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Diskussion über die Gestaltung des Ebertplatzes am 1. September
Foto: Robert Winter

Schmelztiegel Ebertplatz

12. September 2017

Das CityLeaks Festival in Köln – Kunst 09/17

Das CityLeaks Festival, das eine Schnittstelle zwischen Kunst und Stadt ermöglichen will, bietet dieses Jahr in seiner vierten Ausgabe ein vielseitiges Programm in ganz Köln an. Ausstellungen, Performances und Musik kann man sowohl im öffentlichen Raum als auch in kooperierenden Ausstellungsräumen und Clubs erleben und es werden geführte Touren durch die Stadt, Vorträge und Gespräche über Stadtentwicklung organisiert. Die Festivalzentrale befindet sich diesmal am Ebertplatz, auf dem das Festival am 1. September offiziell eröffnet wurde.

Podium „Placemaking Ebertplatz“

Da die geplante Umgestaltung des Ebertplatzes – der Platz soll eingeebnet werden, sodass eine Tiefgarage gebaut werden kann – umstritten ist, war es nur folgerichtig, dass man direkt am ersten Tag darüber diskutierte. Zum Gespräch, das auf einer für das Festival entworfenen Holzbühne stattfand, waren Vertreter aus verschiedenen Bereichen geladen: der Architekt Christian Schaller, Maria Wildeis vom Kunstraum Tiefgarage und Meryem Erkus von der Galerie Gold+Beton in der Ebertplatzpassage, Johannes Geyer vom Dezernat für Stadtentwicklung, Regina Börschel von der Bezirksvertretung für die Innenstadt und Linda Rennings vom Verein „Heimatlos in Köln“.

Zunächst wurde die Situation des Ebertplatzes und des Eigelsteinviertels beschrieben: kein homogener Stadtteil, sodass eine Vielzahl an kulturellen und kulinarischen Angeboten existiert. Auch die Kunsträume in der Ebertplatzpassage ermöglichen die Koexistenz und den Austausch unterschiedlicher Menschen. Dieser „unikate urbane Ort“, so Meryem Erkus von Gold+Beton, sei mittlerweile eine besiedelte Nische, die Künstler sonst nicht so einfach in der Stadt finden könnten. Dass der Ebertplatz ein schützenswerter Ort ist, betont ebenfalls die Vertreterin des Vereins für heimatlose Menschen, Linda Rennings: Im Gegensatz zu anderen Bereichen in Köln, aus denen Obdachlose zunehmend verdrängt werden, seien sie hier geduldet. Es sei ein Platz, an dem es erlaubt ist, einfach nur zu sein. Außerdem regte sie eine Zusammenarbeit zwischen Kunstschaffenden und Obdachlosen an, damit ein noch intensiverer Austausch stattfinden könne.


Der Ebertplatz am Eröffnungstag, Foto: Wilko Meiborg

In der Gesprächsrunde kristallisierte sich der Konsens heraus, dass man eine Komplettsanierung des Platzes ablehnt. Der Architekt Christian Schaller betonte das gute Fundament des Ebertplatzes und dass es ohnehin keine schnelle architektonische Lösung gebe, weshalb der Gestaltungsprozess so wichtig sei. Erkus warf außerdem die Frage auf, warum es überhaupt notwendig sei, das „Loch“ zuzuschütten, wenn man bereits jetzt die obere Fläche des Platzes neu nutzen könne. Gefordert wurde also, die Gestaltung des Platzes an dessen sozialer Bedeutung zu orientieren. Johannes Geyer von der Stadt Köln zeigte sich durchaus offen für eine Diskussion und rief Bürger auf, eigene Ideen einzubringen.

Plötzlich stakst eine zierliche, vom Leben gezeichnete Frau ungefragt auf die Bühne. Sie fängt an zu reden und wird gebeten das Mikrofon in die Hand zu nehmen, damit sie alle verstehen können. Sie habe seit 1989 als Prostituierte im Eigelsteinviertel gearbeitet und behauptet, dass eine Bande aus der organisierten Kriminalität ihren Mann umgebracht habe: „Hier ist nicht High Life Konfetti! Hier ist nichts mehr schön! Hier ist gar nichts mehr schön!“ – Die Gesprächsteilnehmer versuchen sie zu beruhigen, indem sie einräumen, dass Kriminalität hier natürlich existiere und man den Platz nicht zu stark romantisieren dürfe. Trotzdem erweisen sich die Bemühungen als schwierig: Die Frau wiederholt zunehmend hysterisch ihre Anschuldigungen und wird beleidigend. Elvis, ein weiterer obdachloser Mann, versucht mit seiner Gitarre die Situation aufzulockern. Er könne doch jetzt erstmal ein schönes Lied spielen. Nach einigem Hin und Her verlässt die Frau die Bühne, lauthals rufend: „Obdachlosigkeit ist einfach scheiße!“

