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Foto: Irma Flesch

Ist die Menschheit noch zu retten?

03. Dezember 2010

Wagners „Ring des Nibelungen“ - Opernzeit 12/10

Der Traum, die Welt zum Besseren verändern zu können, bewegt uns gerade heute. I have a dream, Yes – we can! Wie sehnen uns nach Träumern, Visionären, die es schafften, gegen den Widerstand ihrer Zeit das Ideal eines friedlichen Miteinanders in Gleichheit und Freiheit wirklich werden zu lassen. Ein Mann wie Martin Luther King war seiner Zeit weit voraus, dafür musste er sterben, heute ist Barack Obama der erste schwarze Präsident Amerikas. Doch wie lassen sich Utopie und politische Realität miteinander vereinbaren? Diese Frage steht im Mittelpunkt von Richard Wagners Opus Maximum, das das Scheitern einer groß angelegten Weltordnung aufzeigt.

Alberich schmiedet aus dem Rheingold den Ring, die „Superwaffe“, die ihm absolute Macht verleiht. Der Preis dafür ist hoch: Er muss der Liebe entsagen, um sich die Welt zum Untertan machen zu können. Gegen diese Unmenschlichkeit kämpft Wotan an. Nicht auf Versklavung, sondern auf einer rechtmäßigen Verfassung soll das Zusammenleben basieren. Doch auch er macht sich schuldig, indem er eigene Gesetzte bricht und sich in Schuldzusammenhänge verstrickt, um in den Besitz des Ringes zu kommen. Die Korruption nimmt ihren Lauf. Gut und Böse, Täter und Opfer lassen sich nicht mehr unterscheiden, niemand ist mehr verantwortlich, das System kollabiert. Die alte Welt muss untergehen, damit eine neue entstehen kann. Am Ende entfacht Brünhilde den Weltenbrand. Sie gibt den Ring der Natur zurück, damit er sich in seine ursprüngliche Form, reines Gold, verwandelt. Wie so oft bei Wagner ist es die höhere Einsicht einer Frau, die die Schuldzusammenhänge der Männer auflöst.
Wagner entwirft den Stoff für diese Geschichte im Revolutionsjahr 1848, knapp 30 Jahre (!) später ist die Tetralogie vollendet. 1876 findet die erste zyklische Aufführung von „Rheingold“, „Walküre“, „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ in Bayreuth statt. Da ist Wagner längst vom frühsozialistischen Barrikadenkämpfer zum Komponistenfürsten von Königs Gnaden geworden, doch an dem zu revolutionären Zeiten entworfenen Handlungsverlauf hält er fest. Die germanische Mythologie dient ihm als Folie, um seiner Zeit den Spiegel vorzuhalten. Drachen, Riesen, Zwerge sind bildmächtige Motive, um den Untergang einer frühkapitalistischen Gesellschaftsordnung eindruckvoll in Szene zu setzen, auch das Fantasy-Genre lebt davon.
Die Musik Wagners setzt auf große Effekte, deren Suggestivkraft sich der Hörer kaum entziehen kann: Im Ring entwickelt der Komponist eine Leitmotivtechnik, die musikalisch markante Motive wichtigen Figuren, Gegenständen oder Gefühlszuständen zuordnet. Diese kurzen „Erkennungsmelodien“ nehmen den Zuhörer an die Hand und leiten ihn hörend durch das Stück. Das Orchester begleitet nicht mehr, sondern kommentiert symphonisch die Handlung auf der Bühne. Francis Ford Coppola erkannte die starke Wirkung dieser Musik für den Film. In „Apocalypse Now“ attackieren amerikanische Hubschrauber die Gegner zum martialischen Walkürenritt.
Wagner bricht radikal mit der Operntradition seiner Zeit und schafft das Musikdrama, das sich auf die Ursprünge des Theaters besinnt und die Griechische Tragödie in ihrer theatralischen Wucht aus dem Geist der Musik neu entstehen lässt. Eine überwältigende Wirkung sollte von diesem „Kunstwerk der Zukunft“ ausgehen und eine reinigende Wirkung im Sinne einer Katharsis auslösen.
Ist die Menschheit noch zu retten? Am Ende des groß angelegten Orchesternachspiel der Götterdämmerung erklingt noch einmal das Erlösungsmotiv - ein musikalischer Appell an die Nachgeborenen.

Aalto-Theater Essen I seit Oktober 2010

KERSTIN MARIA PÖHLER

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