Männer in grauen Anzügen erklimmen im Gleichschritt eine Stahltreppe, ein Schlagzeug hämmert einen unerbittlichen Rhythmus, durch den sich die Worte „up, and up, and up, and up…“ ins Hirn fräsen. Am oberen Ende der Treppe angekommen, wird jeder Mann vom jeweils Nachfolgenden über den Rand gestoßen. Das Video zum Song „The King“, mit dem die niederländische Band „De Staat“ im Sommer ihr neuestes Album und die Show „De Staat becomes De Staat“ ankündigte, zeigte mit einfachen, aber umso eingängigeren Mitteln, in welche Richtung es gehen sollte: Das selbstbetitelte Album kann als Konzeptalbum gelesen bzw. gehört werden, in dem es um Macht, (politische) Verführung und Demagogie geht. Ein Spiegelbild der aktuellen politischen Weltlage. Beim Festival „Down the Rabbit Hole“ nahe Nijmegen und auch bei zwei exklusiven Shows im Amsterdamer Royal Theater Carré haben De Staat tatsächlich die Gerüsttreppe des Videos auf die Bühne gebracht und mit etlichen grau gekleideten Statisten eine Mischung aus Konzert, Performance und Theater geliefert. Videos dieser Auftritte im Netz lassen ahnen, wie beeindruckend diese Show gewesen sein muss. Die Intensität der Pink Floydschen „The Wall“-Ära klingt mit weitaus einfacheren, aber nicht weniger spektakulären Mitteln an.
Gute Laune
Dass eine solche Inszenierung im Kölner Gebäude 9 schon alleine aufgrund der Deckenhöhe kaum möglich sein würde, war von vornherein klar – aber wie würde die Band ihr Konzept auf Club-Gigs runter brechen? Bevor es Antworten auf diese Frage gibt, präsentiert sich zunächst das Amsterdamer Quartett „HIQPY“ dem schon gut gefüllten Saal. Im Nachbarland werden HIQPY als das nächste große Ding gehandelt – im Gebäude 9 wird ihre Mischung aus Indie und Progressive Rock mit Grunge-Einsprengseln wohlwollend aufgenommen. Frontfrau Abir Hamam hat anfangs Mikrofonprobleme. Doch auch nachdem diese behoben sind, bleibt ihre Stimme eher dünn unter der brachialen Soundkulisse ihrer Bandkollegen. Vor allem der sichtlich gut gelaunte Schlagzeuger, der nicht im Hintergrund thront, sondern aus Platzgrüngen an den rechten Bühnenrand verbannt wurde, drischt mit Elan auf die Felle – die Lautstärke hätte vermutlich auch für das Palladium ausgereicht. Anspruchsvolle Songstrukturen mit immer wieder eingängigen Passagen stimmen das Publikum gut ein auf den Hauptact.
Marionettenspieler
Als dann schließlich De Staat die Bühne betreten und die ersten Takte von „Who’s Gonna Be the GOAT“ erklingen, sucht man Frontmann und Mastermind Torre Florim zunächst vergebens. Schließlich drehen sich viele Köpfe, denn Florim bahnt sich seinen Weg zur Bühne von hinten durch das Publikum – um schließlich in der Mitte des Saales auf einer kleinen Bühne, die so groß ist wie eine Bierkiste, den Song anzustimmen. Von den ersten Silben an hängt das Publikum an Florims Lippen. Im cremefarbenen Anzug und mit intensivem Blick bildet er das Zentrum des Geschehens. Mit großen Gesten hält dieser Marionettenspieler alle Fäden in der Hand, der rhythmische Rapgesang ist keine höfliche Einladung, sondern ein klarer Befehl, mit einzustimmen. Bei „Input Source Select“ bleibt Florim noch mitten im Pulk, um dann schließlich doch auf die Bühne zu gehen.
Hexendoktor
Im Gegensatz zur 2022er Tour, wo die Band untereinander stark in Interaktion stand und auch komödiantisch anmutende Aktionen wie ein Dance-Battle zwischen Torre Florim und Rocco Bell einbaute, treten die Musiker diesmal stärker in den Hintergrund. Rocco Bell, sonst an Keyboard und Gesang, ist diesmal nicht mit von der Partie. Wenige Wochen vor der Tour gab die Band auf Social Media bekannt, dass er auf der Tour von Wannes Salomé vertreten würde – ein Post, der bei Fans für viele Fragezeichen sorgte, da keine weitere Erklärung folgte. Jedenfalls wird die Show trotz der Virtuosität und Prägnanz der Mitmusiker so noch mehr zu einer reinen Torre Florim-Show. Ohne Ansagen, mit ernstem Gesicht und meist wild-grimmigem Blick leitet er wie ein irrer Conferencier durch einen Abend, dessen Setlist eine Handvoll älterer Songs bietet und dann mit „The Fire“ zum aktuellen Album überleitet und mit dem Refrain „I wouldn’t worry ‘bout the fire / it’s only burning overseas“ den ironischen Soundtrack (nicht nur) zum diesjährigen Waldbrandsommer liefert. Musikalisch wildern De Staat in allen Genres: harte Gitarrenriffs werden mit elektronischen Beats gepaart, es gibt Partysounds mit Kirmes-Charakter und hymnische Phasen. Und das Publikum feiert frenetisch jeden Song. Wohin man blickt, sieht man glückliche, lachende Gesichter – ganz im Kontrast zur Message des neuen Albums. Beim ekstatischen „Witch Doctor“ verwandelt sich der Saal in einen gutgelaunten Hexenkessel, in einer Mischung aus Circle Pit und Ringelrein sind T-Shirts von den Guns & Roses ebenso auszumachen wie von den Nine Inch Nails – aber auch Leute, die aussehen, als ob sie sich beim Spaziergang in die Halle verirrt hätten. De Staat sind ein Phänomen mit generationen- und genreübergreifendem Publikum.