Auch wenn dieser Zwischenfall verstörend wirken kann, zeigte er, dass am Ebertplatz tatsächlich die unterschiedlichsten Menschen zusammentreffen. Maria Wildeis von Kunstraum Tiefgarage fasste zusammen, dass am Platz Realität sichtbar sei, die sonst oftmals verdrängt werde. Wenn öffentliche Plätze verschwinden, verändere sich dadurch nicht automatisch die Realität; Probleme würden eher verlagert als gelöst. Die Lösung für den Ebertplatz könne nicht schwarz oder weiß, zuschütten oder nicht zuschütten, sein, so Meryem Erkus. Und Linda Rennings fügt hinzu: „Wir brauchen ein Grau dazwischen.“ Schließlich durfte Elvis, der singende Gitarrist, auf die Bühne und seine Songs zum Besten geben.

Performance „materials II“

Wenige Schritte entfernt fand in der Galerie Bruch & Dallas in der Ebertplatzpassage eine 50 Stunden-Performance statt. Die Gruppe besteht aus zwei Tänzerinnen, einer Bildhauerin und einer Kunstwissenschaftlerin und hat sich für ihre Performance „materials II“ entschieden, mit Ton zu arbeiten; ein Material, „das sich besonders gut für den Umgang mit dem Körper eignet“, so die Performerin Jari Ortwig. Zu Beginn sind die abgepackten Tonpakete zu einem großen Rechteck aufeinandergestapelt. Die Arbeit entsteht im Prozess: Zufall und Veränderung spielen eine wichtige Rolle.


50-Stunden-Performance „materials II“, Foto: E. Rosiny-Wieland

Damit der Ablauf nicht willkürlich wird, setzen sich die Performerinnen immer wieder zusammen, um sich „scores“, also Aufgaben, zu stellen. Ein „score“ besteht zum Beispiel darin, sich nicht mit dem Material, sondern mit dem Raum oder dem Boden zu beschäftigen. Ortwig betont, dass die 50 Stunden, die sie sich als Rahmen gesetzt hätten, keine Grenzerfahrung, vielmehr einen intensiven Arbeitsprozess ermöglichen sollen. Wichtig sei außerdem, dass nicht immer alle gleichzeitig performen müssen: So gibt es einen hinteren Raum in der Galerie, in den sie sich zurückziehen und schlafen können, oder sie haben die Möglichkeit, die Galerie zeitweise zu verlassen, um mit den Zuschauern ins Gespräch zu kommen. Eine neugierige Zuschauerin: „Darf ich fragen, was das ist? Sieht aus wie ein Drogenfund. Ja, so wie im Fernsehen.“

Die Arbeit setzt offensichtlich die unterschiedlichsten Assoziationen frei. Von Zeit zu Zeit wird der Ton bearbeitet: Die Performerinnen verteilen ihn auf dem Boden, kleben ihn an die Wand oder bedecken sich selbst mit den schweren Blöcken, sodass immer wieder neue Bewegungen und Formen entstehen. Bis zum 7. Oktober findet in der Galerie nun eine Ausstellung mit und über die Performance statt (Finissage und Gespräch: Sa 7.10. 17 Uhr).

Lia Sáile: „Home Away From Home“ & „The Other Sound“

Die Konzept- und Medienkünstlerin Lia Sáile gestaltete bis letzten Donnerstag das Sightfenster am Hansaring, ein Offspace des Jagla Ausstellungsraums. Hinter diesem Schaufenster verbirgt sich ein temporäres Flüchtlingsheim, in dem an die 70 Personen mit mindestens 30 unterschiedlichen Nationalitäten untergebracht sind. Das Schaufenster bestand aus zwei Teilen: Im rechten Teil hingen Drucke von vier Türen aus verschiedenen Ländern, darüber Neonröhren mit der Schrift „away from home“; im linken Teil ein Druck der Eingangstür des Hauses und die Schrift „home“.

