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Pierre Michon
Foto: Jean Luc Bertini

Atem eines großen Erzählers

02. März 2026

„Wintermythologien“ von Pierre Michon – Textwelten 03/26

Was ist das für ein Erzähler, der seine Geschichten aus Chroniken, Legenden und Dokumenten entnommen haben will? Ein Erzähler der nicht alles weiß, aber manches dann doch ganz genau zu schildern vermag. So fallen ihm etwa die marmorweißen Füße jener Frau auf, die bei den Fischern lebt und die der mächtige Abt so sehr begehrt. Das Fleisch und den Geist umgibt eine geheimnisvolle, aber gleichwohl starke Beziehung in diesen vielleicht dann doch erfundenen Geschichten. Zumal ein Nebel der Zeiten diese Berichte umgibt, die mal von einem Geologen aus dem 19. Jahrhundert erzählen, der im Südwesten Frankreichs Höhlen entdeckt, sich zumeist aber in der Epoche der ersten Jahrtausendwende ereignen, als sich Heidentum und Christianisierung miteinander verschränkten. Von Nationalstaaten wusste noch niemand etwas, als die romanischen Kirchen und Klöster in den unwegsamen Landstrichen Frankreichs oder Irlands errichtet wurden.

„Wintermythologien“ nennt Pierre Michon seine kurzen, fragmentarischen und doch so unerhört dichten Erzählungen, in denen die Schicksale der Menschen wie destilliert erscheinen. Die Könige wirken noch wie großmäulige Anführer von kriegerischen Horden, die Geistlichen raffiniert wie Intriganten, die Bauern und Fischer aufrichtig und die bleichen Frauenkörper strahlend schön. Scheinbare Klischees, nur vermag Pierre Michon und für uns eben auch Wolfgang Matz in seiner – man kann es nicht anders sagen – kongenialen Übersetzung, diese Geschichten so zu mythologisieren, dass ganz viel Raum für die Vorstellung von uns Lesenden bleibt.

Auf die archaische Härte der historischen Wirklichkeit verzichtet Michon deshalb keineswegs. Es wird gewaltsam gestorben, hart bei der Landgewinnung gearbeitet und die Ruhmsucht und Eroberungslust der Könige verlangt auch ihre blutigen Tribute. Wie erzählt man von vergangenen Begebenheiten? Diese Frage wird zum eigentlichen Kern dieser in ihren Bildern so herrlich sinnlichen Prosa. Obwohl sie mitunter nur wenige Seiten umfasst, ist diese Prosa von einer Dichte, dass man sie in kleinen Portionen zu sich nimmt, da sie noch einen großen Resonanzraum beanspruchen.

Pierre Michon: Wintermythologien | A. d. Franz. v. Wolfgang Matz | Wallstein Verlag | 136 S. | 22 Euro

Thomas Linden

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