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Foto: Martin Lippert, Illustration: Amélie Kai

Wir sind das Kunstwerk

26. Februar 2015

200 Jahre schlichte Westfalen – Magenbitter 03/15

Es gibt so Momente, da will die Säge sägen oder wenigstens eine Schnitte vom Brot absäbeln, um daraus eine Stulle zu machen. Dumm nur, wenn es dafür angesichts des mageren Knäppchens nicht mehr reicht. Woher nehmen, wenn der Bäcker erschöpft seit Stunden im Bett liegt? Nicht mal 'ne olle Scheibe Pumpernickel noch da. Verzicht ist also angesagt, aber Verzicht heißt heute: In der Not schmeckt die Wurst auch ohne Brot, ohne Schwarzbrot, ohne Butter. Böse Falle. Denn noch ist Fastenzeit. Insgesamt 40 Tage und 40 Nächte. Westfalen mit knurrendem Magen.

Seit Aschermittwoch ist alles vorbei, wieso nur, was haben Westfalen mit rheinischem Karneval am Hut? WIR feiern nämlich in diesem Jahr lieber unsere 200 Jahr-Feier. Ehrlich gesagt, wusste ich gar nicht. Der olle Friedrich Wilhelm III. hat damals die preußische Metropolregion Westfalen gegründet, wir hatten erstmals feste Grenzen. Also bitte merken: Gründungsdatum ist der 30. April 1815. Wir hatten das schließlich auch verdient. Im Jahre 9 nach Christus haben wir die Römer besiegt, anno 774 taucht zum ersten Male der Name „Westfalai" auf, 1474 erste Hymnen im „Westfalenlob" vom Mönch Werner Rolevinck, und das soll der Beginn eines „Westfalenbewusstseins" gewesen sein? Kann ich mir so gar nicht vorstellen, hier wurden zu der Zeit doch wohl noch Eicheln gesammelt. Aber der Schrieb gilt als älteste Kulturgeschichte Westfalens. „Schlicht sei der Einheimische" steht da, mein Gott, sollte Rolevinck die Geschichte der WestLB (Westdeutschen Landesbank) vorausgeahnt haben. Die haben immer noch Eicheln gesammelt, in die eigene Tasche, die Bank in die Pleite geritten, aber immer Zeit gefunden, hier und da ein wenig Kunst zu sammeln – mit Steuergeldern versteht sich. Die landeseigene WestLB-Nachfolgegesellschaft Portigon (nein, nicht das fünfte Musketier) will nun rund 400 Kunstwerke im Zuge der Abwicklung der Bank verkaufen. Und wieder rauscht ein Sturm durch die Region. Nicht nur die Warhols sind weg, ne jetzt auch noch Macke, Nolde, Richter, Uecker, Polke. Wieder geht es um dreistellige Millionenbeträge.

Aber Portigon-Chef Kai-Wilhelm Franzmeyer will damit keine Spielhalle sanieren, sondern Schulden abbauen, beim Steuerzahler. Die Krux. Diese Vollpfosten-Banker haben Milliarden in den Sand gesetzt, nicht dreistellige Millionenbeträge. So schlicht der Westfale auch sein mag, Eicheln zählen kann er. Und sogar die Landesregierung. Erst will man die Kohle, jetzt musste ein runder Tisch her. Und was hat er herausgefunden? Weg mit dem Schrott. Das ist und bleibt rotgrüne Haushaltsanierung, aber aktuell mit Feigenblatt: Für 12 Werke ist ein Verfahren zur Prüfung als nationales Kulturgut (lt. Gesetz zum Schutz deutschen Kulturgutes gegen Abwanderung) eingeleitet. Hölle. Nationales Kulturgut! Nun treten wieder die selbst ernannten Kulturwerker auf den Plan, die sich im Besitz des Steins der Weisen wähnen, hoffentlich sind es die, die sich damals schon beim wahllosen Ankauf der Bank die Taschen gefüllt haben. Ich sag nur Provision, Provenienz, Gutachten, alles lecker bezahlt – vom Steuerzahler. Gut, dass ich Protestant bin. Fuck off Fasten. Knochenschinken ohne Brot mit Pils und Magenbitter. Geht doch.

Peter Ortmann

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