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Tänzer John Kendall
Foto: Meyer Originals

Die Schule tanzend aus den Angeln heben

26. Februar 2020

Silke Z produziert neue Choreografie in deutschen Schulen – Tanz am Rhein 03/20

„Halt die Fresse!“ Diesen Satz unter Schülern hat Silke Z während ihrer Arbeit an nordrheinwestfälischen Schulen oft gehört. „Klingt so das neue ‚Guten Morgen‘“, fragt sie genervt. Respektlosigkeit scheint an der Tagesordnung zu sein. Wobei verbale Gewalt schnell ihre Fortsetzung in körperlicher Gewalt findet. „Diesen Übergang kann man physisch erfahrbar machen“, erklärt die Kölner Choreografin. Silke Z holte immer wieder Menschen auf die Bühne, die keine Tanzausbildung besitzen. Über Jahre ließ sie in ihrer Projektserie „Unter uns“ Männer und Frauen aller Generationen von 18 bis 80 aus ihrer Perspektive über das Leben in unserer Gesellschaft berichten. Die Ergebnisse sprühten nicht nur vor Witz, sondern waren auch angereichert mit faszinierenden Erfahrungen und bestachen durch einen offenen Blick auf die Differenzen zwischen den Generationen.

Jetzt vollzieht sie mit ihrem neuen Projekt „Der empathische Körper“ den nächsten Schritt. Künstlerische Arbeitsprozesse schleust sie in die Schule ein. Mit professionellen Künstlern wird trainiert und produziert, wobei die Schüler eingebunden werden. Derzeit gibt es Castings am Jungen Schauspielhaus Bochum, Kölner Schulen sind involviert, in Baden-Württemberg beteiligt sich die Tanz und Theaterwerkstatt und in Bayern gehört Fokus Tanz aus München zu den festen Partnern der Aktion. Der NRW-Landesregierung war das eine dreijährige Förderung, dotiert mit jeweils 50.000 Euro, wert.

Durchaus ehrgeizig will die Choreografin „das ganze Schulkonzept in Frage stellen“, was aber nicht bedeutet, dass sie gerade auch die Lehrer für ihr Projekt gewinnen will. Es wird Übungen geben, um mit körperlichen Erfahrungen Denkprozesse in Bewegung zu bringen. Es muss definiert werden, wie Begegnung aussieht, wo findet Empathie statt, welche Bedingungen sind notwendig. Überlegungen, die auf neurologisches und auf soziales Terrain führen. Die Schüler werden dazu digitale Tagebücher schreiben. Die Frage nach Empathie könnte hier ebenso analytisch wie subversiv dazu führen, den Umgang miteinander kritisch unter die Lupe zu nehmen.

Die Begegnung mit Künstlern verändert, weil sie die Schüler mit anderen Arbeitsweisen konfrontiert. Im Kern jedes Kunstwerks stellt sich die Frage nach der Methode, mit der es erarbeitet wurde. So eröffnen sich Schülern neue Horizonte in einer Welt, die an ihrer „Wohlstandsverwahrlosung“ zu Grunde zu gehen droht. So jedenfalls sieht es Silke Z, die durch ihre beiden Kinder über Einblick in die gymnasiale Welt verfügt. Viel Zeit und Engagement wird diese Liaison zwischen Tanz und Schule benötigen, aber es könnten letztlich auch alle davon profitieren. Für die Künstler ist der Enthusiasmus der Kinder ansteckend, während die Schulen einen anderen Umgang mit Themen und Gestaltung erfahren. Das hat sich schon bei den ersten Begegnungen gezeigt und damit das Projekt Verbreitung findet, gibt es die Reihe „After Work“, in der man kostenlos Einblick in die Probenprozesse erhält. Die nächsten Termine sind am 6. März (offene Probe) und am 15. Mai in den Ehrenfeldstudios. Premiere für die Produktion „Der empathische Körper“ wird am 20. November in Köln sein, anschließend geht es dann auf Tournee.

Thomas Linden

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