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Foto: Ana Lukenda

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24. April 2019

„Alles Weitere kennen Sie aus dem Kino“ am Offenbachplatz – Theater am Rhein 05/19

Das Orakel sagte: „Solltest du dich je unterstehen, einen Sohn zu zeugen, so wird dieser seinen Vater erschlagen und seine Mutter heiraten.“ Schön blöd diese Kinderlosigkeit in der Antike, besonders wenn man König ist und seine Pfründe zusammenhalten will. Im Kölner Schauspielstudio am Offenbachplatz geistert in „Alles Weitere kennen Sie aus dem Kino“ sogar verbal die Sphinx durch den Raum, der anfangs gelb mit Kinomaschinenraum an der Rückwand und zwei Wachtürmen rechts und links an der Rampe noch eine Art Testbild zeigt, als die drei „Phönizierinnen“ des Euripides aus dem Publikum hüpfen und vorsätzlich sinnlose Fragen stellen. So verworren geht es weiter, aber es ist eben Martin Crimp-Time, kein Hard Brexit, eher vorausschauend europafreundlich.

Der Autor, vor Äonen mal „Neue britische Dramatik“, mischte 2013 in die blutige antike Mythenstory von Sophokles über Ödipus und den Preis des echt langatmigen blöden Fluchs Slang und aktuelle jugendliche Kurzsätze. Mit „Machen wir sie platt“ stürzt man sich ins Schlachten, mit „Wen fickt eine Sphinx und wann?“ und „Sind sie wirklich zufrieden?“ sind auch die wichtigsten Fragen der Jetztzeit wohl gestellt.

Die englische Regisseurin Lily Sykes inszeniert in Köln mit neun sehenswerten Studierenden der Leipziger Hochschule für Musik und Theater, und das gibt der ganzen Szenerie nicht nur etwas frisches Blut, sondern oft auch – neben Abu-Ghuraib-Assoziationen und viel Modern-Dance-Choreografie über Opferkulte – Authentizität, denn älter waren die zwei Streithähne Thebens Eteokles und Polyneikes ja auch nicht, und sie stehen zweifelsohne im Zentrum der Geschichte. Dazu erzeugt die dauerhafte Präsenz von Silvana Manganos Gesicht auf den Monitoren irgendwie auch ein Hamburger Déjà-vu und erklärt mit Pasolini natürlich wieder ein bisschen den ungewöhnlichen Titel des Stücks. Irgendwann muss der selbstgeblendete Rätsellöser und Sphinx-Bezwinger Ödipus in den Stahltower am rechten Rand und erzeugt dort einen drogengeschüttelten Vincent-Vega-Schatten. Klar, er darf am Ende noch aus Theben verbannt werden, nachdem sich die Brotherhood der Dumpfbacken gemeuchelt haben. Ein vergnüglicher Abend um den Labdakiden-Fluch, doch welcher Film läuft im menschenleeren Kino meines Geistes wirklich? 

„Alles Weitere kennen Sie aus dem Kino“ | R: Lily Sykes | Do 2.5., Mi 5.6. 20 Uhr | Schauspiel Köln am Offenbachplatz | 0221 221 282 40

PETER ORTMANN

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