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Autorin Bettina Wilpert
Foto: linonono

Alle Facetten von Selbstbestimmung

24. Juni 2019

Sonja Eismann und Bettina Wilpert im Literaturhaus Köln – Literatur 06/19

Feminismus und Popkultur mit bunten Design – das unabhängige Missy Magazine gibt es seit über zehn Jahren. Zum Jubiläum erschien die Anthologie „Freie Stücke. Geschichten über Selbstbestimmung“ (Edition Nautilus), die von Missy-Mitbegründerin Sonja Eismann und Chefredakteurin Anna Mayrhauser herausgegeben wurde. Darin schreiben 15 Autor*innen über Selbstbestimmung – nicht nur über sexuelle Selbstbestimmung, sondern auch über Selbstbestimmung in den Bereichen Arbeit, Kinder kriegen und Abschiebung.

Und Consent – auf Deutsch Zustimmung – ist auch das Thema am 13. Juni im Literaturhaus Köln, bei der Veranstaltung zusammen mit Sonja Eismann, Autorin Bettina Wilpert und Moderatorin Sonja Lewandowski, die gut vorbereitet, interessiert und souverän das größtenteils weibliche Publikum durch den Abend leitet.

„Größenwahn mit Vibrator“ titelte die taz 2008 zur Gründung des Missy Magazine. Dessen Mitbegründerin Sonja Eismann (*1973), die auch die „nylon.“ mitbegründetet hat und für die taz schrieb, erzählt, das Magazin sei anfangs oft als Alternative zur Emma wahrgenommen worden, aber dass sie das nie hätten sein wollen. Denn sie würden – anders als die Emma – vor allem über Popkultur aus einer feministischen Perspektive schreiben. Sie hätten mit der Ausrichtung eine Nische füllen wollen, dabei sei immer die Sorge gewesen, ob sie damit bestehen können. Anscheinend können sie – vielleicht würden sie ja auch gar keine Lücke mehr bedienen, wie Eismann anmerkt. Denn sie drucken weiterhin, im Gegensatz zu anderen popkulturellen Heften, wie zum Beispiel der Intro. Als „Feminismus light“ und „nicht bedrohlich“ würden sie wahrgenommen durch den popkulturellen Schwerpunkt Musik, Mode und Kunst. Das sei laut Eismann aber nicht der Fall, auch sie behandeln ernste Themen. Aktuell ist in der neusten Ausgabe ein Dossier zum Thema Schwangerschaftsabbrüche und ein Artikel über die Arbeiterinnenproteste in der Türkei.

Bettina Wilpert (*1989), Autorin aus Leipzig, machte mit 19 Jahren ein Praktikum beim Missy Magazine. Statt Journalismus weiterzuverfolgen, studierte sie im Master Literarisches Schreiben an der Universität Leipzig und genoss die Freiheiten, die die Art des Schreibens gegenüber dem Journalismus hätte: „Das tolle an Literatur ist, dass man ganz komplexe und ambivalente Gefühle und politische Fragen darstellen kann.“ Letztes Jahr erschien Wilperts Debütroman „Nichts, was uns passiert“ im Verbrecher Verlag. Ob es Fluch oder Segen gewesen war, dass ihr Roman über eine Vergewaltigung mit der Me-Too-Debatte zusammenfiel, fragt Sonja Lewandowski. Wilpert zufolge sowohl als auch: Die Debatte hätte natürlich die Aufmerksamkeit verstärkt und ihr vielleicht deswegen so viele Preise eingebracht, bemerkt sie lachend. Ihr Debüt wurde unter anderem mit dem ZDF-„aspekte“-Literaturpreis und dem Debüt-Bloggerpreis ausgezeichnet.

