Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
3 4 5 6 7 8 9
10 11 12 13 14 15 16

12.424 Beiträge zu
3.696 Filmen im Forum

Foto: Eleonora Pedretti & Marina Diez Schiefer

Pragmatische Ironie

30. Oktober 2019

Theater der Keller spielt „Gilgi|Keun“ – Theater am Rhein 11/19

Die neue Spielstätte des Theater der Keller, die Tanzfaktur, ist an rauem Charme kaum zu überbieten. Die fensterlose Halle mit unverputzten Wänden könnte deshalb für die Eröffnungspremiere „Gilgi|Keun – Eine von uns“ kaum passender sein. Regisseur Heinz Simon Keller konfrontiert die Autorin Irmgard Keun mit ihrer eigenen neusachlichen Romanfigur Gilgi aus den frühen 1930er Jahren. An einem Schreibtisch mit Wein, Zigaretten und Skripten sitzt die grandiose Renate Fuhrmann als alt gewordene Schriftstellerin. Sie kommentiert nicht nur ihre Romanfigur aus den 1920ern, sondern auch ihren eigenen Lebensweg. Amelie Barth als Gilgi dagegen zelebriert zwischen drei Vorhängen und verschnürten Objekten ihre pragmatische Ironie als Lebenskonzept: „Moderner Weltschmerz ist mir zum Brechen.“ Sie gibt die Figur nicht an eine rotzige Girlie-Naivität preis, sondern lässt sie zwischen Emanzipation, Aufsteigertum, Hedonismus und Vernunft changieren. Die Liebe zu dem älteren Martin (Matthias Lühn) bringt Gilgi dann allerdings erheblich ins Schlingern.

Die Regie hält die Ebenen lange in dramaturgischer Balance, auch wenn Gilgi ihre Autorin nur selten mal kommentieren darf. Im letzten Drittel allerdings werden Keuns Kommentare zu ihrer Flucht aus Nazideutschland, zur miefigen Adenauerzeit, zu Männern und der eigenen Erfolglosigkeit immer sarkastischer, während Gilgi sich zwischen Selbstbestimmung und Liebe krakeelend aufreibt. Die Autorin hat die Figur Gilgis fast völlig dekonstruiert. Die Konfrontation von Roman und Biografie hinterlässt einiges Bauchgrimmen, trotzdem sehenswert.

„Gilgi|Keun – Eine von uns“ | R: Heinz Simon Keller | 2., 7., 14., 15.11. 20 Uhr, 3.11. 18 Uhr | Theater der Keller (Tanzfaktur) | 0221 31 80 59

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen? Als unabhängiges und kostenloses Medium sind wir auf die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser angewiesen. Wenn Sie uns und unsere Arbeit finanziell mit einem freiwilligen Betrag unterstützen möchten, dann erfahren Sie über den nebenstehenden Button mehr.

Lesen Sie dazu auch:

Pathos und Narzissmus
Best-of-Stream von „Das süße Verzweifeln“ am Theater der Keller – Theater am Rhein 02/21

„Er war ein Genie des Augenblicks“
Emanuel Tandler inszeniert ein Stück über André Müller – Premiere 11/20

„Ein Bildraum, der zu einem Akteur wird“
„Transit“: Video-Bühne von Egbert Mittelstädt am Theater der Keller – Premiere 09/20

Home bloody home
„Der Zauberer von Oz“ am Theater der Keller – Auftritt 07/20

„Wir spielen, solange wir dürfen“
Intendant Heinz Simon Keller über die Auswirkungen von Corona – Interview 03/20

Oasen der Realität
März-Premieren in Köln – Prolog 02/20

„Theater ist wie ein Paralleluniversum“
Puck-Gewinnerin Fee Zweipfennig über ihre Arbeit – Interview 02/20

Theater am Rhein.

Hier erscheint die Aufforderung!