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Ergebnisse im CaféHEARTbeat
Foto: Rebecca Ramlow

Kreatives Experiment

09. Februar 2018

Geselligkeit trifft Kunst: ArtNight im HEARTbeat – Kunst 02/18

Es ist ein kreatives Experiment, auf das ich und weitere 14 Teilnehmer sich an diesem Abend eingelassen haben. Eine Art künstlerischer Selbstversuch mit offenem Ende und ungewissem Ergebnis. Sylvie Grünes, lokale Künstlerin vor Ort, Besitzerin und Gründerin des Café HEARTbeat, begrüßt jeden einzelnen Gast auf sehr persönliche Weise. Die 51-Jährige interessierte sich schon immer für Kunst, besuchte nach der Schulzeit zunächst eine Kunstschule, versank dann eine ganze Weile in der Buchhaltung, bevor sie ihr Kunst-Café in Köln-Brück gründete und sich an dem deutschlandweiten Projekt „ArtNight“ beteiligte. Ihr gefiel die Idee, Kreativität mit Gaumenfreuden zu kombinieren: „Nun kann ich Kunst mit Gastronomie verbinden und bin somit wieder an meinen Wurzeln angelangt“, so Grünes.

Das gesellige Kunstevent ist aus den USA 2016 auch nach Deutschland übergeschwappt, hier gegründet von David Neisinger und Aimie-Sarah. An 26 Standorten können Kunst-Interessierte inzwischen bundesweit an verschiedenen ArtNights zu unterschiedlichen Themen, Motiven und Techniken teilnehmen und dabei ihre eigene künstlerische Fähigkeit testen, indem sie in lockerer Atmosphäre zu Getränken und Musik in lokalen Bars ihr eigenes Bild malen. Die Idee dahinter ist, Menschen kreativ zusammenbringen und dabei auch Neue kennenzulernen. Seit eineinhalb Jahren gibt es die ArtNight nun auch in Köln: im Piccola in Ehrenfeld und im HEARTbeat im etwas abgeschiedenen Brück.


Küstenlandschaften in Berlin, Foto: © ArtNight

Die Gäste des heutigen Abends sind sehr unterschiedlichen Alters und auch ihre Motivation verschieden: Während die einen Geburtstag in geselliger Runde feiern oder ein Date haben, gibt es unter den Teilnehmern auch welche, die tatsächlich Kunst studieren oder sich zumindest in ihrer Freizeit intensiv mit ihr auseinandersetzen. Dann gibt es solche, die seit ihrer Grundschulzeit keinen Pinsel mehr angerührt haben, absolute Beginner. „Man malt ja sonst nicht“, gibt meine Tischnachbarin zu. Eine hat regelrecht etwas Angst ob der Tatsache, dass sie an ihrem Talent zweifelt. Wieder andere sind zwar an Kunst interessiert, aber finden sonst keine Zeit für Kreativität. Einige trinken sich Mut an. Ich nicht. Ich bin ja beruflich da. Bald geht es auch schon medias in res los: Grünes‘ Assistentin, die 30-Jährige Grafikdesignerin Marina Brandt, die gleichzeitig die Nichte der Lokalkünstlerin ist, schwingt den Pinsel und leitet die Besucher Schritt für Schritt im Acryl-Malen an. Die heutige Vorlage: ein Gesicht mit Sonnenbrille. Kurz meint man, das sei ja etwas sehr banal, „eine Vorlage auszumalen“. Das könne ja schließlich jeder. Aber dem ist nicht ganz so. Die Technik: Acryl. Sie eignet sich besonders gut für abstrakte Kunst und taugt speziell für Anfänger.

Schritt eins: Acryl wird als Grundlage für den Hintergrund aufgetragen. Damit er später rau wirkt, werden dabei nicht nur Pinsel, sondern auch Spachtel benutzt, so dass eine Art Relief entsteht, indem die Flächen plastisch hervortreten. Trägt man hinterher Farbe auf, geht der 3-D-Spachtel-Hintergrund so eine nicht greifbare Symbiose mit jener ein. Spannend wird es bei der Farbauswahl, und inwiefern der Alkoholpegel einen Einfluss auf das Ergebnis hat. Die Dame neben mir hat bereits ein paar Getränke konsumiert und ist schon fertig mit ihrem Bild. Ich habe noch nicht mal angefangen. Der Prozess, den die Kunstschaffenden an diesem Abend durchmachen, ist nicht nur, welche Farbe benutze ich und welche Technik, sondern auch: Wen male ich? Was möchte ich erzählen? Was möchte ich abbilden? Ein Selbstportrait? Oder eher etwas Abstraktes? Oder ein Portrait einer anderen Person? Zu guter Letzt folgt das Anpinseln des Gesichtes. Das Schöne daran: Die Künstler können eigentlich machen, was sie wollen. Am Ende können sie immer noch behaupten, das sei eben abstrakt.

Die Ergebnisse sind mannigfaltig: Von zarten Pastelltönen bis knallbunt ist alles dabei. Von sehr abstrakt bis eher realistisch-figürlich. Von „Typ Audrey“ über „Typ Blondine“ bis hin zu „Typ drogensüchtig“ oder „Christiane F.“, wie meine Tischnachbarin mein Bild netterweise beschreibt. Darin liegt wohl der Reiz an diesem Workshop: Dass die Werke am Ende so verschieden sind, dass jedes – egal ob von einem Profi oder von einem Laien kreiert – eine ganz persönliche Note hat und eine individuelle Geschichte erzählt. Keines ist wirklich hässlich.

ArtNight hat sich als ein spannendes Experiment nicht nur für professionelle Kunstschaffende erwiesen, sondern auch für die, die nach dem Kindergarten vergessen haben zu zeichnen, und ist eine Alternative zum stumpfsinnigen Betrinken in einer Bar, weil die Besucher aktiv etwas tun. In der Zukunft werden insgesamt 50 Standorte in Deutschland angestrebt, auch in Köln sollen es noch mehr werden.

ArtNight | Köln: mehrfach im Monat im Piccola und Cafè HEARTbeat | Bonn: Café Frida, Che Guevara, Kater 26 u.a. | www.artnight.com

Rebecca Ramlow

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