In ihrem Roman geht es um Sex zwischen zwei Personen, von denen er danach sagt, es wäre einvernehmlich gewesen und sie von einer Vergewaltigung spricht. Was wirklich passiert ist, erfahren die Leser*innen nicht. Wie eine Art Protokoll steht Aussage gegen Aussage und die Auswirkungen auf das Leben der Protagonist*innen und ihr Umfeld werden thematisiert. Wilpert behandelt das Thema Selbstbestimmung also schon ausführlich in ihrem Roman. Deswegen sei es ihr zunächst schwergefallen, einen Text für die Anthologie „Freie Stücke“ zu schreiben. Letzten Endes ist aber „Die Liste“ entstanden, den sie auch im Literaturhaus liest. Darin wird in der Ich-Perspektive eine weibliche Sexualentwicklung erzählt, chronologisch anhand einer Aufzählung von A bis Z.

„Als Teenager führte ich eine Liste mit denen, die ich geküsst hatte“ – mit „A“ fängt es an. Es werden keine Namen genannt, es ist eine reine Aufzählung. Dahinter steht neben stilistischen Gründen auch Wilperts Angst, Dinge zu vergessen – sie schreibt gerne Listen und hatte auch selbst eine, mit den Personen, „mit denen sie geknutscht hat“. Jedoch sei darüber hinaus nicht alles biografisch an der Erzählung.

Der Text zeigt eine selbstbestimmte und handelnde Frau, die die Initiative ergreift und ungeschönt über Ängste, Wünsche und Erfahrungen im Bezug auf ihre Sexualität spricht. Sie ist nicht passiv, wird nicht von Männern erobert, sondern handelt. Und fragt sich selbst, ob sie auch Grenzen überschreitet, ob sie die Selbstbestimmung von Männern auch schon eingeschränkt hat. Wilpert sei es wichtig gewesen in ihrem Text verschiedene Formen von Sex darzustellen – nicht nur Penetration. Zudem wolle sie immer noch tabuisierte Themen wie Menstruation, die „Pille danach“, Schambehaarung und Geschlechtskrankheiten einbringen – und sie ganz selbstverständlich behandeln. Weil sie das ja auch sind: selbstverständlich und alltäglich. Dies ist ihr gelungen – ihre Erzählung, oder eher ihre Aufzählung, ist ungewöhnlich, intim und divers.

Eismann und Wilpert diskutieren im Weiteren, wie Werke von Schriftstellerinnen, die wie Wilpert offen über Sexualität schreiben, diskutiert werden. Es sei eine Mischung aus „Faszination und Ekel“, als Beispiel nennen sie Charlotte Roche, deren Roman „Feuchtgebiete“ (Dumont 2008) einerseits stark kritisiert worden sei für seine expliziten Beschreibungen, aber auch auf eine gewissen Weise faszinierend gewirkt und einen Hype auslöst hätte – eben weil eine Frau explizit über Analsex und Geschlechtskrankheiten schrieb. Eismann nennt das Phänomen einerseits eine „Fetischisierung der Schriftstellerin“, aber sei auch die Umgangsweise der Gesellschaft mit Frauen darin gespiegelt.

Im Laufe des Abends werden noch Ausschnitte aus einem zweiten Text der Anthologie gelesen. Der thematisiert einmal sexuellen Consent, aber auch emotionalen. Die These der Autorin: Sie würde auch gerne nach ihrer Einwilligung gefragt werden, bevor jemand „nach ihrem Herzen greift“. Es werden also unterschiedliche und ungewöhnliche Ansätze zum Thema gewählt. Die Diskussion des Buchs und des Abends gehen weit über sexuellen Consent hinaus. Es geht darum, auch seine eigenen Handlungen zu hinterfragen – Eismann: „Wann werde ich übergriffig, wenn ich handle?“ Frauen können genauso übergriffig werden wie Männer, in Beziehungen kann es genauso ein Problem sein wie als Single. Dabei gibt es nicht nur richtig oder falsch, es gibt Grauzonen.

Selbstbestimmung als komplexes Thema und auch als persönliches. Das Grundprinzip des Missy Magazines, wie es Sonja Eismann an dem Abend formulierte, passt da perfekt rein: „Es allen Menschen möglich zu machen, dass sie ein selbstbestimmtes Leben führen – was auch immer das für sie heißt.“

Sonja Eismann & Anna Mayrhauser (Hg.): Freie Stücke. Geschichten über Selbstbestimmung | Edition Nautilus | 160 S. | 16 €

Katja Egler

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