Spaß!
Nach „Witch Doctor“ gibt es einen kurzen Moment des Verschnaufens, in dem Torre Florim auf einem sehr dezenten Klangteppich „Autumn Leaves“ anstimmt, ein Chansons aus den 1940er Jahren, das in der Version von Nat King Cole zum Jazz-Standard wurde. Direkt darauf hämmern zum Stroboskoplicht unerbittlich die Drums des eingangs erwähnten „The King“. Der repetitive Song entwickelt einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Live schneller gespielt als auf Platte ist das ein wuchtiges Brett, auf das mit „Freedom“ der versöhnliche Ausklang des eigentlichen, rund einstündigen Sets erklingt.
Das Publikum verlangt nach mehr und die Band lässt sich nicht lange bitten. Bei „Paying Attention“, „Psycho Disco“ und „Head on the Block“ lässt Florim seine Maske fallen, kündigt mit breitem Grinsen an, dass nun „the last chance to dance“ anbrechen würde. Man solle tanzen und sich nicht darum kümmern, wie man dabei aussieht – und Florim geht wie immer mit gutem Beispiel voran. Im Gebäude 9 herrscht ausgelassene Stimmung, wie sie auch im Karneval nicht wilder sein kann. Mit einem "Don’t forget to have fun!“ verabschiedet sich die Band zu frenetischem Applaus. Bei allem Ernst der Weltlage den Spaß nicht zu vergessen, ist eine wundervolle Botschaft, mit der man sich auf den Heimweg macht. Im nächsten Frühjahr (11. März) kann man die Band im Düsseldorfer Zakk erleben.
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Islands Superstar
Portrait des isländisches Musikers Ásgeir – Musik 09/26
Einladung zum Zuhören
Zum 4. Mal Shalom Musik Festival in Köln – Festival 09/26
Musikalischer Spätsommer
Festival Classic Nights in der Abtei Brauweiler – Festival 08/26
Aus der Zeit gefallen
Ron Sexsmith in der Kölner Kulturkirche – Musik 07/26
Wenn es kein Morgen gibt
Derya Yıldırım & Grup Şimşek im Düsseldorfer zakk – Musik 07/26
Stille Hochkaräter
2. Even Flow Festival am Tanzbrunnen – Festival 06/26
Romantischer Frühling
Cellist Daniel Müller-Schott und das Kölner Kammerorchester in der Philharmonie – Musik 05/26
Reise in die 20er
Pianist Olli Mustonen im VdH-Museum und in der Historischen Stadthalle – Musik 04/26
So klingt Fühlen
5. stARTfestival in Leverkusen – Festival 03/26
Londoner Straßensoul
Joy Crookes in der Kölner Live Music Hall – Musik 11/25
Komplex und zugänglich
Jazzpianist Shai Maestro im Loch – Musik 11/25
Eine Rose am Revers
Jerry Leger im 674FM Konzertraum – Musik 10/25
Nicht mehr wegzudenken
Das Wuppertaler Jazzmeeting 2025 – Musik 10/25
Im Rausch der unerhörten Klänge
Beyond Dragons im Stadtgarten – Musik 10/25
Die Poesie der Sehnsucht
Young Rebel Set im Gebäude 9 – Musik 09/25
Ohne Grenzen
74. Ausgabe der Konzertreihe Soundtrips NRW – Musik 09/25
Vom Tanzen träumen
Die NRW-Tour der Jazzpianisten Chris Hopkins und Ulf Johansson Werre – Musik 08/25
Das Gesamtwerk pflegen
Haydn-Festival 2025 in Brühl – Musik 07/25
Bis das Regime gestürzt ist
Mina Richman bei den Stadtgartenkonzerten am Alten Zoll in Bonn – Musik 07/25
Für stille Momente
Das Even Flow Festival am Tanzbrunnen – Festival 06/25
Anruf der Legenden
JD McPherson im Luxor – Musik 05/25
Entgegen der Erwartung
4. stARTfestival der Bayer AG in Leverkusen – Festival 04/25
Einstürzende Musikbrücken?
Die 15. Ausgabe von Acht Brücken könnte die letzte sein – Festival 04/25
Die Musikfestivals sprießen
Schon der Frühling ist Festivalzeit – Unterhaltungsmusik 04/25
Salz, Wind und Liebe
Anna B Savage im Bumann & Sohn – Musik 03/25