Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
17 18 19 20 21 22 23
24 25 26 27 28 29 30

11.984 Beiträge zu
3.482 Filmen im Forum

Gregor Schneider, u r 10, (with inventory) Kaffeezimmer, „Wir sitzen, trinken Kaffee und schauen einfach aus dem Fenster“, Rheydt 1993
© Gregor Schneider / VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Das Labyrinth der Verlorenheit

26. Januar 2017

„Gregor Schneider – Wand vor Wand“ in der Bundeskunsthalle – Kunstwandel 02/17

Natürlich kann man es sich leicht machen, wenn man allein zu Hause ist. Türen alle zu, Rolladen runter und im menschenleeren Raum hinstellen, bis der Kunstgenuss einen erreicht. Bei einigen Arbeiten von Gregor Schneider funktioniert das praktisch auch so, wenn auch die Erinnerungen und Gedanken, die er damit formuliert, natürlich gänzlich andere sind und Räume eben nicht gleich Räume sind. Aber – würden Sie gern ihren Raum zuhause mal abbauen und ihn sagen wir 5.000 Kilometer weiter wieder aufbauen? Genau das ist aber die Arbeit hinter der Kunst des neuen Düsseldorfer Akademie-Professors für Bildhauerei.

Gleich beim Eintritt wird das Prinzip klar. Da stehen puppenartige Skulpturen aus Stroh und Lehm, Matsch, drei Videos mit Szenen einer fremden Landschaft füllen den Rest des Raumes. Vor fünf Jahren hat Schneider beim Durga Puja Festival in Kalkutta einen Göttinnen-Tempel mit aufgebaut und dort ein Stück Straße aus seiner Heimatstadt Mönchengladbach-Rheyd nachgebaut. Final wurde alles im Ganges versenkt, doch der Künstler hat seine Teile („Kolkata Göttinnen“, 2011) natürlich wieder herausgeholt und zurück nach Rheydt transportiert – und jetzt in der Bonner Bundeskunsthalle wieder aufgebaut. Logistik ist eben alles.

Wenn man das Prinzip verstanden hat scheint der Rest des Weges durch die 22 Räume nur noch Formsache: Also Tür auf, rein und im absoluten Dunkel stehen. Größe und Funktion unbekannt, da steht etwas in der Mitte, dahinten hört man Anweisung eines Bühneninspizienten, ein helles Kellerfenster zeigt Besucher im Raum nebenan, wie sie dahin gekommen sind, keine Ahnung. Das Labyrinth hat keine Markierungen, nur Türen, immer wieder Türen, und manche sind dazu nur für Notfälle. Die Frau, die sich eine Taschenlampe mitgebracht hat, sollte aufgeklärt werden. Das kann im „Haus u r“ (Goldener Bär in Venedig 2001) nämlich nicht geduldet werden und ist auch irgendwie total dämlich für alle. Weiter geht es. Tür auf, Tür zu. Kenner kennen das Spiel. Nie kann man wissen, was dahinter ist, selbst eine totale Kopie des gerade Gesehenen ist möglich. Oder absolute Leere. Oder doch nicht. Das ist doch eine Garage, mit lackiertem Betonboden, einem Garagentor vor der Wand, der Titel „Doppelgarage“. In einer solchen hat früher ein Alkoholiker gesessen, den ganzen Tag im Auto mit einem Kasten Bier. Schneider fand das wichtig und hat den Raum mit Lichtschalter nachgebaut. Denn durch einen solchen Raum schafft er in seinem Haus ur auch eine Verbindung zur Außenwelt, die er nur mit Hilfe von Doppelgängern, die seinen Platz dort einnehmen, erreichen kann.

Mühsam wird die Kunst, die Knie zerschunden, der Rücken schmerzt. Das Durchkriechen des tiefen Tunnels wird mit der „Liebeslaube“ (2001) entlohnt. Alles weiß. Bett, Badewanne, Schrank – stoßen sie sich nicht am Siphon unterm Waschbecken! Nicht alle Räume sind aus den vergangenen drei Jahrzehnten bekannt, manche haben deutsche Museen nie gesehen, doch selbst die bekannten Dinge wie den Isolationsraum (K20/21 Düsseldorf) oder die Videos „Essen“ und „Schlafen“ in der Odenkirchener Str. 202 (Full-HD, 2014) vor der totalen Entkernung des Geburtshauses Joseph Goebbels haben wieder neue Kontexte. 

„Gregor Schneider – Wand vor Wand“ | bis 19.2. | Bundeskunsthalle Bonn | 0228 917 12 00

PETER ORTMANN

Neue Kinofilme

Valerian – Die Stadt der Tausend Planeten

Lesen Sie dazu auch:

Die Traumwelt für alles
„Comics! Mangas! Graphic Novels!“ in der Bundeskunsthalle Bonn – Kunstwandel 07/17

Zwischen Schweinekörpern und Gerüststangen
Drei Künstlerinnen sind „Kunstgäste“ im Kulturbunker – Kunst 06/17

Werk und Wert, Geld und Geltung
phil.cologne: Bazon Brock und Lambert Wiesing über „Kunst vs. Kunstmarkt“ – Spezial 06/17

Archäologie zum reinen Verweilen
Iran-Ausstellung in der Bonner Bundeskunsthalle – Kunstwandel 06/17

Iran, Bonn - Bundeskunsthalle
bis 20.8., Di-Mi 10-21, Do-So 10-19 Uhr

Reise durch die tägliche Metaebene
Jürgen Klauke mit Zeichnungen im Max Ernst Museum in Brühl – Kunstwandel 05/17

Auf der Flucht
„WeltenWanderer“ im Kunstmuseum Mülheim – Kunst in NRW 05/17

Kunst.