In seinem vorherigen Film „Parthenope“ erhob Paolo Sorrentino erstmals eine Frau zur Handlungsträgerin in einem seiner Dramen – eine geradezu mythologisch entrückte Figur. Mythologisch entrückt ist auch Anora, die große Liebe von Mariano De Santis (Toni Servillo) in Sorrentinos neuestem Werk „La Grazia“ (Filmpalette, Odeon, OFF Broadway, Weisshaus). Nur ist Anora seit acht Jahren tot. Doch sie beherrscht De Santis. Zum einen durch den Schmerz ihrer Abwesenheit. Zum anderen durch einen ewigen Groll, der den Politiker umtreibt, da Anora ihn einst betrogen hat, und De Santis nie erfahren hat, mit wem. De Santis ist italienischer Staatspräsident in seiner sechsten Amtszeit, und es wird seine letzte sein, schon bald nimmt er den Hut. Vorher liegen noch drei Akten auf seinem Schreibtisch, drei Entscheidungen: Ein Gesetz zur Sterbehilfe wartet ebenso auf De Santis‘ Unterschrift wie zwei Gnadengesuche. Der Jurist und Staatsmann tut sich seit jeher schwer mit Entscheidungen. So auch jetzt. Darüber hinaus schläft der gläubige Katholik im Gebet ein, und im Schlaf findet er keine Träume. Dorotea (Anna Ferzetti), seine Tochter und rechte Hand, triezt ihn und verwehrt ihm kulinarische Sünden. Sein bester Freund Ugo (Massimo Venturiello) will in seine Fußstapfen treten, und De Santi wird den Verdacht nicht los, dass Ugo und Anora dereinst … Macht und Politik, Dekadenz und Männlichkeit – auch in „La Grazia“ bewegt sich Sorrentino anmutig durch bewährte Gefilde, die den Großteil seines Werks prägen. Die Befürchtung, dass sich dabei eine ermüdende formelhafte Redundanz einstellt, so wie es inzwischen manche Wes Andersons Kulissendramen nachsagen, bestätigt sich auch bei Sorrentinos neuen Drama nicht. Im Gegenteil. Und natürlich darf Sorrentinos Stammspieler Toni Servillo nicht fehlen. Zugleich bleibt „La Grazia“, bleibt Sorrentino erfrischend! Denn mit seiner neuesten Staatsoper gibt Sorrentino der Politik diesmal ein Stück Würde zurück. „La Grazia“ wirkt versöhnlich, wenn sein bedachter Held altersmüde, altersweise und altersmilde dem eigenen politischen Ende entgegenblickt. Wenn der Politiker schwächelt, menschelt, reflektiert. Über sich selbst lacht.
Ahmet ist der Teenagersohn eines Schafshirten, der sich nach dem Tod der Mutter auch um seinen kleinen Bruder kümmern muss, der seitdem nicht mehr spricht. Ahmet ist begeistert von Musik, die von der älteren Generation, die strengen islamischen Sitten folgt, verteufelt wird. Als er heimlich ein Konzert im Wald besucht, verliebt er sich in eine ebenfalls heimlich anwesende Nachbarstochter. Unkovskis Regiedebüt „DJ Ahmet“ (Filmhaus, Rex, Bonner Kinemathek) merkt man an, dass der Filmemacher ganz nah dran ist an der Lebensrealität der Menschen in Nord-Mazedonien, die hier porträtiert werden. Der Regisseur schlägt sich dabei auf die Seite der Jüngeren, die von einem moderneren Denken geprägt sind und erkannt haben, dass Musik auch im Alltag weiterhelfen und Kraft verleihen kann.
Außerdem neu in den Kinos: der Essay-Film „sr“ (Filmhaus) von Lea Hartlaub, das Science-Fiction-Abenteuer „Der Astronaut – Project Hail Mary“ (Cinedom, Cineplex, Metropolis, Residenz, Rex, UCI) von Phil Lord und Christopher Miller, das Trennungs-Drama „Is This Thing On?“ (Metropolis, Rex) von Bradley Cooper, die Fußballer-Doku „Ein Sommer in Italien – WM 1990“ (Cinedom, Cineplex, Odeon, UCI, Weisshaus) von Nadja Kölling und Vanessa Nöcke, die weitergeführte Grachtenjagd „Amsterdamned II – Verfluchtes Amsterdam“ (Cinedom, UCI) von Dick Maas, der biografische Animationsfilm „Hola Frida“ (Lichtspiele Kalk) von André Kadi und Karine Vézina und das Hunde-Abenteuer „Mein Freund Barry“ (Cinedom, Cinenova, Metropolis, Odeon, Rex, UCI) von Markus Welter.
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