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Foto: Thilo Beu

„Haltlose Gestirne im Raum“

25. September 2019

Sascha Hawemann über „Vor Sonnenaufgang“ – Premiere 10/19

Ewald Palmetshofer ist Spezialist für Überschreibungen fremder Stücke, von Schiller über Marlowe bis zu Gerhart Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang“, das gerade die Theaterbühnen erobert. Der naturalistisch-abgestandene Klassiker über die neureiche Bauernfamilie Krause, die dem Alkoholismus verfallen ist, wird zu einem Mittelstandsdrama. Die Unternehmerfamilie wird von Mutter Krause zusammengehalten. Tochter Helene hat es in der Großstadt nicht geschafft und ist zurückgekehrt. Ihre Schwester Martha ist schwanger. Marthas Mann Thomas Hoffmann klopft rechtpopulistische Sprüche. Als sein alter Freund Alfred Loth, ein linker Journalist, auftaucht, kommt es zum Showdown. Das Theater Bonn bringt „Vor Sonnenaufgang“ in einer Inszenierung von Sascha Hawemann auf die Bühne.

choices: Herr Hawemann, bei Hauptmann stand noch die neureiche Bauernfamilie Krause im Zentrum. Bei Palmetshofer geht es um den Mittelstand. Sind uns Bauern fremd geworden?

Sascha Hawemann:Die Überschreibung von Ewald Palmetshofer transportiert den Stoff aus dem historischen Kontext in einen gegenwärtigen. Die Familie Krause gehört jetzt dem Mittelstand an und leitet ein Unternehmen in der Automobilindustrie, der letzten Wachstumsbranche in diesem Land. Das ist altes Geld, das auf die Leistung früherer Generationen zurückgeht. Der Reichtum der Automobilindustrie hat seine Wurzeln im Dritten Reich. Mit diesem Schuldgeld generierte man das Wachstum. Bei Hauptmann dagegen ist es neues Geld einer sich neu erfindenden zukunftsgläubigen Industriegesellschaft.

Verändert das nicht die ursprüngliche Intention von Hauptmann und des Naturalismus?

Das sind Menschen in einer deregulierten kapitalistischen Gesellschaft, die permanent Leistungsbereitschaft voraussetzt und die Überlebensstrategien abfordert. Es gibt das äußere Moment der Arbeiterschaft oder der Bauern nicht mehr, sondern nur noch den Blick ins Innere, in den ökonomisch emotionalen Grundbaustein: die Familie. Was macht das kapitalistische Wirtschaftssystem mit diesen Menschen, mit der Familie? Es geht darum, wie sie in und durch ihren Wohlstand beschädigt und darüber letztlich dysfunktional werden. Eines meiner Lieblingsbücher ist Erich Fromms „Psychoanalyse des Kapitalismus“. Seine These ist, dass der Kapitalismus krankmacht und zu Alkoholismus, Fettsucht, Selbstverstümmelung, Suizid, Aggressionsstau und bis zur Depression führt, das ist die Grundsetzung für mich.

Die Depression der schwangeren Martha, die bei Palmetshofer anders als bei Hauptmann eine zentrale Rolle spielt, hat also keine privaten Ursachen?

Martha Depression hat ihre Ursache im ökonomischen System der Familie und ihrem Druck des Herstellens, Machens und Funktionierens. Martha wirft ihrer Familie vor, sie in Bilder von funktionalem Frausein und glückseliger Mutterschaft pressen zu wollen, zu denen sie keinen Bezug hat. Die Erfüllung eines genderzentristischen Rollenbildes als Lebenserfüllung macht krank.

Sind die Verwundungen der bürgerliche Klasse also eher innerliche Verletzungen?

Da ist die Depression von Martha, das Scheitern ihrer Schwester Helene als Künstlerin, dann der Alkoholismus des Vaters, die tiefe Frustration der Stiefmutter, der Machiavellismus von Marthas Ehemann, der Zynismus des Landarztes – jeder trägt ein Moment des Scheiterns mit sich herum. Was alle krank macht, sind die Werte unserer Gemeinschaft, die auf einen homo oeconomicus ausgerichtet ist. Martha will gar kein Kind kriegen, weil die Zukunft unklar ist, weil es keinen utopischen Entwurf gibt. Es geht nur noch ums Aushalten. Die Eltern halten nur noch zusammen, damit der Betrieb läuft. Hoffmann ist nicht aus Überzeugung Rechtspopulist, sondern nur aus Karrieregründen. Darunter leidet wiederum die Beziehung zu Martha, die bleiben muss, wo das Geld ist. Das Stück zeigt Personen, die in den zementierten Strukturen nicht mehr weiterkommen.

