choices: Anibal, die Temperaturen in Köln steigen immer häufiger über 30 oder sogar 35 Grad. Was bedeutet das für Menschen, die auf der Straße leben?
Anibal Pelazas: Hitze und Kälte sind für Menschen auf der Straße gleichermaßen gefährlich. Ich kann das gut einschätzen, weil ich selbst viele Jahre auf der Straße gelebt habe. Im Winter drohen Erfrierungen, im Sommer Hitzeschläge und Kreislaufzusammenbrüche. Beides kann lebensgefährlich werden. Deshalb achten wir gerade bei großer Hitze besonders darauf, dass die Menschen genug zu trinken haben und Schutz im Schatten finden. Wenn Temperaturen von 40 Grad erreicht werden, laden wir unsere Fahrzeuge voll mit Wasser und verteilen es direkt auf der Straße. Oft unterstützen uns auch Bürgerinnen und Bürger. Sie erfahren von unseren Aktionen und bringen Wasser oder andere Spenden vorbei. Von einer solchen Aktion haben wir heute noch Vorräte hier stehen.
Was erlebst du bei euren Versorgungsgängen?
Wir gehen jeden Tag dieselben Routen und kennen die Orte, an denen wir die meisten Menschen antreffen. Mit der Zeit entwickelt man dafür ein Gespür. Gerade bei Hitze schauen wir sehr genau hin. Manchmal liegt jemand in der prallen Sonne und viele Passanten gehen einfach vorbei, weil sie denken, die Person sei nur betrunken. Dabei kann die Situation durchaus gefährlich sein. Schatten und ausreichend Getränke sind dann das Wichtigste. Teilweise suchen wir die Menschen auch gezielt auf.
„Oft unterstützen uns Bürgerinnen und Bürger“
Gibt es spezielle Orte, an denen sich Menschen bei Hitze abkühlen können?
Ja, auf solche Möglichkeiten weisen wir immer wieder hin. Wenn es kühle Räume oder öffentliche Angebote gibt, versuchen wir die Menschen darauf aufmerksam zu machen. Auch bei uns wird gerade die Lüftungsanlage erneuert, damit die Räume im Sommer angenehmer werden. Man sieht oft sehr schnell, wie es jemandem geht. Wir sprechen die Menschen an, fragen, ob sie etwas brauchen. Und wenn wir merken, dass es ernst wird, rufen wir selbstverständlich einen Krankenwagen.
Was könnte die Stadt Köln tun, um obdachlose Menschen besser zu schützen?
Köln macht grundsätzlich schon vieles richtig. Wenn ich das mit anderen Städten vergleiche, finde ich das Hilfsnetz hier stark. Trotzdem waren Kürzungen bei Fördermitteln in den vergangenen Jahren auch für uns schwierig. Viele soziale Organisationen sind auf solche Mittel angewiesen. Was allerdings besonders gut funktioniert, ist die Zusammenarbeit untereinander. Die verschiedenen Initiativen und Vereine helfen sich gegenseitig. Die Oase Köln bringt uns beispielsweise Lebensmittel vorbei, wir unterstützen sie an anderer Stelle. Eine Hand wäscht die andere. Ich war kürzlich über das Straßenmagazin Draussenseiter Kids an einer Schule und habe dort einen Vortrag gehalten. So läuft das oft. Man hilft sich gegenseitig. Das Netzwerk ist wirklich stark und darauf bin ich sehr stolz.
„Viele Menschen haben Angst, etwas falsch zu machen“
Wie schätzt du die öffentliche Wahrnehmung ein? Gibt es Verständnis für die Situation obdachloser Menschen?
Viele Menschen sehen das Leid durchaus. Oft sind sie aber unsicher. Sie bemerken, dass jemand Hilfe braucht, wissen aber nicht, was sie tun sollen und haben Angst, etwas falsch zu machen. Ich kann das sogar verstehen. Wenn man keine Berührungspunkte mit dem Thema hat, ist man oft hilflos. Genau deshalb halte ich Schulungen ab und gebe Lehrgänge für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Selbst Fachkräfte, die seit Jahrzehnten in sozialen Berufen arbeiten, sind manchmal unsicher. Dann geht es darum, zu erklären, wie das Leben auf der Straße aussieht, wie die Menschen denken, welche Erfahrungen sie gemacht haben und wie man angemessen reagiert.
Wie wichtig sind Workshops und Vorträge?
Sehr wichtig. Ich würde mir wünschen, dass es davon noch viel mehr gibt. Nicht nur für unsere Leute, sondern auch für Ehrenamtliche oder zum Beispiel an Volkshochschulen. Ich selbst habe über Vorträge und Trainings schon viel praktische Erfahrung weitergegeben. So etwas liegt mir am Herzen. Vor allem fände ich es gut, wenn Menschen zu Wort kommen, die selbst auf der Straße gelebt oder Drogen konsumiert haben. Also Ex-User, die direkt aus eigener Erfahrung erzählen können. Die wissen einfach, wie die Realität aussieht. Mir ist wichtig, die Leute dafür zu sensibilisieren, uns da draußen besser zu verstehen.
