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Kein Frieden im Heiligen Land

25. September 2014

Oper als Politikum – Giuseppe Verdis „Nabucco“ – Opernzeit 10/14

Wer kennt sie nicht, die Melodie des berühmten Gefangenenchors aus Nabucco? Doch kaum einer weiß, welchen politischen Zündstoff die Oper beinhaltet.

Der Handlung liegt ein Stoff des Alten Testaments zu Grunde. Jahwe bestraft sein Volk, da es seine Gebote nicht achtet. Der babylonische König Nebukadnezar (Nabucco) dient ihm als Vollstrecker, auch wenn er dem Baal-Glauben anhängt. Er zerstört den Tempel in Jerusalem und macht Judäa zur babylonischen Provinz. Die Kinder der Hebräer lässt er ermorden, die Überlebenden führt er in die Gefangenschaft nach Babylon. Im berühmten Gefangenenchor beklagen die Hebräer ihr Schicksal, erinnern sich der verlorenen Heimat und hoffen auf Befreiung aus der Sklaverei. Das göttliche Schicksal wendet sich gegen den Tyrannen, als er sich zum Gott erhebt. Jahwe bestraft ihn mit Wahnsinn. Seine illegitime Tochter Abigaille ergreift, unterstützt von den Baalpriestern, die Macht und will nicht nur die gefangenen Hebräer, sondern auch die Lieblingstochter Nabuccos ermorden lassen. In diesem Moment erfleht Nabucco die Hilfe Jahwes und bekennt sich zu ihm. Der Wahnsinn fällt von ihm ab, er erringt die Macht zurück und schenkt den Hebräern die Freiheit und ihr Land.

Soweit der alttestamentarische Opernstoff, der ergänzt durch die Intrigenhandlung Abigailles wenig mit der historischen Figur Nebukadnezars II zu tun hat: Dieser verfiel niemals dem Wahnsinn, war ein umsichtiger Herrscher und baute in seiner vierzigjährigen Regierungszeit Babylon zu einer Metropole aus. Die geistige Elite der Hebräer führte er ins babylonische Exil, wo sie sich rasch assimilierte, das einfache Volk hingegen ließ er in der Heimat zurück, um die Felder zu bestellen.

Die Umdichtung der Fakten durch das Alte Testament verfolgte das Ziel, den Monotheismus des Judentums gegen den vorherrschenden Polytheismus in der Region zu stärken und den Gebietsanspruch als gottgewollt zu rechtfertigen. Religion wird zum Politikum.

Mit der Uraufführung gelingt Verdi 1842, mit nur 29 Jahren, der Durchbruch, mit dem er zugleich seine Lebens- und Schaffenskrise überwindet: Nach dem Misserfolg seiner zweiten Oper und dem Tod seiner Frau und beider Kinder will er seinen Beruf aufgeben, doch der Impresario der Mailänder Scala kann ihn überzeugen, weiterzumachen. In seinen Lebenserinnerungen von 1881 verklärt er rückblickend den Moment, der ihn zur Komposition inspirierte. Das Textbuch fiel angeblich zu Boden und blieb geöffnet an der Anfangszeile des Gefangenenchores liegen, „Va, pensiero, sull´ali dorate“. Solche Mythen hört man gern in Zeiten des jungen Königreiches Italiens, das sich erst 1861 von der Fremdherrschaft befreite. Als Verdi dieses Werk 20 Jahre zuvor komponierte, regte ihn weniger die Parallele zwischen den fremdbeherrschten Italienern und Hebräern an, als die Sterbeszene Abigailles, wie man aus Zeitzeugenberichten weiß. Erst im Rahmen der fortschreitenden Unabhängigkeitsbewegung Italiens wurde der Gefangenenchor als Befreiungshymne verstanden.

In „Nabucco“ fand der Verdi zu den Themen, die viele seiner späteren Opern bestimmten: Der Missbrauch der Religion als Mittel zur Macht, Skepsis gegenüber offiziellen Religionsvertretern, die Kriegstreiber und keine Friedensstifter sind, Gefährdung der Liebe zweier Menschen, die verfeindeten Völkern und Glaubensrichtungen angehören. Gerade diese Aspekte machen es zu einem Stück der Gegenwart – Oper als Politikum.

KERSTIN MARIA PÖHLER

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