Bei Hauptmann geht es noch um den Aufstieg der Bauern. Was beschreibt Palmetshofer?

Die Behauptung des Wohlstands-Status quo um den Preis emotionaler Enthausung. Es wurde ein Wohlstand erreicht, den man notdürftig beschützt. Der Preis sind Tage ohne Morgen, Nächte ohne Traum. Deswegen auch die Drehbühne, es dreht sich und dreht sich, es geht aber nicht voran.

Ist Hoffmann letztlich nicht doch ein überzeugter Rechtspopulist?
Nein, er hat die Zeit erkannt und weiß, was funktioniert. Er will Karriere als Lokalpolitiker machen und operiert mit den Zukunftsängsten und gesellschaftlichen Frustrationen der Menschen. Rechtsruck führt nach oben. Er ist kein Überzeugungstäter. Er erzählt die Geschichten, die die Wirklichkeit gerade braucht, so sagt er selbst. Der Konflikt mit Alfred Loth entspringt einer einstmals gemeinsamen linken Utopie. Loth vertritt Überbleibsel einer sozial-egalitären linken Idee und Hoffmann ist ein zynischer Realpolitiker, der das Schwächeln der Demokratie für einfache Antworten ausnutzt. Wenn beide in den Diskurs gehen, formiert sich wieder eine Gemeinschaft, auch in der Feindschaft. Da fangen beide wieder an zu leben, suchen im Konflikt das Gegenüber und kommen darüber wieder zusammen.

Ist Loth nicht eher eine komische Figur oder ist er ernst gemeint?

Sehr ernst. Für mich ist das ein linker Robinson, der vereinsamt ist und jetzt eine Schlacht sucht: Um sich selber abzugleichen, um die eigene Position zu bestimmen, Erinnerung nicht zu verlieren. Er denkt, dass es einen anderen Entwurf von Menschheit geben muss, hat jedoch nur noch Kraft für ein Duell, der große Kampf ist verloren. Hoffmann wiederum ist insofern in sich widersprüchlich, als er wirklich um seine Frau Martha besorgt ist und gleichzeitig eine unmenschliche Politik zugunsten der eigenen Karriere und des Wohlstands betreibt. Man muss zeigen in welchen Ambivalenzen diese Menschen leben.

Warum kommt Helene eigentlich aus der Stadt in die Enge der Provinz zurück?

Es ist wie bei vielen freien Künstlern, es hat in Berlin, Hamburg oder München nicht geklappt. Sie ist aus Not gezwungen, in die Provinz zurückzukehren und wieder zur kleinen Tochter zu werden. Sie setzt allerdings ihre künstlerische Auseinandersetzung ohne Publikum fort und das hat etwas Bitteres. Ich definiere sie als Performancekünstlerin, sie arbeitet mit und an ihrem Körper und setzt sich mit ihrer Familiengeschichte auseinander. Depression und familiäre Repression wird hier zu Kunst.

Geht es letztlich darum, den Zerfall von Außen und Innen sichtbar werden zu lassen?

Ja, es geht um das Sichtbarwerden einer tiefen gesellschaftlichen Wunde. Der Burnout im Viertaktmotor Deutschland. Unter dem Mercedesstern hausen Einsamkeit und Sehnsucht nach einem anderen Körper. Menschen bewegen sich wie haltlose Gestirne durch den sternenlosen Raum. Der Traum ist aus, aber wir werden leben (Red.: Ton Steine Scherben)...müssen leben.

„Vor Sonnenaufgang“ | R: Sascha Hawemann | 2.(P), 10., 18., 26., 31.10. 19.30 Uhr | Theater Bonn | 0221 77 80 08

Interview: Hans-Christoph Zimmermann

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