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Ältere Menschen zu Wort kommen lassen: Studentin der KHM Mariana Bártolo
Foto: Rebecca Ramlow

Zwischen Fliegenklatschen und Oktopussen

31. Juli 2017

Zum Anfassen: Kurzfilme von Studierenden an der KHM – Foyer 08/17

Zahlreiche Besucher laufen am Freitag durch die Kunsthochschule für Medien. Bei einem Snack, Drink und nettem Plausch schauen sie sich diverse Performances, Konzerte und Filme von Absolventen und Doktoranden an, um ganz in die Kunstfilmwelt abzutauchen. Medial und transmedial. Die Hochschule, die direkten Kontakt und Austausch großschreibt, ist für ihre Internationalität und für ihre Mischung aus Dokumentarischem und Künstlerischem bekannt. So kann der Zuschauer auch diverse Filmprojekte und Arbeiten selber ansehen, inklusive eines anschließenden Gesprächs mit den jeweiligen Regisseuren, Autoren und Kameramännern. So etwa auch bei einem Kurzfilmprogramm am Freitagabend („Programm 5: Projekte“).

Dieses beginnt mit einem irritierenden und nachdenklich stimmenden Werbespot zweier KHM-Studenten, dem Schweizer Kameramann Philipp Künzli und dem ebenfalls ursprünglich aus der Schweiz stammenden Immanuel Esser. In schönen, ästhetischen, verlockenden und vermeintlich harmlosen Bildern werden wir in den Sog einer faszinierenden und Glück verheißenden Zauberwürfelmaschine namens „Tiny Cube“ gezogen, die die Lösung aller Probleme verspricht. Personen, die kabellos mit ihr verbunden werden, sollen von nun an angeblich dauerhaftes Glück erleben – so wird das Commercial Video zumindest angeteasert. Doch es kommt ganz anders, als der Zuschauer annimmt. So hat der Zauberwürfel durchaus ein zweites, dunkles Gesicht. „Tiny Cube“ ist nicht nur ein spannender 90-sekündiger Spot. Metafiktional und selbstreflexiv nimmt er auch die Lügen und die dazu benutze Sprache von Werbung und darin enthaltenen (leeren) Verheißungen auseinander und dekonstruiert diese.

Der darauffolgende Kurzfilm „Notizen des Alltäglichen“ (13 Min.) von Student Simon Baucks ist ein semidokumentarischer Film über das Paarungsverhalten junger Erwachsener in Köln. Es geht ums Daten im heutigen Zeitalter: um Tinder, Skypen & Co. Inszenierte und reale Szenen werden hier experimentell zusammengebracht – eine interessante und explosive Mischung.

In „Brother Octopus“ (27 Min.) von Regisseur und Autor Florian Kunert tauchen wir hingegen in eine seltsame eigene Welt von Oktopussen ein. Schleimige lange klebrige achtarmige Kraken. Ob wir wollen oder nicht. Es gibt kein Entkommen. Denn, so beginnt der Dokumentarfilm, der auf der Berlinale lief und in Indonesien spielt: „Die Mutter gebar einen Zwillingsbruder in Form eines Oktopus‘. Wir werden ihn ein Leben lang nicht los. Er ist vollkommen unnütz.“ Indonesische Seenomaden glauben an den Mythos, dass jedes Baby einen Zwillingsbruder habe. Einen Zwillings-Oktopus. Sein Unwesen gilt es von nun an mittels diverser Rituale in Schach zu halten. So sehen wir in Kunerts hybridem Film dabei zu, wie ein Junge mit verstümmeltem Unterarm einen Oktopus im Meer fischt. Wir begegnen kommerzialisierten Formen von Oktopussen in der Werbung und im Fernsehen oder in Spielen, in denen wie verrückt auf jene geschossen wird. Es werden sogar Gebete extra für Oktopusse gesprochen. Alles stets antithetisch und widersprüchlich gegenübergestellt. Teils auch ironisch. Die Filme von Florian Kunert sind für ihr Stilmittel des Kontrasts bekannt.

Mein persönlicher Favorit ist das anschließende und letzte 30-minütige Dokumentarfilm-Projekt „Interior“ von Mariana Bártolo. Mit portugiesischem Humor entdeckte die Filmemacherin die Camera Obscura für sich. Symbolisch verwendet sie diesen Gedanken auf von der Gesellschaft abgeschiedene ältere Menschen an und lässt diese darin zu Wort kommen. So befragte Bártolo Menschen, die sich ausschließlich in Innenräumen aufhalten, abgeschieden von der Außenwelt. Daher auch der klaustrophobische Titel „Interior“. Sie verdunkelte ihre Räume und ließ nur ein kleines Loch am Fenster frei. Von isolierten Menschen, mit denen sonst niemand spricht, erfährt man so auf diese Weise Dinge, die sonst niemand sieht. Doch trotz ernstem Themas gelingt es dem Film, ein wenig Heiterkeit zu verbreiten. Mittels morbiden Humors. So muss man lachen, als eine ältere Frau vor den Augen ihres sehr alten bettlägerigen und wohl bald sterbenden Ehemannes mit einer Klatsche morbide eine Fliege tötet. Älterwerden muss nicht nur schlimm sein, beweist dieser Dokumentarfilm, sondern kann auch lustig und skurril sein.

Rebecca Ramlow

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