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Ulrike Janssen
Foto: Meyer Originals

„Jeder ist in seiner eigenen Welt unterwegs“

30. Oktober 2019

Ulrike Janssen über „Die Mars-Chroniken“ – Premiere 11/19

Als die drei NASA-Astronauten auf dem Mars landen, sieht alles aus wie zuhause in Illinois. „Ist es denkbar, dass zwei Planeten sich auf die gleiche Art entwickelt haben?“, fragt der Kommandant völlig irritiert. Ok, die kitschverdächtige Fernseh-Verfilmung von Ray Bradburys „Mars-Chroniken“ von 1979 ist heute nur noch etwas für Hardcore-Sci-Fi-Fans. Aber der bereits 1950 erschiene Klassiker der literarischen Science Fiction beschreibt auf faszinierende Weise die Begegnung mit dem Fremden, das vielleicht gar nicht so fremd ist. Ein Gespräch mit der Regisseurin Ulrike Janssen, die Bradburys „Mars-Chroniken“ auf die Bühne des Orangerie-Theaters bringt.

choices: Frau Janssen, ist das Marsianisch: „Aus Überlieferung of the Chronik erlebt Sie high points von Besiedelung von Mars 8, live in 3D in real life – mein Dam und Herr, hochverehrt wonderschön Publikum! – mit lebend echt Darsteller!“

Ulrike Janssen: Im Stück spricht der Erzähler eine Art Denglish, die auch ziemlich komisch ist. Damit stellt sich die Frage: Entwickeln wir uns auf immer höhere Kulturstufen oder kann es auch zu einer Regression kommen, beispielsweise in der Sprache? Ich bewerte das nicht. Science Fiction ist immer eine weiter gedachte Gegenwart. In jedem der fünf Teile des Abends klingt eine andere Sprache an: von einer historisch geschraubten bis zu Streetslang.

Ray Bradburys „Mars-Chroniken“ sind aus zahlreichen Kurzgeschichten zusammengesetzt, die letztlich den großen Plot der Besiedelung des Mars durch die Menschen ergeben. Bleibt es beim Plot?

Die Plotstruktur von Bradburys „Mars-Chroniken“ und auch die Figuren bleiben erhalten. Ich habe die Geschichte allerdings auf fünf Erzählungen verdichtet, die ich sprachlich stark umgeschrieben habe. Außerdem habe ich noch einen Erzähler hinzugefügt. Der Plot ist in eine Rahmenfiktion eingepasst, in der eine Schaustellertruppe, die an einen Jahrmarkt und die Völkerschauen des 19. Jahrhunderts erinnert, durch die Lande zieht und die Episoden einem Publikum vorspielt. Die Schausteller könnten selbst Abkömmlinge von Marsianern oder die neuen Bewohner des Mars sein. Ich stelle mir vor, dass das entweder in einer vergangenen Zukunft oder in einer zukünftigen Vergangenheit spielt.

Warum wandern die Menschen eigentlich auf den Mars aus?

Bradbury bietet für diesen Aufbruch der Menschen auf den Mars eine ganze Palette an Erklärungen. Das kann Flucht, Vertreibung, Krieg, Tourismus oder die Ausbeutung von Ressourcen sein. Es gibt nie nur einen Grund. Bei uns beginnt es mit dem Blick der Marsianer auf das Fremde, das über sie hereinbricht und danach fächert sich das bei den Figuren ganz unterschiedlich auf. Alles kulminiert in der Zerstörung der Erde durch Krieg. Am Ende ist aber auch der Mars zerstört.

Bei Bradbury gibt es eine Episode mit dem Titel „Night Meeting“, in der der Erdling Tomás Gomez und der Marsianer Muhe Ca sich begegnen. Was passiert da zwischen den beiden?

Die wird auch bei uns vorkommen. Bei Bradbury geht es immer wieder um das Phänomen der Verständigung und ihr fortwährendes Scheitern. Jeder ist in seiner eigenen Welt unterwegs und deshalb kommt es immer wieder zu Missverständnissen. Science Fiction ist immer eine fortgeschriebene oder überzeichnete Gegenwart, die einen Blick in den Spiegel wirft. Wir geben selbstverständlich nicht die Aliens auf der Bühne, sondern allenfalls die Vorstellungen, die Projektion dieser Anderen.

Ist der Mars also nur eine Projektion?

Mit dieser Frage wird in den „Mars-Chroniken“ ständig gespielt: Was heißt Projektion? Was heißt Realität? So eindeutig ist das allerdings nicht zu beantworten. Mal abgesehen davon, dass das auch das Theaterspielen als Vorgang selbst berührt. In der ersten Szene träumt eine Figur fortlaufend, die andere Figur hat ständig Angst davor. Wer von beiden hat einen Anspruch auf Realität? Das kann man nicht sagen. Eine Projektion, die man ernst nimmt, hat auch ihre Art von Realität. Man darf nur nicht das eine mit dem anderen verwechseln. Der Mars ist real, aber er existiert auch als Projektion: Die ganze Auseinandersetzung mit den Geschichten vom Mars sind Teil der Kulturgeschichte der Menschheit.

Haben solche Projektionen eine psychische Funktion?

Wir denken immer in Kategorien und Kategorisierungen. Ein Gruppengefühl entsteht nur, wenn ich mich gegen eine andere Gruppe abgrenzen kann, wenn ich das nicht Zugehörige ausschließen kann. Damit muss man umgehen. Wir sind diejenigen, die diese Gruppen definieren: Weiß, Schwarz, Marsianer. Letztendlich sind das nur Konstruktionen, die nicht mit der Wirklichkeit zu verwechseln sind. Wir konstruieren diese Kategorien, aber das sind keine Essenzen. Die „Mars-Chroniken“ erzählen deshalb viel mehr über uns, über unsere Gruppendynamik und was bei uns passiert. Die Marsianer im Stück sind deshalb nicht wirklich anders als wir, sie sind letztlich nur die Kehrseite von uns selbst. Bei Bradbury wirken sie sogar ziemlich amerikanisch. Stanislaw Lem hat mal darüber gesagt, dass wir Außerirdische immer so beschreiben, dass sie Ähnlichkeit mit uns haben. Wirklich fremd und frustrierend würde es erst dann, wenn wir die Außerirdischen gar nicht erkennen.

Die Besiedelung des Mars geht bei Bradbury nicht gut aus.

Der Astronaut Alexander Gerst hat mal gesagt, dass der Mars heute das sein könnte, was die Erde in 100.000 Jahren ist – also das Überbleibsel einer Zivilisation, die schon lange ausgestorben ist. Wenn der Mars uns retten kann, dann gehen wir wahrscheinlich dorthin. Aber wir bringen unsere eigenen Probleme mit. Das war bei der Kolonisierung im 16. Jahrhundert auch nicht anders. Der Mars ist nicht die Lösung, wir müssen schon hier etwas finden.

Wird es Marsianer auf der Bühne geben?

Ja, aber die werden von den Schauspielern gespielt. Man kann als Zuschauer glauben, dass das alles Nachfahren der Marsianer sein könnten, die uns die Geschichte ihrer Kolonialisierung vorspielen. Aber unser Blick bleibt der der Kolonisierenden, die auf eine andere Kultur treffen und sich von denen ein Bild machen.

„Die Mars-Chroniken“ | R: Ulrike Janssen | 31.10.(P), 1., 2., 14.-16.11. je 20 Uhr, 3., 17.11. je18 Uhr | Orangerie-Theater | 0221 952 27 08

Interview: Hans-Christoph Zimmermann

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