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Sardinen in Wasser statt Öl
Foto: Andrea Izzotti / Adobe Stock

Macht’s gut und danke für all den Fisch

25. Oktober 2022

Behördlicher Artenschutz gegen wissenschaftliche Fakten – Teil 1: Leitartikel

Alles hat ein Ende, und der Aal macht, gleichwohl er optisch ein wenig an eine Wurst erinnert, keine Ausnahme. Auch er hat nur ein Ende, dafür aber vielleicht eins in naher Zukunft. Der sogenannte Glasaal-Rekrutierungs-Index für die Nordsee lag 2021 bei 0,6 Prozent. Das bedeutet, dass sich seit den 80er Jahren der Bestand an Aal-Jungtieren um 99,4 Prozent reduziert hat. Diese Zahlen sammelt der Internationale Rat für Meeresforschung (ICES) und berät anhand dieser die Europäische Union. Um den Fisch vorm Aussterben zu bewahren, hat die EU also festgestellt, wie wichtig es ist, „die Sterblichkeit beeinflussenden anthropogenen Faktoren, einschließlich gewerblicher Fischerei und Freizeitfischerei, auf null zu reduzieren oder möglichst nahe bei null zu halten“. Und hat daher 2019 eine Schonzeit festgelegt. Kein Fangverbot, sondern eine Schonzeit.

Der Blauleng ist ein Verwandter des Dorschs und tummelt sich mit seinem dicken Kopf und den großen Augen in den kalten Wassern des Atlantiks. Im Norden Europas schätzt man ihn auf dem Tisch. Vielleicht schätzt man ihn ein bisschen zu sehr, denn die Europäische Kommission stellt in einem aktuellen Dokument fest: „Der Bestand gilt als erschöpft, und es gibt keine Anzeichen einer Wiederauffüllung. Wissenschaftliche Gutachten empfehlen (…) eine Null-TAC [=Höchtsfangmenge, Anm. d. Red.].“ Keine Erholung der Bestände in Sicht, die Wissenschaft sagt: „Finger weg“. Also ist die einzig sinnvolle Maßnahme – genau: die Höchstfangmenge um 40 Prozent auf 174 Tonnen zu reduzieren! Noch vor 2015 forderte der ICES eine Höchstfangmenge von 10.000 Tonnen des Blauflossenthuns (der verwirrenderweise auch Roter Thunfisch heißt). Die EU hörte sich das Gutachten an – und legte 29.500 Tonnen TAC fest. Gefischt wurden schließlich 61.000 Tonnen!

Warum reite ich so lange auf diesen Fischen herum, obwohl sie – bis auf den bis zu 4,5 Meter langen Thunfisch – zu klein sind, um wenigstens potentiell beritten zu werden?

Weil sich an ihnen zeigen lässt, was alles schief läuft. Weil Zahlen nicht lügen. Wer zehn Fische hat und acht davon isst, hat schneller gar keine mehr, als er sich die Gräten aus den Zähnen pulen kann. Dennoch rechnet die Politik so.

Weil Fischbestände ganz unmittelbar von uns Menschen dezimiert werden. Und dennoch schränkt die Politik den Fischfang nicht ausreichend ein.

Weil der Fisch mit dem Konsum vieler von uns zusammenhängt. Selbst wenn ich ein Tigerfell besitzen wollte, könnte ich mir keins leisten. Der Fisch aber ist kein Opfer des menschlicher Luxussucht. Und dennoch steigt der Fischkonsum in Deutschland und weltweit.

Weil es zeigt, dass alles Wissen um die Bedrohung von Tierpopulationen und Ökosystemen nichts nützt, wenn die Politik dieses Wissen ignoriert.

Die alarmistischen Behauptungen vieler Aktivisten und Verbände seien oft übertrieben, stellt das Thünen-Institut für Ostseefischerei fest. Wo „maximal nachhaltig befischt“ werde, werde eben „optimal“ befischt. Das sei nicht mit Überfischung gleichzusetzen. Die Lage sei nicht gut, aber besser als viele glauben. Das hat dem Glattstör, der laut aktueller Roter Liste der gefährdeten Tierarten in Europa als ausgestorben gilt, auch nichts genützt.


UNARTIG - Aktiv im Thema

biodiversity-plants.de/downloads/JD155.pdf | Die etwas ältere Mitteilung der Uni Hamburg diskutiert, welcher Lebensraum mehr Arten birgt: tropischer Regenwald oder europäischer Trockenrasen?
rote-liste-zentrum.de | Das Rote-Liste-Zentrum koordiniert die Erstellung der Roten Listen für Deutschland, die über gefährdete Arten informieren.
mpg.de/17678393/artenschutz-wikelski-jetz | Das Gespräch zwischen Mitarbeitern der Yale University und des Max-Plank-Instituts diskutiert das Verhältnis von Artensterben und Klimawandel.

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Marek Firlej

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