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Wenn Worte töten könnten
Foto: Cornelia Wortmann

Böhmermann, geh‘ Du voran!

25. Januar 2018

Was kostet die Meinungsfreiheit? – THEMA 02/18 AUSGELIEFERT

Was kostet eigentlich die Meinungsfreiheit? Nicht viel, will man meinen, sie ist ja ein Grundrecht. Satiriker sehen die Sache womöglich anders. Sie haben in jüngster Vergangenheit immer wieder einen Preis – mal hoch, mal viel höher – zahlen müssen, dafür, dass sie das Recht auf Meinungsfreiheit verteidigten. Gerade die Böhmermann-Affäre um das Gedicht „Schmähkritik“ und die einhergehende Demütigung des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan macht Kosten aber auch Notwendigkeit von Satire greifbar. Das Gedicht ist voller Beleidigungen gegen den türkischen Präsidenten, und es spielt keine Rolle, ob der Beitrag von Böhmermann nun gelungen oder vollkommen unter der Gürtellinie war. Der eigentliche Skandal war die Reaktion der Bundesregierung. Um es sich mit dem Autokraten vom Bosporus nicht zu verscherzen, opferte Bundeskanzlerin Angela Merkel die Meinungs- und Kunstfreiheit auf dem Altar der Flüchtlingsfrage (das Asylrecht ist übrigens genauso ein Grundrecht, wie die Meinungsfreiheit) und gab ihr Einverständnis für ein Verfahren wegen Majestätsbeleidigung – basierend auf einem Gesetz aus dem 19. Jahrhundert.

In einem Editorial der Washington Post hieß es: „Der ganze Fall sollte nichts als schallendes Gelächter über den Größenwahn Erdogans […] auslösen. Es ist alarmierend, dass Merkel zumindest vorgibt, das Ganze ernst zu nehmen.“ Die Bemühung Merkels so eine diplomatische Krise vermeiden zu wollen, quittierte die Post mit Spott: „Merkels Geschwafel ist dazu angetan, Erdogan und andere Regime – China kommt uns in den Sinn – zu ermutigen, welche kritische Äußerungen sowohl innerhalb als auch außerhalb ihrer Grenzen unterdrücken wollen“. Böhmermanns gesamter Beitrag hatte, nach seiner Konzeption und Darbietung, nichts anderes demonstrieren wollen.

Und dennoch, die Causa-Böhmermann ist nur Peanuts im Vergleich zum Preis, den elf Mitarbeiter der Satirezeitschrift Charlie Hebdo im Januar 2015 bezahlt haben. Bis heute ist die Bluttat der Brüder Kouachi, die mit einem „Allahu Akbar!“ auf den Lippen die Redaktion niedermähten, unfassbar. Warum? Weil Charlie Hebdo für bissige Mohammed-Zeichnungen berühmt und berüchtigt ist. Die anschließenden Sympathie- und Solidaritätsbekundungen waren überwältigend. „Je suis Charlie“ ging um die Welt. Regierungschefs und Staatsoberhäupter marschierten Arm in Arm in Paris für die Meinungsfreiheit. (Übrigens mit Bundeskanzlerin Merkel in vorderster Reihe! Jener Kanzlerin, die ein Jahr später…, aber das hatten wir ja schon.) Eine Satirezeitschrift, die das Diktum Tucholskys, Satire dürfe alles, Woche für Woche in bare Münze goss, hatte die Welt für einen kurzen Moment vereint.

Ironie der Geschichte, das Blatt stand vor dem Anschlag vor der Pleite. Vielen Franzosen waren die Zeichnungen und Karikaturen zu platt und provokativ. Spenden, etliche neue Abos und die drei Millionenauflage der Ausgabe der Überlebenden, sanierten das Blatt.

Die Ausgabe zierte ein weinender Mohammed. Der traurige Tropf hielt ein Schild: Je suis Charlie. Darüber prangt die Überschrift: „Tout est pardonné“. Eine ziemlich unglaubliche, sanfte, tiefgründige, ja, besonnene Reaktion eines Blattes, dass elf Kollegen verloren hatte und das Satire wie Cage-Fighting betreibt.

Die Reaktionen in weiten Teilen der muslimischen Welt, auf den versöhnlichen Mohammed waren ablehnend bis hasserfüllt. Der Rat der höchsten Religionsgelehrten in Saudi-Arabien verurteilte die Abbildung Mohammeds. In Algier nahm der Protest von über 1000 Menschen fast schon blasphemisch-satirische Züge an, weil die Teilnehmer: „Ich bin nicht Charlie, ich bin Mohammed“, skandierten. In Teheran keilte Imam Mohammed Ali Mowahedi Kermani: „Das ist Schamlosigkeit, Blasphemie, Minderwertigkeit, Bösartigkeit und Ignoranz.“

Doch wieso so viel Wut auf einen weinenden Mohammed? Seine satirische Sprengkraft kann der kleine Mohammed doch nur aus einem einzigen Gedanken beziehen: Wir können uns schon lange keinen liebenden, trauernden, vergebenden Mohammed mehr vorstellen – und, wie die Reaktionen in der islamischen Welt zeigten, allzu viele Muslime können das offenbar ebenfalls nicht.

Es gibt keine Alternative zu den Zumutungen der Satire, dem Sturmgeschütz der Meinungsfreiheit und anderer Grundrechte. Tucholsky wusste das: „Übertreibt die Satire? Die Satire muß übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird.“


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