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Call Jane

Auf Leben und Tod

28. November 2022

Die Filmstarts der Woche

Joy (Elizabeth Banks) ist eine Vorzeige-Vorstadt-Gattin, deren bequeme Welt zerbricht, als sie erfährt, dass sie eine Risikoschwangerschaft hat. Sehr hoch ist ihre Chance bei der Geburt zu sterben. Joy will leben und beantragt eine Abtreibung, doch der Krankenhausvorstand (nur Männer) lehnt den Antrag ab. Sie sucht eine andere Lösung und stößt auf die Janes, Aktivistinnen, die Frauen zu Abbrüchen verhelfen, in einer Zeit als Frauen sich dafür auf illegales und gefährliches Terrain begeben mussten. Der Filmtitel „Call Jane“ (Cinedom, Cinenova, Odeon, UCI) verweist auf (Jane) Roe vs. Wade – eine wegweisende Entscheidung des Obersten Gerichtshofs der USA, die 1973 das Recht auf Abtreibung legal machte. Das in „Call Jane“ behandelte Thema ist leider wieder so aktuell wie vor 60 Jahren, denn im Juni hat der Supreme Court dieses Recht wieder gekippt.

Eine Frau zieht sich mühsam an. Sie ist so schwach, dass schließlich er sie schminkt. Mit dieser intimen Szene steigt Emily Atef („3 Tage in Quiberon“), Expertin in klischeefreier Schilderung weiblicher Ausnahmesituationen, in „Mehr denn je“ (Filmpalette, Odeon, OmU im OFF Broadway und in der Bonner Kinemathek) in ein menschliches Drama ein. Hélène und Mathieu (Vicky Krieps und Gaspard Ulliel, beide großartig) sind schon lange ein Paar. Hélènes unausweichlichem Tod begegnen sie ganz unterschiedlich. Er will die Normalität möglichst erhalten, sie soll kämpfen. Sie aber findet Trost im Blog eines kranken Mannes, der fast eremitisch in der norwegischen Natur lebt. Ihre Reise dorthin und ihr Aufenthalt in diesem rauen Umfeld, eingefangen in entsättigten und doch sehr schönen Bildern, wird zum Kulminationspunkt ihrer Übung im Loslassen – vom Leben, nicht aber von der Liebe zu Mathieu.

Jean-Jacques Sempé (1932-2022) wurde weltweit bekannt mit „Der kleine Nick“, den er in Kooperation mit „Asterix“-Autor René Goscinny (1926-1977) zum Leben erweckte. Nach unterschiedlich gelungenen Filmadaptionen kommt nun „Der kleine Nick erzählt vom Glück“ (Cinenova, Rex am Ring, Weisshaus) von Amandine Fredon und Benjamin Massoubre in die Kinos. Goscinnys Tochter Anne begleitete Produktion und Drehbuchentwicklung, Sempé selbst segnete noch vor seinem Tod 2022 erste Entwürfe und Animationstests ab. Der narrative Clou: Auch Leben und Wirken von Goscinny und Sempé finden Einzug in die Geschichte, bilden den Rahmen rund um die Abenteuer von Nick und seinen Freunden. Autark eingestreut sind dann die Abenteuer aus dem Alltag Nicks, die sich um den ersten Fernseher drehen, um allerlei Streiche, um Mädchen und um Jungs. In jeder Sekunde ist spürbar, mit welchem Respekt, mit welcher Anmut und Spielfreude das Regieteam Amandine Fredon und Benjamin Massoubre ans Werk gegangen ist. Komponist Ludovic Bource („The Artist“) unterlegt sympathisch flott das Geschehen.

Außerdem neu in den Kinos: Jeanine Meerapfels sehr persönliches Mutter-Portrait „Eine Frau“ (Filmpalette, Odeon), Zora Rux' surreale Liebeskomödie „Ich Ich Ich“ (Filmhaus), Thomas Stubers nächtlicher Streifzug „Die stillen Trabanten“ (Cinenova), Tommy Wirkolas Santa-sieht-rot-Variante „Violent Night“ (Autokino Porz, Cinedom, Cineplex, Rex am Ring, UCI) und Li Juns Katastrophen-Actioner „Cloudy Mountain“ (Rex am Ring, UCI).

Redaktion choices.de

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