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Dr. Ute Symanski
Foto: Guido Peters | Park Film

„Das Fahrrad ist der Schlüssel“

17. März 2022

Ute Symanski über Radkomm und den Talk mit Katja Diehl – Interview 03/22

Das Land NRW hat seit dem Jahresbeginn ein eigenes Fahrrad- und Nahmobilitätsgesetz (FaNaG) – das ist in einem Flächenland bisher einzigartig. Den Weg zu seiner Verabschiedung ebnete das ehrenamtliche Engagement des Kölner Radkomm e.V., dessen Vorsitzende Dr. Ute Symanski ist.

choices: Frau Symanski, wofür steht der Verein?

Ute Symanski: Unsere Mission ist es, für nachhaltige Mobilität in den Städten zu begeistern. Wir sind ein Umweltschutzverein und überzeugt davon, dass wir andere Lebensräume in der Stadt brauchen und dass wir aus vielen Gründen mehr Natur in die Städte holen müssen: Klimaschutz, Gesundheit, Wohlgefühl und um das soziale Miteinander schöner zu gestalten. Wir glauben, dass der öffentliche Raum, so wie er momentan aussieht, vor allem ein Funktionsraum für den Autoverkehr ist und dass diese Entwicklung uns allen unheimlich viel Lebensqualität genommen hat. Das Fahrrad ist der Schlüssel zu einer nachhaltigen Mobilität, denn es ist der einzige Verkehrsträger, den man rasend schnell und für ganz wenig Geld in die Städte zurückbringen kann.

Wie verbreitet Radkomm seine Ideen?

Mit dem Mittel der konstruktiven, wertschätzenden Kommunikation. Wir sind nicht der Verein, der Druck macht, sondern der versucht, zu gewinnen, zu werben, zu begeistern und sowohl Menschen in Politik und Verwaltung, als auch den Bürger:innen das Schöne aufzuzeigen, das wir durch eine Mobilitätswende gewinnen können.

2016 haben Sie die Kampagne und Volksinitiative Aufbruch Fahrrad mit-initiiert. Diese war überraschend erfolgreich.

Wir haben nie daran gezweifelt, dass wir die erforderlichen Unterschriften zusammenkriegen, das wären ja 66.000 gewesen. Dass es dann 207.000 werden, war eine tolle Überraschung, aber wirklich überraschend war, dass ein eigenes Fahrrad- und Nahmobilitätsgesetz verabschiedet wurde. Das war nicht einmal Teil unserer Forderungen. Und was wir vorher gar nicht wussten, war, dass die Politik noch nie zuvor einer Volksinitiative in Nordrhein-Westfalen gefolgt ist. Für Aufbruch Fahrrad gab es eine parteiübergreifende Zustimmung – und das führen wir auch gerne auf unsere unideologische Kommunikation zurück.

Wie sahen die Forderungen der Initiative aus?

Unser Hauptmotiv ist durchschnittlicher Radverkehrs-Anteil in NRW in Höhe von 25 Prozent bis zum Jahr 2025. Das wollen wir erreichen, und unsere Forderungen sollen den Weg dorthin bereiten. Diese beinhalten neue Radschnellwege, eine bessere Fahrradinfrastruktur für den Pendler:innenverkehr, die kostenlose Fahrradmitnahme im öffentlichen Nahverkehr und Werbung für mehr Radverkehr.

„Bisher wird der Verkehr einfach als gefährlich hingenommen – das ist falsch!“

Am 1. Januar 2022 trat das FaNaG nun in Kraft. Welche wesentlichen Punkte beinhaltet es?

Ein echter Erfolg dieses Gesetzes ist, dass das Fahrrad gegenüber dem motorisierten Individualverkehr nun als gleichberechtigter Verkehrsträger angesehen wird. Das war bisher nicht der Fall und das wird echte Konsequenzen haben für diejenigen Bürgermeister:innen und Kommunen, die etwas verändern wollen und bisher auf Widerstand stießen. Zudem wurde veranlagt, dass es eine angebotsorientierte Planung geben darf. Bisher man musste zum Beispiel anhand von Verkehrszählungen zunächst beweisen, dass es den Bedarf für einen Radweg gibt. Aber da biss sich dann oft die Katze in den Schwanz, denn wenn die nötige Infrastruktur an einem Ort nicht vorhanden ist, fahren dort auch keine Radfahrer entlang. Jetzt darf die Verkehrs- und Stadtplanung sich zunächst einmal genau überlegen: Was wollen wir denn erreichen? Was ist zukunftsträchtig? – Das ist ein echter Paradigmenwechsel.

Was hat es mit der Verpflichtung zur „Vision Zero“ auf sich?

