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Martin Reinke und Christian Brückner spielen unter den Augen von Albert Camus eine Szene aus der „Pest“
Foto: Carolin Wolters

Köln philosophierte

05. Juli 2013

Die phil.COLOGNE brachte die Stadt zum Nachdenken – Spezial 06/13

„Und dann steh’n Sie da mit Ihrem Krebs!“ – Wolfgang Buschlinger bringt Nietzsches Weltanschauung schonungslos auf den Punkt. Er tut recht so, denn die Aufgabe der Philosophie ist nicht, das Leben zu erleichtern, sondern Wahrheiten zu benennen. Und wenn die Wahrheit hart ist, ist sie eben hart. Nun gehen viele Menschen unbequemen Dingen gerne aus dem Weg. Die erste Frage im Vorfeld der phil.COLOGNE lautete dementsprechend: Kann die Philosophie Hallen füllen? Die Antwort: Sie kann!

Tatsächlich feiert die Philosophie auch in den Medien und auf dem Buchmarkt aktuell eine Art Renaissance. Viele Experten vom Fach bemängeln an dieser Renaissance allerdings die Seichtheit – phil.COLOGNE-Aushängeschild Richard David Precht lässt grüßen. Die zweite Frage im Vorfeld war also: Wird das Publikum intellektuell wirklich herausgefordert, oder bekommt es nur weichgegarte Philosophie-Häppchen serviert? Die Antwort: teils, teils.

Von den drei Veranstaltungen, die choices besucht hat, war die erste die fachspezifischste – anders als ihr schmissiger Titel „God is a DJ: Denn nur Musik heilt meine Wunden“ vermuten lässt. Wolfgang Buschlinger gab am Donnerstagabend im ausverkauften Saal des Stadtgartens einen ausführlichen Einblick in die Weltauffassung des Rebellen-Philosophen Friedrich Nietzsche. Anders als bei vielen anderen Veranstaltungen des Festivals stand Buschlinger kein Fachfremder zur Auflockerung des Stoffes zur Seite. Der Abend geriet dennoch nicht zur steifen Vorlesung, denn erstens wurde der Vortrag Buschlingers (der voll im Thema aufging) durch Passagen aus den Werken Nietzsches aufgelockert, mitreißend vorgetragen von Schauspieler Robert Dölle. Zweitens spielte Buschlinger zur Verdeutlichung des musikalischen Denkens Nietzsches immer wieder populäre Musikstücke ein.

In den ausverkauften Balloni-Hallen wartet man auf Rüdiger Safranski und Joe Bausch
Foto: Carolin Wolters

Das Gespräch des Philosophen Rüdiger Safranski mit dem Gefängnisarzt und „Tatort“-Schauspieler Joe Bausch am Freitagabend in den ebenfalls vollen Balloni-Hallen kam ohne multimediale Hilfen aus. Das Thema allein war spektakulär genug, die Zuschauer zwei Stunden in seinen Bann zu ziehen: „Woher kommt das Böse?“. Moderiert vom Chefredakteur des „Philosophie Magazins“, Wolfram Eilenberger, prallten die Safranski’sche Theorie und die Bausch’sche Praxis aufeinander, eine „bereichernde Erdung der Philosophie“, wie Safranski es später nannte. Die Zuschauer waren Zeuge, wie eine der wichtigsten Fragen der Philosophie diskutiert wurde: Denken und handeln wir als freie Wesen oder sind wir determiniert? Zum Gewinn des Publikums waren sich der Naturalist Bausch und der Idealist Safranski uneins: Während Bausch auf Experimente verwies, die letzteren Schluss nahelegen, focht Safranski für die menschliche Freiheit und forderte: „Man muss das Nachdenken über das Böse aus den Händen der Medizin herausnehmen!“

Auch am Samstagabend im (wiederum vollen) Sendesaal des WDR im Funkhaus am Wallrafplatz wurde zum Ende hin kontrovers diskutiert. Allerdings nur kurz. Zur Debatte stand die Philosophie des Literaturnobelpreisträgers Albert Camus bzw. die Frage, ob dieser eine negative Weltsicht hatte. Die von Jürgen Wiebicke moderierte „philosophische Camus-Revue zum 100. Geburtstag“, die der WDR 5 live übertrug und die von Camus’ Tochter Catharine eigens mit einem Grußwort bedacht wurde, war da schon weit fortgeschritten. Und der Kölner Philosophie-Professor Albert Speer konnte seinen Angriff auf die Thesen der übrigen Runde kaum ausführen, für einen wirklichen Disput war keine Zeit mehr: Nach der Gegenrede seines Kontrahenten, Professor Rudolf Lüthe, erteilte Moderator Wiebicke ihm das Wort nicht mehr. Erzürnt starrte Speer die verbleibenden Minuten vor sich hin. Tatsächlich hätte der Veranstaltung die zusätzliche Würze gutgetan, denn mit vier Camus-Fachleuten, zwei Schauspielern, die mehrmals Textpassagen vortrugen, einem dreimal auftretenden Poetry-Slammer und einer Band, die immer wieder musikalische Zwischenspiele lieferte, war der Abend überladen. Zwar hatte die Abwechslung durchaus etwas Bereicherndes, der Inhalt allerdings litt darunter.

Die drei Beispiele zeigen, dass die erste phil.COLOGNE als voller Erfolg zu werten ist. Die Veranstaltungen waren durchweg sehr gut besucht, inhaltlich konnte der Fachmann dabei ebenso auf seine Kosten kommen wie der Laie. Man musste nur zur richtigen Veranstaltung gehen. Schließlich waren auch die Protagonisten voll des Lobes. So resümiert Rüdiger Safranski: „Wie schon die lit.COLOGNE zeigt, scheint Köln einfach ein toller Ort für anspruchsvolle Events zu sein. Davor muss man seinen Hut ziehen. Für die Philosophie ist das ein großer Glücksfall!“

Moritz Pohl

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