„Yarın Yoksa“ – Wenn es kein Morgen gibt: So heißt das aktuelle Album von Derya Yıldırım & Grup Şimşek. Mit dem Titel sind wir gleich bei einem zentralen Anliegen der Band: der Frage, was wirklich zählt im Leben. Liebe, Gerechtigkeit und der Kampf dafür sind für sie Themen für jetzt und nicht für ein vages Morgen. Der Titel entstammt einer Songzeile des letzten Tracks auf der Platte. Außer dass die Aufnahme noch voller im Sound klingt als die schon vorzüglichen Vorgänger, hat sich nicht viel am Stil geändert: die „outer-national“ besetzte Band – Helen Wells (Südafrika) an den Drums, Graham Mushnik (Frankreich) an Orgel und Synthesizer und Antonin Voyant (F) an Lead- und Bassgitarre (sowie sporadisch an der Querflöte) – vereint den Folk mal mit Rock und Blues, mal mit einem Schuss Jazz, aber immer tanzbar und mitreißend.
„Yarın Yoksa“nahmen sie in New York mit dem renommierten Produzenten Leon Michels auf, der dem Sound behutsam mehr Wumms beimischte. Die Lieder der Band waren bisher anatolische Volkslieder oder vertonte Gedichte. Auf dem neuen Album hingegen spielen sie mehr Eigenkompositionen mit eigenen Texten; nur drei Songs sind Traditionals. Ihr Vorgehen entspricht der Pionierarbeit, die in den späten 60ern Fairport Convention für die Verschmelzung britischer Folklore mit Rock leisteten. Eine überlieferte Geschichte als Textgrundlage, dazu ein dreckiger (Folk-)Rocksound, darüber die pure, unverfälschte Reinheit von Sandy Dennys Stimme.
Legitime Weiterträgerin dieses Erbes ist Derya Yıldırım mit ihrer glockenklaren, sehnsuchtsvollen Stimme und ihrem meisterhaften Bağlama-Spiel. Yıldırım spielt das Lauteninstrument seit ihrer Kindheit. Aufgewachsen als Deutschtürkin im Ruhrgebiet und in Hamburg, ist es eine ihrer Missionen, mit Hilfe des früher als „uncool“ wahrgenommenen Instruments die Kultur und den Platz der „Gastarbeiter“-Generation und ihrer Familien nicht nur zu reklamieren, sondern zu feiern. Wenn die Bağlama, so wirkt es in ihren Soli, Yıldırım mit sich davonträgt, die Band das Ganze mit ihrem federnden Groove grundiert und Derya Yıldırıms Stimme auf diesen Wellenwirbeln glitzert, erleben wir einen wahrhaft outer-nationalen Sound, der Gegensätze vereint und aufhebt. Grenzen, seien es regionale, politische, soziale oder musikalische, werden bedeutungslos – jetzt und nicht erst morgen.
Derya Yıldırım & Grup Şimşek | Mi 29.7. 20 Uhr | zakk, Düsseldorf | www.zakk.de
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