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Ablösung oder gemeinsamer Aufbruch?
Foto: Cornelia Wortmann

Generation machtlos

31. August 2017

Der demografische Wandel kostet die Jungen nicht nur Geld, sondern auch Einfluss – THEMA 09/17 JUNGE POLITIK

Die Politik sitzt wieder mit am WG-Küchentisch. Spätestens seit dem unerwarteten Ausgang des Brexit-Referendums und der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der Vereinigten Staaten, sind junge Menschen wieder politisch. Erstmals, so scheint es, wurde der jungen Generation schmerzhaft vor Augen geführt, wie prekär als selbstverständlich gehaltene Errungenschaften in Wirklichkeit sind. Einen besonderen Beigeschmack bekommen die Entscheidungen zudem auch noch, wurden sie doch hauptsächlich von älteren Wählern herbeigeführt. Klar, die Wahlbeteiligung war sowohl in den USA als auch in Großbritannien gering. Dennoch bleiben Zweifel, dass es bei höherer Wahlbeteiligung der jungen Generation einen anderen Wahlausgang gegeben hätte. Jugendforscher Klaus Hurrelman macht nun aber einen Trump-Effekt aus. Der Regierungsstil des US-Präsidenten schrecke viele junge Leute ab und könne vielleicht sogar als positives Mittel gegen Politikverdrossenheit der Jugend wirken.

Wobei, von wirklicher Politikverdrossenheit kann nach der letzten Shell-Jugendstudie keine Rede sein. Schon 2015 zeichnete sich eine Re-Politisierung der Jugend ab. Zwar zeigte die Jugendstudie, dass die 12- bis 25-Jährigen nur geringes Vertrauen in politische Parteien haben; sie werden als gut geschmierte Apparate wahrgenommen, auf die so gut wie kein Einfluss möglich ist. Und den Satz: „Politiker kümmern sich nicht darum, wie ich denke“, den unterschreiben 69 Prozent. Dennoch ist das Vertrauen in die Demokratie seit 2002 kontinuierlich gestiegen. Im selben Zeitraum wuchs auch das Interesse an Politik. Im Vergleich zu 2002, als 30 Prozent der jungen Menschen angaben, sich für Politik zu interessieren, bezeichneten sich 2015 41 Prozent als „politisch interessiert“. Studien-Mitautor Hurrelmann, sieht darin kein direktes „Misstrauen in Strukturen wie Parlamente und Parteien“, sondern eher eine Art „Entfremdung“.

Junge Menschen bringen sich derzeit lieber durch das Unterzeichnen von Petitionen ein. Oder sie engagieren sich in Initiativen, Vereinen, Jugendorganisationen, Schul- und Hochschulgruppen sowie Kirche oder Freiwilliger Feuerwehr. Zieht es sie entgegen dem Trend dann doch in eine Partei, finden sie sich sogleich in einer radikalen Minderheit wieder – auch parteiintern. Denn das Durchschnittsalter von Parteimitgliedern liegt bei 60 Jahren, nur acht Prozent sind unter 30. Aber auch das ist nur eine Spiegelung gesellschaftlicher Verhältnisse. Bei der Bundestagswahl 2017 werden 36 Prozent aller Wahlberechtigten älter sein als 60 Jahre; die Generation unter 30 stellt lediglich 15,4 Prozent der Stimmen. Hinzu kommt, dass sich die Jungen auch noch freiwillig selbst marginalisieren. Die niedrigste Wahlbeteiligung wies bei der Bundestagwahl 2013 die Gruppe der 21- bis 25-Jährigen auf – mit nur 60,3 Prozent. Rentner hingegen nehmen diese staatsbürgerliche Pflicht sehr ernst: Die 60- bis 70-Jährigen verzeichneten mit 79,8 Prozent die höchste Wahlbeteiligung. Schon bei der letzten Bundestagswahl habe die junge Generation so wenig Gewicht gehabt wie nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik. Hätte eine Partei sämtliche Wähler unter 21 Jahren mobilisiert, wäre nicht einmal die Fünf-Prozent-Hürde erreicht. Bei einer Mobilisierung aller Wähler über 70, wäre einer Partei bereits mehr als ein Fünftel aller Stimmen sicher gewesen. Für Demografie-Forscher Harald Wilkoszewski, bis April Brüsseler Büroleiter des europäischen Forschungsnetzwerks Population Europe, steht nach einer Untersuchung von 19 Ländern sogar fest: „Wenn es hart auf hart kommt, könnten die Alten die Jungen an der Wahlurne überall ausboten.“

Für Jugendforscher Hurrelmann gibt es nur eine Lösung: Parteien müssen sich stärker der Jugend öffnen und sorgfältig auf die „Transparenz ihrer Entscheidungsprozesse“ achten. Im Grunde müssten Parteien wieder mehr die Rolle einnehmen, die die Sozialdemokratie in ihren historischen Anfängen innehatte: Sie sollten sich stärker als Lernstätten und Bildungsinstitutionen begreifen, strukturierte Weiterbildung anbieten und jungen Leuten zeigen, wie ein regelgeleitetes Streitgespräch abläuft, wie man Diskussionen leitet, Veranstaltungen moderiert und managt. Aber natürlich auch, wie Zukunftsprobleme entscheidungsfähig gemacht und gelöst werden. Denn wie in komplexen demokratischen Systemen Interessen durchsetzt werden, das verstehen viele junge Leute nicht. „Ihre politischen Muskeln sind nicht trainiert“, sagt Hurrelmann.

Ein Schlüssel könnte auch eine Rückbesinnung auf das Grundgesetz sein: Dort wird als zentrale Rolle der Parteien die Mitwirkung „bei der politischen Willensbildung des Volkes“, genannt – von Senioren ist dort keine Rede.


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