
Glück auf einer Skala von 1 bis 10
Schweiz, Frankreich 2022, Laufzeit: 92 Min., FSK 6
Regie: Bernard Campan, Alexandre Jollien
Darsteller: Bernard Campan, Alexandre Jollien, Tiphaine Daviot
>> www.x-verleih.de/filme/glueck-auf-einer-skala-von-1-bis-10/
Französisch-Schweizer Roadmovie, rührend und witzig
Ziemlich beste Fremde
„Glück auf einer Skala von 1 bis 10“ von Bernard Campan und Alexandre Jollien
Der eine ist mit dem Dreirad unterwegs, um Lebensmittel auszuliefern. Der andere in einem Leichenwagen – am Steuer. Ein Moment der Unaufmerksamkeit, da liegt Igor mitsamt Fahrrad und Tomaten im Straßengraben, und M. Caretti muss ihn zur Verarztung ins Krankenhaus bringen. Während er als Bestattungsunternehmer zu viel Kundschaft und zu wenig Zeit hat, würde Igor die Zufallsbekanntschaft gern vertiefen. Er hat seit der Geburt eine Körperbehinderung und wird von allen deswegen unterschätzt und von manchen gemieden.
Die beiden Hauptdarsteller des Films haben auch das Drehbuch geschrieben und – unterstützt von einem Dritten – Regie geführt. Für Alexandre Jollien, der Igor spielt, ist es der erste Film, er ist in der Schweiz ein bekannter Philosoph und wurde vor mehr als 18 Jahren nach einer Fernsehauftritt von Bernard Campan, einem französischen Schauspieler, angerufen. Die beiden wurden Freunde und einige Jahre später von einem Produzenten animiert, ein gemeinsames Filmprojekt zu entwickeln. Weitere 10 Jahre später wurde daraus "Glück auf einer Skala von 1 bis 10".
Der Film erzählt den Transport einer Toten und der Asche ihres vor langer Zeit verstorbenen Sohnes zur Bestattung von Lausanne nach Montpellier, und Igor gelingt es, als blinder Passagier mitzufahren. Er wollte nämlich auf der Ladefläche des Leichenwagens neben dem Sarg "ein metaphysisches Experiment" wagen und sich mit dem Tod befassen. M. Caretti, von dem erst spät der Vorname verraten wird, ist davon nicht angetan und will Igor so schnell wie möglich wieder loswerden. Zudem hat er private Motive für die Reise, die lange verborgen bleiben. Und daheim in Lausanne macht sich Igors Mutter Sorgen um ihren behinderten Sohn, der allerdings schon 37 Jahre alt ist und sich der Fürsorge und Kontrolle der Mutter unbedingt entledigen will.
Igor ist so entwaffnend originell und lebensklug, dass Louis ihn nach und nach immer interessanter und sympathischer findet. Nun könnte man befürchten, dass eine Filmfigur, die wirklich viele philosophische Sentenzen abgibt, fürchterlich nervt. Stattdessen sind die Zitate von Nietzsche, Spinoza, Platon, aus dem Zen-Buddhismus und dem Stoizismus erhellend, witzig und absolut geeignet, (je-)dem Leben Sinn und Struktur zu geben. Übrigens ist die deutsche Synchronisierung Igors, der wie sein Darsteller aufgrund der Behinderung etwas verwaschen spricht, sehr gelungen. Die Begegnungen auf der schön gefilmten Reise – unter anderem mit einer Anhalterin, die sich zu einem Junggesellinnenabschied mit einer Gruppe von Freundinnen trifft, mit einer Prostituierten, und einer Trauergesellschaft – wirken so natürlich, dass die Furcht vor flachen Gags bald dem Staunen darüber weicht, wie ein solches kleines Filmwunderwerk möglich ist. Die beiden Filmemacher sehen ihre Charaktere als zwei "beschädigte Filmfiguren, der eine mehr als der andere", die beieinander und in der Philosophie Freude und rettende Ideen finden und den Ausblick in ein weniger enges, nämlich flexibleres Leben. Das ist nicht nur unterhaltsam und witzig, sondern auch – frei von Kitsch – rührend. Auf einer Skala von 1 bis 10: 9,5 Punkte.
(Ingrid Bartsch)

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