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Sandra Schäfer und Christian von Borries auf der Pluriversale

Konstruktion von Wirklichkeit

01. Dezember 2016

Pluriversale V im Filmforum – Foyer 12/16

Mittwoch, 30. November: Zum fünften Mal organisierte die Akademie der Künste der Welt in diesem Jahr in Köln die Pluriversale, die ein breites Spektrum kultureller Disziplinen mit den verschiedensten geografischen Regionen als Bezugspunkte in sich vereint. Noch bis zum 16. Dezember sind an mehreren Veranstaltungsorten in der Domstadt dazu Screenings, Performances, Symposien und Konzerte zu sehen. Im Filmforum präsentierte die künstlerische Leiterin Ekaterina Degot eine lange Filmnacht, bestehend aus dem brandneuen Film „Desert of the Real“ des Berliner Orchesterdirigenten und Filmemachers Christian von Borries sowie eine Zweikanal- und eine Vierkanalvideoinstallation von Sandra Schäfer, die im Rahmen der Pluriversale allerdings als lineares Filmscreening gezeigt wurden. Degot strich in ihrer Einführung die Gemeinsamkeiten der doch recht unterschiedlichen Arbeiten heraus, die sich aber beide mit aktuellen sozialen Gefügen auseinandersetzten und einen Schwerpunkt auf die Produktion von Bildern und deren Wechselwirkungen mit der Realität, mit Erinnertem und Erträumten legten.

Sandra Schäfer erläutert ihre Arbeiten

Zunächst wurden die beiden Videoinstallationen Sandra Schäfers projiziert, die im Libanon entstanden sind und das Leben in einer von Kriegshandlungen gebeutelten Region thematisierten. In „Mleeta“ besuchte die ebenfalls in Berlin lebende Künstlerin ein propagandistisches Kriegsmuseum und stellte auf zwei Leinwänden Ansichten der Touristen mit den Filmvorführungen des Museums gegenüber oder wählte unterschiedliche Perspektiven, um dieselben Exponate des Museums aus verschiedenen Blickwinkeln parallel einzufangen. „Haret Hreik“ beschäftigt sich mit einem Stadtteil Beiruts, der als Hauptquartier der Hisbollah diente und deswegen im Libanonkrieg unter schwerem Beschuss lag. Die Bestrebungen der Architekten sahen vor, alles wieder so herzustellen, wie es vor den Bombardements gewesen war. Für Schäfer der Versuch, „die Vergangenheit ohne Brüche wiederherzustellen.“ Der Umgang mit der Vergangenheit war Thema beider Installationen Schäfers. Für sie als Außenstehende, die nicht Teil der libanesischen Gesellschaft ist, war es wichtig, diesen Blick von außen auch in ihrem Filmmaterial zu transportieren. Deswegen entschied sie sich bewusst dafür, ihre Interviewpartner in „Haret Hreik“ nicht im Bild zu zeigen, sondern lediglich ihre Stimmen aus dem Off erklingen zu lassen, während sie mit der Kamera die Räume einfing. Es war der Regisseurin wichtig, sowohl innere Bilder als auch propagandistische Bilder in ihren Wechselwirkungen sichtbar zu machen.

Christian von Borries im Filmforum

Um propagandistische Bilder ging es auch in Christian von Borries‘ „Desert of the Real“, einem essayistischen Dokumentarfilm, der sich mit der Konstruktion von Wirklichkeit auseinandersetzte. In Anlehnung an einen Buchtitel Slavoj Žižeks beschäftigte sich der Filmemacher mit modernen Drohnenkriegen und ihrer Beziehung zu den Wüstenszenarien aus populären Videokriegsspielen. Im zweiten Teil stellte von Borries Impressionen aus Venedig mit Bildern aus den unzähligen Venedig-Kopien auf der ganzen Welt gegenüber. Als dritte Ebene ließ er im Film auch Schauspieler agieren, die im Chor Texte bekannter Philosophen und Denker deklamierten. „Diese Texte sind aus den unterschiedlichsten Gründen geschrieben worden, durch die Zusammenstellung im Film entsteht wieder eine Art neuer, flirrender Raum“, erläuterte der Regisseur. Als Vorbild diente ihm hierfür der klassische Chor aus griechischen Tragödien. Einzelne Personen sprächen eher für sich, wohingegen das Chorsprechen häufig mit Religion, aber auch mit Politik in Verbindung gebracht werden könne, so von Borries. Einen großen Stellenwert legte der gelernte Musiker auf das Sounddesign seines Films, denn „Synchronität von Bild und Ton unterfordert den Betrachter, deswegen habe ich das überwiegend vermieden.“ Stattdessen hat er Originaltöne einzelner Aufnahmen weitflächig ausgetauscht und an anderen Stellen seines Films zum Einsatz gebracht, da er auf diese Weise manipulieren konnte, wie ein Ort über die gleichzeitig eingesetzten Töne vom Zuschauer wahrzunehmen ist.

Text/Fotos: Frank Brenner

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