Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
17 18 19 20 21 22 23
24 25 26 27 28 29 30

12.570 Beiträge zu
3.796 Filmen im Forum

„Chora“
Foto: Michael Maurissens

Tanz auf Augenhöhe

28. November 2023

„Chora“ in der Tanzfaktur – Tanz in NRW 12/23

Wenn wir etwas beobachten, fühlen wir nicht, sondern sind einem Gefühl ausgesetzt. Auf dieser Situation basiert das Theater seit seinen antiken Anfängen. Heute finden sich vor allem in der freien Tanzszene viele Produktionen, die die Distanz zwischen Betrachtenden und Agierenden auflösen möchten, so dass das Publikum Teil einer Performance wird. Was allerdings selten überzeugend gelingt. In Bonn hat die CocoonDance Company das Theater im Ballsaal für seine neue Produktion „Chora“ von allen Sitzmöbeln befreit. Die Chora ist eine griechische Bezeichnung für die Dorfgemeinschaft und Verschmelzung spielt in dieser Inszenierung eine zentrale Rolle. Zunächst stehen die Menschen ratlos im Halbdunkel, erst allmählich schält sich heraus, wer zum siebenköpfigen Ensemble von Cocoon gehört.

Die Tänzerinnen und Tänzer bewegen sich durch die Menge, in wechselnden Tempi. Als Besucher muss man ständig seine Position wechseln, um das Geschehen verfolgen zu können. Mühsam ist das nicht. Im Gegenteil, die Akteurinnen befinden sich auf gleicher Höhe mit dem Publikum, stets geschieht irgendetwas in unmittelbarer Nähe. Das Licht taucht die sich verändernden Situationen im Raum in eine Atmosphäre, die entrückt oder alarmiert. Der Sound von Jörg Ritzenhoff und Franco Mento vermittelt ein Raumgefühl, das virtuos mit Weite oder Enge spielt. Auf subtile Weise forciert es Emotion durch Lärm oder Rhythmus und gleitet dann wieder in ruhigeres Fahrwasser.

Im Kern geht es hier um das Wesen der Bewegung, das sich in den unterschiedlichen Medien von Licht, Ton und Tanz entäußert. Die Qualität der Cocoon-Produktionen – die aus der Handschrift von Choreographin Rafaele Giovanola und Dramaturg Rainald Endrass hervorgeht – liegt in der Korrespondenz von äußerer und innerer Bewegung. Diesmal setzt man ganz auf den Effekt der Performance. Was zählt, ist das, was man sieht. Das Publikum folgt den Tänzerinnen und Tänzern, die sich gegen Ende in einen vielgestaltigen Körper verwandeln, der gleich einer Welle aus Leibern durch den Raum vagabundiert.

CocoonDance ist immer innovativ, diesmal scheint das Team aus Bonn auszutarieren, wohin der Weg in Zukunft führen wird.

Chora | 8., 9.12. 20 Uhr | Tanzfaktur Köln | 0221 22 20 05 83

Thomas Linden

Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen? Als unabhängiges und kostenloses Medium sind wir auf die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser angewiesen. Wenn Sie uns und unsere Arbeit finanziell mit einem freiwilligen Betrag unterstützen möchten, dann erfahren Sie über den nebenstehenden Button mehr.

Neue Kinofilme

The Bikeriders

Lesen Sie dazu auch:

Vor der Selbstverzwergung
Ausstellung zu den „Goldenen Jahren“ des Tanzes in Köln – Tanz in NRW 06/24

Freiheitskampf
„Edelweißpiraten“ in der TF – Theater am Rhein 06/24

Philosophie statt Nostalgie
Das Circus Dance Festival in Köln – Tanz in NRW 05/24

Das Unsichtbare sichtbar machen
Choreographin Yoshie Shibahara ahnt das Ende nahen – Tanz in NRW 04/24

Tennismatch der Kühe
„Mata Dora“ in Köln und Bonn – Tanz in NRW 03/24

Kommt die Zeit der Uniformen?
Reut Shemesh zeigt politisch relevante Choreographien – Tanz in NRW 02/24

Emotionale Abivalenz
„Sohn meines Vaters“ in Köln – Theater am Rhein 01/24

Am Ende ist es Kunst
Mijin Kim bereichert Kölns Tanzszene – Tanz in NRW 01/24

Eine Sprache für Objekte
Bundesweites Festival Zeit für Zirkus 2023 – Tanz in NRW 11/23

Die Sprache der Bewegung
Die Comedia lockt das junge Publikum zum Tanz – Tanz in NRW 10/23

Überleben im männlichen Territorium
Festival Urbäng! 2023 im Orangerie Theater – Prolog 09/23

Kinshasa und Köln
„absence#4“ im Barnes Crossing – Tanz in NRW 09/23

Tanz.

Hier erscheint die Aufforderung!