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Wolfram Lotz
Foto: Carsten Tabel

„Es war ein langwieriges Sammeln“

27. November 2019

Uraufführung von Wolfram Lotz‘ „Fusseln“ am Theater der Keller – Premiere 12/19

Fussel will man eigentlich nicht auf den Klamotten haben. Doch wenn sie wie in Wolfram Lotz‘ Prosaband geballt auftreten, wird daraus etwas völlig eigenständiges Gewebe. „Fusseln“ besteht aus einer langen Liste von Sätzen oder Formulierungen wie „Eingeschlafene Hände“, „Überspielte Tonbänder“ oder „Vergessene Ortsnamen“. Pro Zeile ein Satz. Pause. Dann folgt der nächste Satz. Eine Wortkomposition, die schnell einen eigenen faszinierenden Sound erzeugt und immer neue Bilder und Assoziationen heraufbeschwört.

choices: Herr Lotz, Fussel sind eigentlich kleine Stoffteilchen, die man sich von der Hose oder vom Jackett wegschnippt. Besteht ihr Text aus kleinen Abfallprodukten?

Wolfram Lotz: Ja, wenn man so will: Fusseln sind Teile, die von etwas anderem abgefallen sind. Es sind kleine Dinge, die auf größere Dinge zurückverweisen, aber sie nicht in Gänze darstellen. In meinem Text sind es einzelne Sätze, die auf möglichst unterschiedliche Wirklichkeitsbereiche verweisen, und die ich gesammelt habe. Es ist der Versuch, schreibend ein kleines Gewöll aus allem zu bilden, eine zarte Totale.

Wenn man das Wort „Text“ wörtlich übersetzt bedeutet es „Gewebe“. Besteht jeder Text letztlich aus einzelnen Fusseln, die miteinander verbunden werden?

Weiß ich nicht genau, aber ich würde sagen, richtig erzählende Texte versuchen aus einer Weite eher eine Schnur zu zwirbeln. Ich habe mich bewusst für Aufzählung entschieden, nicht für Erzählung, mir erscheint das realistischer. Ich habe gar nicht das Gefühl, dass A zu B führt und dann weiter zu C. Für mich führt A zu C, aber auch zu B und zu F, und F wiederum zu D und E zurück und so weiter. Dieses Wirklichkeitsverständnis ist in der aufzählenden Form besser erfasst. Ich habe auch versucht, dass die einzelnen Sätze in einem gewissen Sinn nicht zu nah beieinander stehen; es geht um die Weite, um die Strecke zwischen den einzelnen Sätzen, das erst deckt die Wirklichkeit für mich halbwegs ab.

Menschen kommen in den „Fusseln“ kaum vor, sondern eher Dinge: „Aufgelöste Sparbücher“, „Fehlende Knöpfe“ oder „Leere Wäscheleinen“. Was können uns die Dinge erzählen, wenn die Menschen verschwunden sind?  

Die aufgezählten Dinge stehen ja eben mit Menschen in Verbindung, würde ich sagen. Wenn diese Dinge allein dastehen, dann spürt man das Fehlen der Menschen umso mehr.

Es klingt für mich so, als ob der Mensch verschwunden wäre, das Ding aber bleibt – dass es also um Vergänglichkeit und Tod geht.

Das stimmt, aber ich würde eben eher sagen, dass die Menschen in dem Text „fehlen“ anhand der Dinge. Das ist doch etwas anderes, als wenn sie einfach nicht da sind.

Sie haben in Ihrer Poetikvorlesung den Sound als wichtiges Kriterium beim Schreiben von Texten bezeichnet. Wie klingen die „Fusseln“?

Das geht eben gerade nicht, weil Sound etwas ist, das nicht auf Information reduzierbar ist. Davon handelt er gewissermaßen. Mir widerstrebt es auch, wenn ich meine Texte zusammenfassen soll. Ich schreibe sie ja gerade, weil sich etwas nicht anders zusammenfassen lässt, nicht einfach sagen lässt. Man muss es sich eben anhören. Alles andere bringt nichts, macht nur eine Wurst aus den Dingen, die aber eben nicht wurstförmig sind.

Wie sind denn die „Fusseln“ entstanden?

Es war ein langwieriges Sammeln, ich habe sie immer möglichst durcheinander auf ein Blatt Papier geschrieben, das an meinem Schrank hing. Wenn es voll war, habe ich das nächste hingehängt. Eigentlich ging es darum, möglichst unterschiedliche Dinge aneinander zu halten und zu schauen, wie sie miteinander reagieren, zu hören, was in diesem Zwischenraum dann spricht. Ich wollte es möglichst in Unordnung halten, in Offenheit, so weit das geht. Beim Schreiben und Lesen und Sehen stellt das Hirn ohnehin wie verrückt Ordnung her. Das Allerschwierigste ist ja, wenn man zu einem Wort ein anderes schreiben will, das mit dem vorherigen auf möglichst keiner Ebene etwas zu tun hat. Das geht gar nicht, das Hirn schafft das nicht. Das Hirn ist eh schon eine Erzählmaschine. Am Ende kommt man dann bei irgendeinem Gegenteil raus, aber das Gegenteil ist von seinem Gegenüberliegenden in einem gewissen Sinn gar nicht entfernt.

