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Gabriele Münter, Ausstellungsansicht Museum Ludwig, Köln 2018, © VG Bild-Kunst, Bonn
Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln / Jonas Klein

Gegenständlich bis zur Abstraktion

29. November 2018

Gabriele Münter im Museum Ludwig – kunst & gut 12/18

Das Museum Ludwig macht mittlerweile mehr mit Ausstellungen zur klassischen Moderne und Nachkriegsavantgarde von sich reden als mit aktueller Kunst. Diese wird weitgehend über den Wolfgang-Hahn-Preis abgedeckt, der für das Museum und seine Reputation natürlich ein Glücksfall ist. Andererseits macht das Museum das, was seine eigentlichen Aufgaben sind: Es sammelt, bewahrt, vermittelt die Bestände – hier engagiert sich besonders die fotografische Abteilung – und widmet sich eben musealen Positionen. In diesem Kontext ist die Ausstellung mit der Malerin Gabriele Münter ein Gewinn. Als Übernahme vom Lenbachhaus München, in Köln kuratiert von Rita Kersting, fächert sie das malerische Werk nach inhaltlichen Aspekten auf, betont die Rolle der Reisen zwischen Seherfahrung und künstlerischer Abstinenz und zeigt auch die frühen Fotografien, etwa aus Nordamerika, die der Malerei vorausgingen. Angesprochen ist die komplizierte Situation als Künstlerin im frühen 20. Jahrhundert, zumal neben einem (noch berühmteren) Künstler als Partner, ohne aber daran die Geschichte der Ausstellung zu entwickeln. Mit Wassily Kandinsky, der sie ab 1902 in München unterrichtete und mit ihr bis zu seiner kriegsbedingten Rückkehr nach Moskau 1914 zusammenblieb, gehörte Gabriele Münter der Künstlerbewegung „Blauer Reiter“ an, die zwischen 1911 und 1914 aktiv war.

Und dann ist da Murnau, das Gabriele Münter gemeinsam mit Kandinsky entdeckte: Mit dem Ort am Staffelsee in Oberbayern begann die Malerei von Gabriele Münter erst richtig. Geboren 1877 in Berlin, hatte sie Unterricht an „Damen-Kunstschulen“ in Düsseldorf und München und schließlich ein Werk in vibrierend expressivem Duktus entwickelt. Dieses klärte sich während des längeren Aufenthaltes 1908 mit Kandinsky, Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin in Murnau: „Da schien es plötzlich (…) als wenn 'ein Knopf aufginge' zu einer Befreiung (...) die Augen waren aufgegangen – ich sah und malte“, hat Münter damals selbst dazu geschrieben. Das Gemälde „Kahnfahrt“ (1910) bringt es auf den Punkt: In einem Kahn sind vier Personen gestaffelt, im Hintergrund wächst die Landschaft bis zu den Alpen empor, darüber ist der Himmel bewegt blau. Überhaupt ist das Blau hier Programm, es taucht in der modischen Kleidung auf und dann im Wasser und im Gebirge. Es abstrahiert das Geschehen hin zur reinen, leuchtenden Farbfläche. Die Figuren sind mittels ihrer Konturen abgegrenzt, auch voneinander. Einfachheit, Klarheit und Deutlichkeit führen zum unmittelbaren Erleben. Dazu tragen der enge Bildausschnitt und der Beschnitt des Bootes von vorne ebenso bei wie das Zusammenschieben der Raumschichten: Stilistische Eigenheiten, die von nun an den Hauptweg ihrer Malerei kennzeichnen, teils kombiniert mit einer aufgewühlten Expressivität und Verdunklung der Darstellung oder aber fast heiteren Anklängen an die Neue Sachlichkeit – bis ins Alter hielt sie ihre Malerei in Bewegung.

Gabriele Münter blieb zunächst nur kurz in Murnau, kehrte aber nach Aufenthalten in München, der Schweiz und Skandinavien ab 1920 hierher zurück und hat sich hier dann 1931 ganz niedergelassen, wo sie 1962 starb. Ihre Genres fand sie in der Landschaft, in den Wohnungen, in denen sie auch viel porträtierte und darin eine ganz eigene Meisterschaft entwickelte. Und dann gibt es, eine besondere Spezialität, die Baustellensituationen, die sie in München entdeckt hat: Technik und Natur treffen dabei unmittelbar aufeinander.

Einzelausstellungen hatte sie ab 1908. Anerkannt war sie ab 1913, gefördert durch den Galeristen Herwarth Walden, der sie mit seiner Berliner Galerie „Der Sturm“ auf Ausstellungstourneen schickte und ihr noch in Kopenhagen eine Einzelausstellung vermittelte. Ihr Ruhm kehrte auch nach dem Zweiten Weltkrieg wieder: 1949-53 wurde ihr eine Wanderausstellung in 22 Städten in Deutschland ausgerichtet. 1950 wurde sie zur Biennale in Venedig und 1955 zur ersten Documenta eingeladen. Malerisch war sie immer wieder für Überraschungen gut. Sie experimentierte. Sie malte einzelne Bilder fast gleich, in etwas verändertem Format, nach. Und nachdem sie bereits um 1914-18 abstrakt gemalt hatte, nahm sie das Gegenstandsfreie in der ersten Hälfte der 1950er Jahre wieder auf. Die Ausstellung im Museum Ludwig zeigt das späte Werk mit seinen Seitenwegen nur exemplarisch, vielleicht auch, weil es nicht berauschend ist und es so viel mehr zu ihren frühen Bildern mitzuteilen gibt. Im Ausstellungsparcours, vor allem zu Beginn, ergeben sich einige wunderbare Blickachsen. Wenn es so gut umgesetzt ist, kann das Museum Ludwig gerne seine derzeitige Konzeption beibehalten.

Gabriele Münter. Malen ohne Umschweife | bis 13.1. | Museum Ludwig | 0221 22 12 61 65

Thomas Hirsch

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