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Dominik Susteck
Foto: Ann-Christin Bloch

Die Orgel als Tor zur Welt

05. April 2019

Dominik Susteck sorgt für Neue Musik in St. Peter – Musikporträt 04/19

„Mutterboden“, „Mond“, „Schraffur“ — Titel, die nicht unbedingt eine Assoziation zu Orgelmusik erwecken. Dominik Susteck gibt der Orgel in seinen Kompositionen und Improvisationen eine eigene Gestalt – und ist damit in seiner Doppelrolle eine Ausnahme. Noch heute sind viele Organisten nicht auf Neue Musik eingestellt und die Komponisten Neuer Musik schreiben selten für das christlich konnotierte Instrument.

Susteck studierte Kirchenmusik und Komposition an der Folkwang Universität in Essen – dem Ort schlechthin für Neue Musik. Zwei Gleise, die zu der Zeit noch nicht in eine Richtung führten. Diese Dualität und dessen scheinbarer innewohnender Widerspruch haben den Komponisten früher einsam gemacht. Nach seinem Abschluss hat er die Orgel ein Jahr lang nicht angerührt. Doch Susteck ist es gelungen, aus der Wüste, in der er sich befand, eine Landschaft zu schaffen.

„Ich habe das immer als Ungerechtigkeit empfunden, dass für Orgel keine Neue Musik gemacht worden ist. Deswegen habe ich Neue Musik auf der Orgel eingespielt: Cage, Kagel, Ligeti“, sagt Susteck. Nach dem Abstand zur Orgel kam die Stelle als Organist in der Jesuitenkirche, auch bekannt als Kunst-Station Sankt Peter. Hier wurde 2004 eine Orgel mit der Intention erbaut, ein Instrument speziell für Neue Musik zu schaffen. Entstanden ist ein Instrument, das in der Vielzahl seiner technischen Möglichkeiten und Klänge seinesgleichen sucht. „Der große Vorteil ist das gesamte Setting: der betörende Raum, die super Akustik und diese schöne Orgel.“

Als einen „richtigen Komponisten“, den die Folkwang aus Susteck machen wollte, habe er sich selbst nicht gesehen, ebenso wenig als einen überdurchschnittlichen Organisten, sagt Susteck. „Ganz witzig, auf einmal ist man da so Experte und ich hab es eigentlich nur gemacht, weil es kein anderer gemacht hat”, schmunzelt er. Ihm sei es wichtig gewesen, etwas zu machen, das seinem Herzen entspreche. So fand er erst durch die Improkonzerte, die Susteck seit 2007 in Sankt Peter gibt, von der Improvisation zur Komposition zurück. Es entstanden die drei Orgelzyklen „Zeitfiguren“, „Zeichen“ und „Raumgestalten“.

Wie bildreich diese Klänge sind, ist in den Konzerten spürbar. Durch die still daliegenden Kirche rauscht die Orgelgewalt, klettert an dem alten Gemäuer entlang und lässt jeden Stein, jede Ohrmuschel selbst zum Teil des Instruments werden. In ein Raumschiff, in das Auge des Sturms, auf dem Grund des Ozeans transportiert einen die Orgel durch die Fantasie. Die Stücke tragen dabei weltliche und zugleich abstrakte Namen. „Ich versuche Titel zu finden, die ein Etikett sind, aber gleichzeitig offen sind, damit keiner denkt, er müsse an Maria denken oder so. Dass man eine Ahnung hat, was kommen könnte, es aber etwas ganz Freies ist. Wenn man sagt, Fuge in x, dann ist das so eng.“

Die weltlichen Titel schließen einen religiösen Gedanken jedoch nicht aus. „Ich habe eine pantheistische Weltsicht. In meinem Verständnis sollte einem Religion per se eine größere Freiheit bescheren. Oft macht sie das Gegenteil.

Indem Susteck die Stücke notiert, werden sie zu einem Kommunikationsmittel. „Das ist ein Gewinn, wenn andere OrganistInnen meine Stücke als Texte lesen und verstehen. Wenn sie dann an mehreren Orten aufgeführt werden, entwickeln sie sich und bekommen Leben.“

In den samstäglichen Lunchkonzerten und auch in der Konzertreihe „orgel-mixturen“ hat Susteck OrganistInnen zu Gast, die seine und andere Stücke interpretieren. Susteck bietet aber auch anderen InstrumentalistInnen und Ensembles Neuer Musik in seinen Konzertreihen eine Bühne und ein Publikum. 

„Ist Neue Musik überhaupt noch neu?“, frage ich Susteck am Ende unseres Gesprächs. Susteck lacht. „Neue Musik hat schon eine längere Geschichte hinter sich, das stimmt. Aber letztendlich ist Neue Musik keine Sprache wie die Tonalität. Es gibt keine Beschränkungen, keine sprachlichen Konnotationen, die altern können. Die Hauptsache ist, man macht, was man für richtig hält und öffnet damit das Ohr oder vielmehr den Horizont. Kann Offenheit alt werden?“

Ann-Christin Bloch

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