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Foto: Amélie Kai

Fußball ist unser Leben

26. Juni 2014

Die Unkultur des schwarzrotgoldenen Fantums – Magenbitter 07/14

„Walk On! Walk On! With hope in your heart, and you'll never walk alone”. Jau. Gerry & The Pacemakers. FC Liverpool. Passt. Ha! Ho! Heja heja he! Ha! Ho! Heja heja he! ist Vogelkot. Auch wenn Fußball unser Leben sein soll. Das Leben ist es nicht. Schwarzrotgoldene Erinnerungen. WM 2010 Viertelfinale. Eine kleine Kneipe in der Eifel. Deutschland gegen Argentinien. Ein schicker Abend. 4:0. Euphorie. Danach das Grauen im Fahnenmeer eines Autokorsos. Wildfremde Menschen fuchteln mit kleinen Teutonen-Fähnchen ins Auto, meine Augen bleiben unverletzt, das letzte Fähnchen nicht. Es liegt immer noch sorgfältig gefaltet in meiner Autotür-Ablage: Ich könnte unterwegs ja mal Schnupfen kriegen. Nie war mir dieser Pseudo-Nationalismus so zuwider wie bei diesem Fußballturnier im weit entfernten Südafrika, aufgesetzte Fröhlichkeit, Umsatzrekorde im Textileinzelhandel und der Getränkeindustrie und dann war es ja auch ziemlich schnell vorbei gegen die wirbelnden Spanier. Komisch. Der Größenwahn verblasste in einer Nacht. Was blieb, waren unnötige Boshaftigkeiten gegen den kiffigen Nachbarn, der es ins Finale schaffte - und erst dort verlor, gegen etwas das heute Tiki-Taka genannt wird.

Nach vier Jahren ist nun wieder WM Showtime. So langsam kocht die bundesdeutsche Volksseele wieder hoch. Wieso bloß immer beim Fußball? Wieso nicht auch bei täglichen Ungerechtigkeiten? Das erste Spiel. 4:0 gegen Portugal. Da sind wir schon wieder Weltmeister. Stolz werden selbst PKW-Außenspiegel schwarzrotgolden umhäkelt, die kleinen Teutonen-Fähnchen flattern wieder bedenklich auf der Autobahn. Wir sind wieder wer, aber waren wir das nicht immer? Vier Tage lang sonnten wir uns, mit Nationalhymne. Blüh im Glanze dieses Glückes. Um Himmels willen. Die sunnitischen ISIS-Kämpfer stehen vor Bagdad, der Papst hat die Mafia exkommuniziert, in der Ostukraine brennt die Lunte und wir sollen im Gleichschritt gemeinsam gegen Ghana? BILD liefert vorher schon mal online zehn Gründe, warum die uns nicht stoppen können. Genau diese Haltung ist zum Kotzen. Gröhl. Denn genau an diese „deutsche“ Kampagne muss ich denken, als es 1:2 gegen Ghana stand. Die hatten ja auch wieder ihren Voodoo-Priester auf der Tribüne. Geholfen hat es gegen Klinsis US-Boys nicht und gegen Jogis Edelpilze auch nicht. Ein alter Mann rettete Deutschland vor der internationalen Blamage. Mal wieder. Nun muss man doch wieder auf das letzte Spiel hoffen. Wir werden sehen. Soll der beste gewinnen, selbst wenn wir das nicht sind. „Davon geht die Welt nicht unter.“ Wieso Zarah Leander und wieso immer diese Liedzeilen, die da hoch kommen? Keine Ahnung. Draußen ist es seltsam still. Etwa kein Autokorso? Kein trunkenes Gröhlen? Deutschland. Deutschland. In der TV-Werbung habe ich gerade einen anderen alten Mann gesehen, der in seiner Jugend ein törichtes Liedlein aufnahm: „Glück kannst du leicht ertragen, Wenn dir die Sonne scheint, Aber in schweren Tagen, Da brauchst du einen Freund,“ heißt es da. Irgendwie muss ich grinsen. Nur der Kaiser hat immer recht.

Peter Ortmann

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