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Das Giovanni Antonio Piani Ensemble in Odenthal
Foto: Michael Cramer

Vielgestaltiger Barock

07. August 2018

Das Ensemble G.A.P. beim Altenberger Kultursommer – Klassik 08/18

Es ist immer sehr begrüßenswert, wenn sich Musikensembles nach einem unterrepräsentierten Komponisten benennen, so etwa das Hábas-Quartett, welches kürzlich in Bergisch Gladbach zu erleben war; Namensgeber war hier der Tscheche Alois Hába, Verfechter der „Mikrointervall-Kompositionen“. G.A.P. hingegen sind die Initialen von Giovanni Antonio Piani (1678-1760), eines seinerzeit hochberühmten und durch ganz Europa reisenden Geigenvirtuosen, der neben zahlreichen stupenden Kompositionen ganz wesentliche Neuerungen für die Violine in Sachen Spieltechnik, Melodie und Ausdruck geschaffen hatte, quasi einen neuen „galanten“ Stil. Der Mazedonier Emilio Percan hatte dessen Musik für unsere Zeit sozusagen „wiederentdeckt“, voll Begeisterung benannte er sein Barock-Ensemble nach ihm.

Der „Altenberger Kultursommer“, das „Festival zwischen Dom und Schloss“, erlebt in diesem Jahr seine 14. Auflage, eine hoch beachtliche Leistung des ehrenamtlich tätigen Organisationsteams, angeführt von Jürgen Gnest. Von Juni bis September gibt es immer ca. 10 Veranstaltungen ganz unterschiedlicher Couleur; Schwerpunkt ist die klassische Orchester- und Kammermusik, ergänzt durch Pop, Jazz, Rock und Lesungen – für jeden Geschmack etwas. Und auch für die älteren Musikfreunde, ist doch zu zwei Spielstätten ein Shuttle-Service eingerichtet. Dank zahlreicher Sponsoren und fördernder Mitglieder können hochkarätige Veranstaltungen mit bekannten Künstlern angeboten werden. Der Zuspruch der zum Teil weit angereisten Besucher ist beträchtlich.

So war die stimmungsvolle Kirche St. Pankratius in Odenthal am 29. Juli mit – oder trotz – über zwei Stunden reiner Barockmusik fast voll. Dieses Programm ist für manchen „normalen“ Konzertbesucher, der sich eher an der Wiener Klassik orientiert, schon ein wenig grenzwertig. Nicht aber in Odenthal. Emilio Percan (Barockvioline), der Spanier Oriol Aymat Fusté (Barockcello) und der Cembalist Luca Quintavalle sind hoch qualifizierte Fachleute auf ihren Instrumenten und in führenden Positionen bekannter Orchester für Alte Musik weltweit unterwegs. Sie versetzten die Zuhörer nahezu in einen Barockrausch, der sich gegen Ende nach der Cello-Sonate B-Dur und der Sonate C-Dur von Antonio Vivaldi in einem Beifall-Orkan entlud, noch gesteigert durch die Zugabe eines weiteren Stücks des Namensgebers Piani: Percan entpuppt sich hier als wahrer „Teufelsgeiger“, ebenso der Cellist Fusté in der Vivaldi-Sonate. Sein ohne Vibrato gespieltes Instrument zeigte eine hohe Sinnlichkeit, enormen Reichtum an klanglichen Variationen und einen entrückten Cello-Gesang abwechselnd mit haarig schweren Läufen.

Zentrum des Konzerts waren drei „Rosenkranz-Sonaten“ Nr. 14-16 des berühmten Geigers und Komponisten Heinrich Ignaz Franz von Biber (1644-1704), musikalische Gebete zu den freudenreichen, schmerzhaften und glorreichen Stationen des Lebens von Maria und Jesus. Bei der hier notwendigen „Skordatur“ der Violine, von Percan charmant erläutert, müssen die Saiten für jedes Stück anders gestimmt werden – hier allerdings nicht für die letzte Sonate, wo die Geige im üblichen Quintenabstand gestimmt wird. „Der Schutzengel“, so deren Bezeichnung, hat dem Trio offensichtlich beigestanden, denn auch in den schwierigsten Passagen war kein einziger Patzer zu vernehmen. Die Sonaten sind ungemein farbenreich, von hoher musikalischer Präsenz und bis ins Detail auskomponiert. Quintavalle war als sensibler und hoch präziser Continuo-Spieler natürlich durchgängig im Einsatz. In seinem Solo-Stück, der Sonate D-Dur von Jean-Baptiste Barrière (1707-1747), erwies er sich als perfekter Interpret dieser feingliedrigen Musik auf seinem wunderschön anzusehenden farbigen Instrument.


Foto: Michael Cramer

Das Konzert glänzte mit einer abwechslungsreichen Klangfarben-Fülle sondergleichen, mit durchgängiger Spannung, mit ungeheurem Reichtum an Musikalität, und strafte diejenigen Lügen, die solche Musik als langweilig und eintönig bezeichnen. Dazu bedarf es allerdings solcher exzellenter Interpreten, die hoffentlich bald wieder engagiert werden.

Info: www.altenbergerkultursommer.de

Michael Cramer

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