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Antje Stahl, Andrea Diener, Dr. Anna Sauerbrey und Moderator Lutz Hachmeister
Foto: David Gruber

Versuch einer Selbstkritik

10. März 2016

Diskussionsrunde zur Lage des Journalismus in Deutschland am 8.3. an der KHM Köln

Nicht erst seit den sogenannten „Ereignissen von Köln“ steht der Journalismus in Deutschland massiv in der öffentlichen Kritik. Während man den Medien einerseits eine zu zögerliche oder sogar realitätsferne Berichterstattung unterstellt, beschwert man sich andererseits über eine bisher nie dagewesene Hysterie und negative Stimmungsmache. Die Vorwürfe sind widersprüchlich, doch sind sie auch gerechtfertigt? Um mit Moderator Lutz Hachmeister über die Themenkomplexe „Alarmismus, Mainstream und Realitätsverlust“ zu diskutieren, hat das Institut für Medien- und Kommunikationspolitik drei Journalistinnen in die Kölner KHM eingeladen: Dr. Anna Sauerbrey (Tagesspiegel), die für die New York Times über „Germany’s Post-Cologne Hysteria“ schrieb, außerdem Andrea Diener (FAZ) sowie Antje Stahl (Monopol), die den erkrankten Jakob Augstein ersetzt.

Zu Beginn des Gesprächs werden einige reißerische Überschriften von Artikeln präsentiert, Moderator Hachmeister fragt zu Recht, ob und warum in der deutschen Presselandschaft derzeit so eine „Endzeitstimmung“ herrsche. Anna Sauerbrey begründet dies mit der ökonomischen Konkurrenzsituation, die eine zugespitzte Dramaturgie insbesondere bei Überschriften und Magazincovern verschulde. Anders gesagt: Jeder will gelesen werden und eine Zeitschrift, auf der ein brennender Reichstag abgebildet ist, verkauft sich nun mal besser, als Angela Merkel im anthrazitfarbenen Hosenanzug. Das ist verständlich, eröffnet aber die Frage, ob eine ohnehin schon politikverdrossene Gesellschaft durch Panik suggerierende Headlines negativ beeinflusst wird. Es zeugt außerdem von einem eher unklaren Selbstverständnis darüber, ob man als Medium Vermittler oder Dramaturg einer Geschichte sein möchte.

Doch eigentlich soll weniger über die Funktion des Journalismus an sich, als über seine Wahrnehmung in der Öffentlichkeit diskutiert werden. Werden Journalisten nicht oft als eine homogene Masse wahrgenommen, die wenig differenzierte Meinungen vertreten und zu große Distanz zu ihrer Leserschaft haben? Alle drei Teilnehmer verneinen dies einstimmig und wirken dabei sehr homogen. Ja, auch der Begriff „Lügenpresse“ ist da nicht weit, ein „Pauschalvorwurf, der aus Sachsen kommt“, wie Andrea Diener weiß. Sie weiß natürlich auch, dass das nur ein kleiner Teil des Problems ist, welches sie als seltsamen Trend wahrnimmt: „Diese Abgrenzung vom Mainstream, das Bedürfnis nach Autonomie, die fehlende Anerkennung von Obrigkeiten.“ Auch Dr. Anna Sauerbrey habe nach der Kölner Silvesternacht festgestellt, dass der öffentliche Diskurs eine „Aufspaltung der Gesellschaft in Meinungspositionen“ widerspiegelt. Ein kurzer Blick auf Facebook und andere soziale Medien gibt ihr Recht: Wer kein „Gutmensch“ ist, wird eben als „Nazi“ beschimpft, so einfach machen es sich heutzutage leider viele.

Aber es sind eben nicht nur die Pegida-Mitglieder und selbsternannten Beschützer des Abendlandes, die kein Vertrauen mehr in die Presse haben, sondern breite Teile der Gesellschaft. Die drei anwesenden Journalistinnen wissen das. Wie man mit einer immer größer werdenden Zahl von Lesern umgeht, die Medienkritik durch Zynismus, Misstrauen und blanken Hohn ersetzt haben, weiß an diesem Abend aber leider niemand.

David Gruber

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