„Vision Zero“ ist das Ziel, dass kein Mensch mehr im Straßenverkehr ums Leben kommt oder stark verwundet wird. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, aber bisher wird der Verkehr in unserer Stadtplanung und innerhalb der Gesellschaft einfach als gefährlich hingenommen – das ist falsch! Es ist einfach eine Frage der Planung, ob man etwa Abbiegeassistenten verpflichtend einführt, ob man die Höchstgeschwindigkeit reduziert und ob man dafür sorgt, dass die Fußgänger und Radfahrer sichtbar sind.

Wo würden Sie gerne noch nachbessern?

Das Gesetz ist ein ganz wichtiger Anfang, aber es ist ein Kompromiss aller Beteiligter und nicht so geschrieben, wie es Menschen getan hätten, die ganz radikal von einer Verkehrswende überzeugt sind. Wir hätten es anders geschrieben, aber ich freue mich, dass es da ist. Wenn ich einen Punkt ändern könnte, dann hätte ich die Zahl 2025 darin verankert. Denn so wie es jetzt ist, ist es zwar toll, dass das Ziel der 25 Prozent Radverkehr enthalten ist, aber ohne diese Frist kann das auch bis zum Jahr 2095 umgesetzt werden. Mit der Jahreszahl wäre es wesentlich handlungsleitender gewesen. Nach dieser großen kollektiven Anstrengung ist es aber auch psychologisch total wichtig, sich auch über dieses noch nicht perfekte Gesetz erstmal freuen zu können.

Am 22.3. kommt die Mobilitätsexpertin Katja Diehl zu einem Gespräch mit Radkomm nach Ehrenfeld. Sie ist die Autorin des Buches „Autokorrektur – Mobilität für eine lebenswerte Welt. Worüber möchten Sie mit ihr sprechen – also mal abgesehen vom Offensichtlichen?

Ich habe Katja Diehl kennengelernt, als sie bereits im Vorstand vom VCD (Anm. d. Red.: Verkehrsclub Deutschland) war, aber noch nicht eine der bekanntesten Influencerinnen auf dem Gebiet der Mobiliätswende. Es ist für mich total spannend, mitzuerleben, dass jemand mit diesem Thema, und dann auch noch eine Frau, so offensichtlich den Nerv der Zeit trifft. Ich bin ich extrem dankbar, dass sie dieses Thema so stark vertritt und in die Öffentlichkeit trägt, obwohl es auch Reibung erzeugt. Ich würde gerne mit ihr darüber sprechen, wie sie es erlebt, eine solche Repräsentantin zu sein und wie es sich anfühlt, plötzlich Bestseller-Autorin zu sein.

„Die weibliche oder eine diverse Perspektive kommen beim Thema Mobilität kaum vor“

Radkomm hat sich bewusst dafür entschieden, insbesondere auf weibliche Interviewpartnerinnen zu setzen. Warum?

Das stimmt teilweise. Wir hatten Anfang des Jahres ein Talk-Format, das ausschließlich Frauen auf dem Plenum hatte und jetzt kommt Katja Diehl ­– das heißt aber nicht, dass es immer so sein wird. Dennoch ist es nun einmal leider Fakt, auch im Jahr 2022, dass Veranstaltungen rund um den Bereich Verkehr einen vehementen Männer-Überschuss aufweisen. Die weibliche oder eine diverse Perspektive kommen beim Thema Mobilität kaum vor und ich glaube, es ist an der Zeit, das ins Bewusstsein zu heben und dem entgegenzusteuern. Hätte ein Mann „Autokorrektur“ geschrieben, hätten wir ihn auch eingeladen, aber das es eine Frau ist, ist umso toller.

Wie geht es jetzt weiter? Welche neuen Pläne verfolgt der Verein?

Wir erholen uns tatsächlich nach wie vor ein bisschen von Aufbruch Fahrrad, denn wir sind ein sehr kleiner Verein und machen das alles ehrenamtlich. Gleichzeitig setzen wir aber auch unser Talk-Format fort und planen zwei bis vier solcher Veranstaltungen pro Jahr. Zudem gehören wir zum Träger:innenkreis der NRW-Sternfahrt, die vom ADFC (Anm. d. Red.: Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club) Düsseldorf jedes Jahr veranstaltet wird und diesmal am 8. Mai anlässlich der Landtagswahl zu einer großen, landesweiten Kundgebung wird, an der viele Verbände beteiligt sind. Da sind wir bereits stark in die Organisation eingebunden und hoffen, Menschen aus ganz NRW zu mobilisieren, die für eine Verkehrswende eintreten. Und wir werden uns sicherlich auch an der ein oder anderen Stelle in den Wahlkampf einschalten können und nehmen bereits jetzt laufend an verschiedenen Podiumsdiskussionen teil. Wir machen also kontinuierlich weiter.

Radkomm.Talk – Lesung und Gespräch mit Mobilitätsexpertin Katja Diehl | Di 22.3. 19 Uhr | Bürgerzentrum Köln-Ehrenfeld | www.radkomm.de

Interview: Eva Maria Albert

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