Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
17 18 19 20 21 22 23
24 25 26 27 28 29 30

12.459 Beiträge zu
3.717 Filmen im Forum

Foto: Thomas Aurin

Wenn das Bürgertum erst einmal loslegt

29. Januar 2020

„Aus dem bürgerlichen Heldenleben“ im Depot 1 – Theater am Rhein 02/20

„Und dann ich auf ihn – bumm – bumm – und Schluss – mit Infanterie, Artillerie und massenhaft Reserven Kavallerie“. Wenn der skurrile Bruno Cathomas damit trotz Massenmord auf den ersten Schlachtfeldern des vergangenen Jahrtausend die schmalen Lacher im Kölner Depot 1 auf seiner Seite hat, hat Lilith Stangenberg ihren Auftakt-Monstermonolog (gefühlt ´ne Stunde) als Europa bereits hinter sich. Die pure Lebenslust schlich da an die Bar von„Clärchens Ballhaus“ in Berlin (Bühne:Aleksandar Denić), taumelte durch Orgasmen zwischen Politik und Erotik, bis hin zum Fall im Feld. Tauchte ab, kroch hervor, rauchte endlos – was für eine Konzentration. Und was für ein anstrengender Akt der Verfolgung wüster Wortgebilde, den das Publikum in Frank Castorfs Inszenierung von „Aus dem bürgerlichen Heldenleben“ nach Carl Sternheim da aufbieten musste – und es sollten noch über vier Stunden grandioser Fokussierung folgen, die eigentlich jeder Besuch eines Castorf-Abends erzwingt – das Premierenpublikum jedenfalls schien vorbereitet, nur einzelne entzogen sich der Exegese mehrerer Textwerke, die vonLilith Stangenbergs „Europa“ (aus dem gleichnamigen Roman) in wechselnden Rollen durchmischt werden.

Der Vorhang schließt sich, hastig wird ein Pavillon aus Kunststoff-Folie und Dachlatten errichtet, nebst unbenutztem Wasserklosett und Sitzgelegenheit. Theobald Maske hat einen Raum schaffen lassen, nachdem seine Frau Luise ihre Hose in der Öffentlichkeit verloren hat, Sternberg selbst hat die Theaterstücke„Die Hose“, „Der Snob“, „1913“ und „Das Fossil“ mit dem Roman „Europa“inhaltlich zusammengefasst. Castorf macht daraus eine wogende Melange, zur dankbaren Freude aller, hält er „fossil am Erprobten“ fest, mit Livekamera und einrollbarer Videowand, die Intimes an Mimik offenbart und später auch Erotik im Obergeschoss. Ein Krokodil kreuzt den Ballsaal, die Uckermark bringt keine Lacher, zu hochkonzentriert ist das Publikum. Ulrike zertrümmert den Pavillon, Christian Maske, das enorm schnell gewachsene Kind von Theo und Luise, schickt als Aufsteiger im Kolonialreich flugs Geliebte und Eltern in die Schweiz, zeitgenössische Zitate wehen durch den Raum und Anekdoten aus dem Theaterleben der Belle Époque.Am Ende noch das Ende von Murnaus Abenteuerfilm „Tabu“ (1931). Der russische Kosmonaut Juri Gagarin sagte: „Dunkel, Genossen, ist der Weltraum, sehr dunkel. Mehr braucht niemand zu wissen.“

„Aus dem bürgerlichen Heldenleben“ | R: Frank Castorf | 7.2., 29.2. je 18 Uhr, 9.2. 17 Uhr | Schauspiel Köln, Depot 1 | 0221 22 12 84 00

PETER ORTMANN

Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen? Als unabhängiges und kostenloses Medium sind wir auf die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser angewiesen. Wenn Sie uns und unsere Arbeit finanziell mit einem freiwilligen Betrag unterstützen möchten, dann erfahren Sie über den nebenstehenden Button mehr.

Neue Kinofilme

Sing – Die Show deines Lebens

Lesen Sie dazu auch:

Der dunkle Schatten des Doms
Nicola Gründel spielt in Oliver Frljiićs Produktion über den Dombau – Premiere 12/21

Schaler Aufguss
Schauspiel Köln zeigt „Die Lücke 2.0“ – Theater am Rhein 12/21

Blinder Glaube
„Metropol“ am Schauspiel Köln – Theater am Rhein 11/21

„Viele empfinden sich wie Eichmann als Opfer der Umstände“
Thomas Jonigk bringt Heinar Kipphardts „Bruder Eichmann“ auf die Bühne – Premiere 10/21

Gemütsmensch im religiösen Minenfeld
„Nathan der Weise“ am Schauspiel Köln – Auftritt 10/21

Liebe, Sex und Chaos
Rückblick auf „Edward II“ am Schauspiel Köln – Bühne 07/21

Zeigen und bezeugen
„Schwarzwasser“-Film am Schauspiel Köln – Theater am Rhein 07/21

Theater am Rhein.

Hier erscheint die Aufforderung!