„Wenn man nicht weiß, was man tun soll: 112 anrufen“
Was sollten Menschen tun, wenn sie den Eindruck haben, jemand brauche dringend Hilfe?
Das Wichtigste ist, ruhig zu bleiben. Ich habe schon Ratschläge von Fachkräften gehört, die in der Praxis völlig ungeeignet sind. Ein Beispiel: Jemand vermutet eine Überdosis und stellt sich vor die Person und klatscht laut in die Hände. Für jemanden, der verwirrt ist oder unter Drogen steht, kann das eine Schreckreaktion auslösen. Genau deshalb sprechen wir in unseren Lehrgängen über solche Situationen. Wenn man nicht weiß, was man tun soll, ist die einfachste Lösung immer: 112 anrufen. Damit macht man nichts falsch.
Der Verein ist Ende Juni in eine neue Immobilie gezogen, das ZoHus am Holzmarkt. Was hat sich dadurch verändert?
Für uns ist das ein riesiger Fortschritt. Früher waren Lager, Küche und Café an verschiedenen Standorten untergebracht. Das bedeutete jeden Tag viel Fahrerei und Organisation. Jetzt haben wir alles an einem Ort. Genau das war immer mein Ziel. Von hier aus können wir direkt starten und unsere Touren koordinieren. Zusätzlich arbeiten wir mit mehreren Restaurants zusammen. Das Neobiota kocht beispielsweise schon seit vielen Jahren für uns. Neu dabei sind unter anderem Tiroler Stübchen und Feinripp & Gold. Ich hole das Essen persönlich mit unserem Fahrrad und Lastenanhänger Karla ab. Das lasse ich mir nicht nehmen.
„Wir wachsen kontinuierlich“
Können Interessierte sich beim Verein melden?
Wir sind keine klassische Beratungsstelle. Aber mit der neuen Immobilie haben wir jetzt mehr Platz und wir denken darüber nach, unsere Angebote auszubauen. Ich fände es beispielsweise toll, wenn hier irgendwann Sozialarbeiter, Streetworker, ehemalige Betroffene und andere Fachleute zusammenkommen können. Dafür fehlen momentan die finanziellen Mittel. Aber wir wachsen kontinuierlich.
Wie setzt sich euer Team zusammen?
Vor zwei Jahren konnte der Verein mich als ersten Vollzeitmitarbeiter einstellen. Das war ein wichtiger Schritt. Viele Organisationen suchten vor allem Menschen mit klassischen Studienabschlüssen. Hier wurde jedoch jemand gesucht, der den Verein organisatorisch führen kann und die Lebensrealität der Menschen kennt. Wir haben ansonsten rund 20 Vereinsmitglieder. Dazu kommen mehrere Angestellte, Minijobber, Ehrenamtliche, Praktikanten und Fachkräfte wie unsere Krankenschwester. Außerdem beschäftigen wir Köche, die das Essen für unsere Versorgungstouren vorbereiten.
„Mein größter Wunsch: deutlich mehr Übernachtungsmöglichkeiten“
Wie viele Menschen erreicht der Verein mit einer Versorgungstour?
Zwischen 150 und 200 Menschen täglich. Viele wissen inzwischen genau, wann wir kommen, und warten bereits auf uns.
Wenn du einen Wunsch für die kommenden Jahre frei hättest: Was müsste sich ändern?
Mein größter Wunsch wären deutlich mehr sichere und adäquate Übernachtungsmöglichkeiten für obdachlose Menschen. Viele Menschen unterschätzen, wie schwierig die Situation tatsächlich ist. Wer heute auf der Straße landet, findet nicht automatisch einen sicheren Schlafplatz. Und selbst wenn Plätze vorhanden sind, müssen die Menschen diese erst erreichen können. Nach meiner Information gibt es ca. 11.000 Wohnungslose in Köln und davon 900, die tatsächlich draußen schlafen müssen, also obdachlos sind. Wenn ich heute Nacht obdachlos werde und eine Notschlafstelle brauche, gibt es im Sommer statistisch in rund 8 Notschlafstellen nur ca. 80 Plätze. Mindestens genauso wichtig ist die Sicherheit. Meine erste Erfahrung in einer Unterkunft war sehr abschreckend. Ich teilte mir ein Zimmer mit mehreren Menschen und fühlte mich dort alles andere als sicher. Deshalb bin ich damals wieder gegangen. Genau das müsste sich ändern: mehr Plätze, bessere Bedingungen und vor allem sichere Unterkünfte, in denen Menschen wirklich zur Ruhe kommen können. Das wäre mein größter Wunsch für Köln. So und jetzt nehme ich hier mal die Brötchenspende an.
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