Es kommen auch Tiere vor wie in „Unerwiderte Zuneigung zu Igeln“ oder „Froschwanderungen an der Schnellstraße“– allerdings scheinen auch sie kaum Interesse am Menschen zu haben?

Ich würde die Tiere diesbezüglich nicht so sehr von den anderen Menschen unterscheiden. Die Tiere sind in der Literatur nur noch deutlicher die Anderen. Auch da geht es für mich um die Unmöglichkeit gelingender Kommunikation. Das ist nur deutlicher als bei den Menschen, wo uns die Sprache suggeriert, wir würden uns verstehen. Man versteht sich eben immer nur graduell – ebenso mit Tieren, die ja auch eine Sprache haben – aber eben niemals ganz. Es bleibt auch immer etwas stumm. Das Zusammensein mit den Tieren bedeutet auch zugleich Getrenntsein und umgekehrt.

Es bleibt ein Rest an Fremdheit?

Ja, immer. Das ist wohl so, das ist in Ordnung, und zugleich ist es schlimm, unaushaltbar.

Das Vergehen von Zeit ist eine zentrale Beobachtung – das hat zum Teil etwas Melancholisches.

Etwas geht vorbei: das handelt vom Tod, klar. Aber der ganze Text handelt ja auch vom Herstellen von Augenblicken und damit von Anwesenheit. Die Dinge werden noch einmal angerufen, aufgerufen, und damit in die Gegenwart geholt. Das hat viel dem Theater zu tun, das auch ständig versucht, Gegenwart herzustellen, etwas in Anwesenheit zu bringen.

Ist Theater so etwas wie eine Totenbeschwörung?

Für mich schon. Das Zentrum meines Theaterverständnisses ist tatsächlich, dass Figuren auf die Bühne kommen, die eigentlich schon tot sind, aber jetzt sind sie trotzdem da und fehlen dadurch plötzlich sichtbar. Dadurch wird die Sehnsucht ausgesprochen, dass die Welt in Zukunft vielleicht eine andere wäre, eine, in der der Tod aufgehoben ist, in der also alles noch anders werden kann.

Ich hatte den Eindruck, dass sich der Sound im Fortschreiten des Textes allmählich aufhellt?

Ich habe den Text in sich zwar in Unordnung gehalten oder weiter versucht in Unordnung zu bringen, seitenweise, aber insgesamt hat er wohl schon eine Chronologie, weil die jeweiligen unordentlichen Sammlungen halbwegs aufeinander folgen. Es stimmt, dass er sich zum Ende hin leicht verändert, zum Teil heiterer wird, naja. Er rückt wohl ein paar Zentimeter vom Beklagen der Vergänglichkeit näher an die Gegenwart – aber das ist jetzt auch ein unzulässiges Schnürchen, was ich da aus dem Gewöll zwirbel.

Wie frei ist die Regie im Umgang mit den „Fusseln“?

Man muss mit dem Text schon etwas machen, man kann ihn nicht einfach so auf die Bühne bringen. Wichtig ist, dass man sich mit ihm auseinandersetzt, sich dann aber frei entscheidet. Das kann ganz grundsätzlich auch eine Entscheidung gegen die sogenannte Intention des Autors sein, der Text widerspricht dann vielleicht, und damit muss dann umgegangen werden. Ich finde es eh schöner, etwas zu sehen, was ich mir nicht vorgestellt habe. Den Wunsch, das in der Wirklichkeit wiederzusehen, was man sich vorgestellt hat, finde ich eigentlich fast obszön.

Was macht den Text bühnentauglich?

Er war beim Schreiben zunächst nicht für die Bühne gedacht. Aber zugleich geht es darin um Dauer, das Ausdehnen von Augenblicken. Die Fusseln sind ein meditativer Text, in dem sich langsam etwas verschiebt und verändert. Und diese Dauer lässt sich am besten real erfahren. Ich glaube, dass es um ein sehr feines Minimaltheater gehen wird, in dem kleine Bewegungen aber ganz groß werden.

„Fusseln“ | R: Charlotte Sprenger | 31.12.(P) 19 u. 22 Uhr, 9., 23.1. 20 Uhr | Theater der Keller (TanzFaktur) | 0221 31 80 59

INTERVIEW: HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

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