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Workshopleiterin Kim Hülsewede und Kuratorin Anna Tenti
Foto: Rebecca Ramlow

Eine Akte für den Akt

08. Juli 2019

Konsens-Workshop bei Britney X – Festival 07/19

Die wenigsten Menschen denken bei dem Wort „Sex“ wohl an Verträge, umständliche Einverständniserklärungen oder langweilige Unterschriften. Zu hemmungslos scheint das doch sehr körperliche Hobby für diesen spießigen Sparbuchcharakter zu sein. Je wilder der Akt, desto länger die Akte und umso schwerer der Aktenordner? Was an der Oberfläche widersprüchlich klingt, ist nicht zuletzt durch „Me Too“ mehr denn je in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt: die Frage nach einvernehmlichem Sex. Ein Thema, das aufgrund seiner eigenen Widersprüchlichkeit nicht ganz leicht ist, scheinen wir doch trotz unserer sexualisierten Gesellschaft manchmal nicht zu wissen, was wir in puncto Sex eigentlich (nicht) wollen und dürfen.

Diesem Dilemma widmeten sich die neue Kuratorin des nunmehr dritten Britney X-Festivals, Anna Tenti, und Kim Hülsewede in ihrem Workshop mit dem Titel „Ich sag ja und was sagst du?“ vom 28. Juni an der Außenspielstätte am Offenbachplatz.

Das ist unter der sexy Oberfläche ein ernstes Thema, bedenkt man etwa die Tatsache, dass bis 1997 Vergewaltigung in der Ehe in Deutschland kein Verbrechen war. Auch das durch sexuellen Missbrauch oder Vergewaltigung entstandene, lebenslange Trauma bei den Opfern und die oft damit einhergehende posttraumatische Belastungsstörung ist eine leidvolle Konsequenz aus aufgezwungenem Verkehr. In einigen Ländern gibt es deshalb inzwischen ein Gesetz, das die Zustimmung beider Sexualpartner fordert, bevor es zum Akt kommt. Kritiker werfen dem entgegen: Wie kann man unter solchen Umständen überhaupt noch flirten?

Die eigenen Tabus kennenzulernen, hilft offenbar dabei das Thema anzugehen. So stolpern die Teilnehmer gleich zu Beginn über ihre körperlichen Grenzen und deren Überschreitung, weist Anna Tenti sie doch freundlich darauf hin, dass viele von ihnen zu nahe an ihren Nebenstehenden kleben. Im Workshop wird klar, dass die Überschreitung bereits weit vor dem Körperlichen anfängt, etwa in einem aufgezwungenen Gespräch oder im nonverbalen Blick. Es geht bei diesem Thema um viel mehr als um Sex: Es geht um Verantwortung. Wie schaue ich jemanden an? Und wie reagieren andere auf meinen Blick?

Deshalb erhalten die Teilnehmer einen Fragenkatalog mit dem Titel „Support Zine“ von den Amerikanerinnen Cindy Crapp und Doris Zine, in dem es um Selbsthilfe und Unterstützung für Überlebende sexualisierter Gewalt geht. Anschließend werden sie gefragt, wo ihre persönlichen No-Go’s liegen: Ungefragt körperlich angefasst zu werden, empfinden viele als schlimm, aber auch freche Blicke sind ein Problem. Das Tempo ist offenbar wichtig und, dass Sex ein Prozess ist. Einig sind sich alle Teilnehmer darin, dass einvernehmlicher Sex nicht mit einem Kompromiss verwechselt werden sollte: Nein heiße nein und müsse auch so vom Gegenüber akzeptiert werden. Und nicht derjenige, der belästigt wird, müsse auf etwas reagieren, sondern derjenige, der etwas Grenzüberschreitendes tut, solle dies gefälligst lassen, so der Konsens. Als Beispiel: Freizügige Kleidung sei noch lange keine Einladung, dumm angemacht zu werden. Wer sich einen Einblick in die eigene sexuelle Verantwortung verschaffen und prüfen möchte, ob man selbst schon mal zu weit gegangen ist oder belästigt wurde, kann den Fragenkatalog von der Seite der Künstlerinnen herunterladen. Aber Vorsicht: Bestimmte Fragen können gegebenenfalls eine Retraumatisierung auslösen, falls man sexualisierte Gewalterfahrungen durchgemacht hat.

Gemäß des Mottos „Grenzüberschreitung“ konnten die Besucher anschließend an den Workshop die begehbare Installation der Hamburger Künstlerin Michaela Kretschmann mit dem Titel „Step through the Vulva, into the Womb“ besuchen und wortwörtlich durch eine Vulva in eine Gebärmutter eindringen. Hier gab es auf engstem Raum persönliche und intime Gespräche zum Thema sexueller Konsens von den 50er Jahren bis heute mit Schauspielerin Marilene Mostert. Wer keinen Platz mehr im engen Mutterleib bekam, konnte seinen Kopf durch die Vulva pressen.

Vielleicht lässt es sich so zusammenfassen: Man darf schon einen Schritt in Richtung Sex wagen, sofern man sich vorher mit seinem eigenen körperlichen Wohlbefinden und dem von Anderen auseinandergesetzt hat. Dann ist der erste Schritt getan.

Fragenkatalog „Support Zine“ von Cindy Crapp und Doris Zine: www.phillyspissed.net/node/18

Rebecca Ramlow

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