Für die Künstlerin ist dies eine politische Arbeit: Die Tür als architektonisches Element der Öffnung ist ein Sinnbild für den Einlass von geflüchteten Menschen nach Deutschland. Im Vordergrund steht die Übertragung des politischen Kontextes auf das Private durch persönliche Fragen wie „Wann fühle ich mich zuhause?“ oder „Wen lasse ich in mein zu Hause?“ Eine Tür kann man eben auch verschließen, um sich zurückzuziehen oder abzugrenzen. Sáile hingegen möchte mit ihrer Arbeit Türen öffnen und Brücken bauen – so ist ihr Ausstellungstext in unterschiedliche Sprachen übersetzt, darunter Arabisch und Persisch.


Lia Sáile vor ihrer Arbeit „Home Away From Home“, Foto: E. Rosiny-Wieland

Um zu verdeutlichen, wie fragil für viele Menschen ein Zuhause ist, hat sie die Türen etwas kleiner als in echt und auf Baumwolle gedruckt: Das zu Hause als „Fahne im Wind“. Genau wie die Türen im Schaufenster über dem Boden schweben, schweben die Hausbewohner immer noch in Ungewissheit darüber, ob sie in Deutschland bleiben dürfen oder nicht. Der Druck im linken Schaufenster zeigt im Übrigen die Sicherheitstür des Hauses, die nur von Mitarbeitern benutzt wird. Diese Trennung unterstreicht sie zusätzlich durch die unterschiedliche Typografie der Neonröhren: Während der rechte Schriftzug „away from home“, was man mit „zweites Zuhause“ übersetzen kann, durch die handschriftliche Gestaltung einen persönlichen Bezug herstellt, wählt sie für „home“ im linken Teil eine neutrale Schrift. Sie assoziiert mit letzterer eine Hotelschrift, was Hinweis auf die verschiedene Art der Unterbringung gibt – so sind das Flüchtlingsheim und das gegenüberliegende Hotel Coellner Hof beides temporäre Unterbringungen, jedoch mit vollkommen unterschiedlicher Bedeutung.

Die Wienerin Sáile verfolgt in ihrer Arbeit einen generischen Ansatz: Sie frage sich, was unabhängig vom Einzelfall sei. Sie wolle in erster Linie nicht eine emotional-berührende Ebene schaffen, die schnell in Effekthascherei enden könne, sondern eine Ebene, die jedem vertraut sei: „Ein zu Hause ist etwas Verbindendes, zu dem jeder einen Bezug hat.“ Ihre Arbeit kreist um die Frage, wie man das Thema auf eine darüber liegende Ebene bringen kann, ohne zu abstrakt zu werden und trotzdem jemanden emotional zu öffnen. Eine Sozialarbeiterin des Hauses meint: „Ich finde das Abstrakte super!“

Bei CityLeaks zeigt sie außerdem zwei Installationen. Am 10. September tapte sie den Grundriss des Flüchtlingsheims auf den Ebertplatz. Es sollte sichtbar werden, wie sich Räume aufteilen und wie menschengemacht diese sind, wodurch Fragen wie „Wem gehört der Raum?“ oder „Wer teilt Raum ein und erhebt Besitzansprüche?“ gestellt wurden.

In ihrer Soundinstallation „The Other Sound“ am 17. September wird es um die Frage gehen, wem der akustische Raum gehört. Hierfür installiert sie auf zwei gegenüberliegenden Seiten des Ebertplatzes Megafone. Vom einem Megafon werden Glockenläuten und vom anderen Muezzinrufe abgespielt. Je nachdem, wo man auf dem Platz steht, hört man einen Sound stärker als den anderen. Wo steht man also im Verhältnis zu Raum und Klang und wie verändert das die eigene Wahrnehmung und Beziehung hierzu?

Inspiriert worden sei sie von Mainstream-Kriegsfilmen, die im mittleren Osten spielen. Sie fingen meistens mit Muezzingesängen an, wodurch man dazu neige, sie mit einem Bild der Fremde zu verknüpfen, erläutert Sáile. Den Muezzinruf wird sie um 11 Uhr, 13.27 Uhr, 16.51 Uhr, 19.43 Uhr und 21.14 Uhr zeitgleich zum Glockenläuten abspielen.

CityLeaks Urban Art Festival 2017 | 1.-24.9. | diverse Orte in Köln | cityleaks-festival.de

Esther Rosiny-Wieland

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