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Chance vertan

01. April 2022

Intro 04/22 – Kolonialwaren

Auf den Westen ist kein Verlass, mal wieder. Zu Beginn der Corona-Pandemie beschlossen die Weltgesundheitsorganisation WHO und die EU-Kommission die Covax-Initiative. Sie versprach, Coronaimpfstoffe auch in ärmeren Ländern gerecht zu verteilen. Trotzdem sind laut WHO heute nur 12 Prozent der Menschen in Afrika vollständig gegen das Coronavirus geimpft. Kriege und eine mangelnde Akzeptanz von Impfungen spielen eine Rolle, merken Beobachter an, Faktoren, die nicht der Initiative anzulasten
sind. Doch früh in der Pandemie stockten die internationalen Debatten dazu, den Patentschutz vonImpfstoffen einzuschränken und zum Wissens- und Techniktransfer in afrikanische Länder. Derweil arbeiten junge Unternehmen und staatliche Institute beispielsweise in Südafrika und Algerien daran, eigene Impfstoffproduktionen aufzubauen, auch gegen andere Krankheiten. 600 Jahre europäischer Expansion sind überreich an Beispielen dafür, wie der Westen den globalen Süden eigennützig und grausam behandelt hat. Der Kampf gegen die Pandemie sollte eine Chance sein, Vertrauen aufzubauen. Bislang ist sie vertan.

Um dieses Verhältnis geht es auch in den teils erbitterten Auseinandersetzungen um koloniale Raubkunst, öffentliches Gedenken oder kulturelle Aneignung. Dem gehen wir in unserem Monatsthema KOLONIALWAREN nach. Unsere Leitartikel kritisieren am Beispiel des Berliner Humboldt-Forums, was schief läuft im Umgang mit geraubten Kulturgütern, wägen ab, wie mit umstrittenen Denkmälern und Straßennamen umzugehen ist und empfehlen, sich bewusst zu machen, dass Kulturen seit jeher einander inspirieren.

In unseren Interviews diskutiert Nanette Snoep, Direktorin des Kölner Rautenstrauch-Joest-Museums, wie Museen mit geraubten Kulturgütern umgehen sollten, der Historiker Jonas Anderson warnt, dass die Kritik historischer Persönlichkeiten zu einem moralischen Rigorismus führen kann und die Philosophin Ursula Renz erklärt, was an kultureller Aneignung problematisch sein kann. In Essen erfahren wir, wie die Stadtführung „colonialtracks“ der kolonialen Vergangenheit nachspürt und in Wuppertal, wie die Genossenschaft SprInt kultursensibles Dolmetschen lehrt. Im Kölner Museum für Angewandte Kunst erfahren wir, wie es für Raubkunst anderer Art die rechtmäßigen Eigentümer ermittelt: Ein Forschungsprojekt untersucht, welche Sammlungsgegenstände während der NS-Diktatur entwendet wurden.

In diesen Tagen gilt auch dem Schutz europäischer Kulturgüter unerwartete Aufmerksamkeit: Das Kulturerbe der Ukraine sei durch Russlands Angriffskrieg bedroht, warnt die Unesco, die deutsche Bundesregierung hat eigens ein „Netzwerk Kulturgutschutz Ukraine“ gestartet. Fraglich ist, ob hierdurch Zerstörungen verhindert werden können. Gut ist aber, dass es neben der direkten Hilfe für Menschen weitere Anstrengungen gibt, die nichts mit erhöhten Militärbudgets zu tun haben.

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