächers vergleicht. Somit wird ihr Name zum Synonym für die verlassene Frau, die Mishima in den Mittelpunkt seines Theaterstücks stellt. Hanako irrt am Bahnhof umher. Seit Jahren wartet die Geisha auf die Rückkehr des Geliebten. Bei ihrem Wiedersehen, so hat es das Paar vor der Trennung vereinbart, werden sie sich an ihren Fächern wieder erkennen und mit dem Fächertausch ihre Liebe besiegeln. Jitsuko, eine ältere Frau, nimmt sich der als verrückt geltenden jungen Geisha an: Sie ist fasziniert von der Kraft der Liebe Hanakos, die sie ihr unerfülltes Dasein vergessen lässt. Sie kauft Hanako aus dem Geishahaus frei. Jutsiko bezeichnet sich selbst als eine Frau, die die Liebe nicht gekannt hat: Hanako ist für sie ein Fixstern, der leuchtet, während sie sich als Stern verglühen sieht. Doch der Geliebte Yoshio kehrt zurück und beansprucht Hanako für sich. Er provoziert seine Konkurrentin Jutsiko: sie gibt ihre Gefühle und zugleich ihre Abhängigkeit von Hanako preis – damit verliert sie ihr Gesicht, und er überwindet ihren Widerstand. Doch Yoshio gelingt es nicht, sich Zugang zu der Welt seiner ehemaligen Geliebten zu verschaffen. Sie erkennt ihn nicht wieder. In letzter Konsequenz erklärt sie Yoshio für tot. Am Ende bleiben die beiden Frauen alleine zurück: „Wir bleiben hier, wir träumen unseren Traum weiter.“

In diesem Schluss spiegelt sich Mishimas radikale Kunstauffassung wider: Der Mensch kann nur in der imaginären Welt der Kunst zu sich selbst finden, in ihr überwindet er das Inkongruente, das Verfälschende und Verfremdende der Realität. Der Rückzug in das eigene Innere bietet Hanako und Jutsiko eine letzte Möglichkeit, sich über die Widrigkeiten der Realität zu erheben und sich von ihnen zu befreien: Der Traum wird in der Vorstellung als wirklich und real erfahren. Das lässt sie überleben, jenseits der Realität der Allgemeinheit.

Premiere: 29.9. I Gebläsehalle Duisburg I weitere Aufführungen am 1./3./5./7./8.10

KERSTIN MARIA PÖHLER

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