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Flugverbot für Erdnüsse?
Foto: Krafla / Adobe Stock

Allergisch gegen Allergiker

30. Januar 2024

Teil 2: Leitartikel – Für gegenseitige Rücksichtnahme im Gesellschaftsbund

Im Sommer 2023 machte eine Meldung die Runde, wonach die Passagierin eines Flugs von Düsseldorf nach London den gesamten Vorrat an Erdnusspackungen aufkaufte. Sie hatte Angst, wiederholt einen anaphylaktischen Schock zu erleiden, sobald an Bord Erdnüsse verzehrt werden. Das Flugpersonal hatte ihr im Vorfeld ein Entgegenkommen verweigert. Liest man die (dreizehn) Leser:innen-Meinungen zu dem Vorfall auf der Onlineausgabe der Süddeutschen Zeitung, dann äußert sich der Großteil gereizt verständnislos: Man verbucht ein Erdnussverbot an Bord als „anmaßend“ und „übertrieben“ und wolle sich nicht, Obacht: „tyrannisieren“ lassen. Und überhaupt, wehret den Anfängen: Wohin soll das führen, wenn „Minderheiten, aus welchen Gründen auch immer, Mehrheiten unterjochen“? Andere unterstellen derlei „Wesen“, lediglich um „Aufmerksamkeit“ buhlen zu wollen oder verorten die Allergie als Luxusproblem: „Für eine derart exklusive Umgebung“ müsse man sich „eben andere exklusive Transportmöglichkeiten suchen“. Zur Erinnerung: Es geht hier darum, für die Dauer eines Kurzstreckenflugs auf Erdnüsse zu verzichten. 

Alle sind in der Minderheit

Das kleine Meinungsbild ist natürlich nicht repräsentativ. Dennoch passt es in die Zeit. Eine Zeit, in der Mitmenschen auf Allergiker zunehmend allergisch reagieren. Eine Zeit, in der fordernde Menschen geforderte Menschen überfordern, wobei die einen häufig pauschal zu viel fordern und die anderen oft pauschal gar nicht erst gefordert werden möchten. Die überforderte Gemeinschaft, in der Minderheiten lauter werden und Mehrheiten trotzen. Dabei vergisst man, dass jede und jeder die ultimative Minderheit darstellt: Jeder Jeck ist anders, feiert seine Individualität und persönliche Freiheit ab – will aber nicht allein sein. Also arrangiert sich der soziale Mensch und sortiert sich ein in den Gesellschaftsbund. Dieser Bund wiederum bröckelt zusehends, in ohnehin toxischen Zeiten, die unserer Gesundheit zusetzen, nicht zuletzt durch Lebensmittel, die Lebensmittelallergien forcieren. Weichmacher, Mikroplastik, Kosmetikzusätze gelangen schleichend in unsere Körper und machen uns krank. Während sich Fordernde und Geforderte munter die Köpfe einhauen, wird die Industrie nicht hinreichend in die Verantwortung genommen und profitiert doppelt, wenn sie uns Dinge verkauft, die uns erst krank machen und dann Mittel, die dieses Leiden lindern sollen. Zugleich bleibt das Leid von Randgruppen wenig profitabel und Linderung entweder in weiter Ferne oder nicht erschwinglich. Insofern ein Leiden überhaupt diagnostiziert wird – was mitunter ganz vom Engagement einzelner Ärzt:innen abhängt. Und über allem: ein krankendes Gesundheitswesen. 

Zuhören statt Feindschaft

Wie auch immer: Nussallergie, Glutenunverträglichkeit, Histaminintoleranz, Heuschnupfen – Tendenz steigend: Das soziale Miteinander erfordert immer mehr Kompromisse, wie bei so vielen Diskussionen unserer Zeit, vom Gendern über kulturelle Aneignung bis hin zur Klimarettung. Dabei wäre der Sache schon geholfen, wenn beide Seiten einander erstmal zuhören und sich in das Gegenüber hineinversetzen, anstatt es zum Feind zu erklären. Zuhören, durchatmen, wirken lassen – vielleicht erledigt sich das mit den Erdnüssen an Bord dann ganz von selbst. Zumal Ausnahme-Krankheiten immer mehr zur Regel werden: Wie arrangieren wir uns wohl, wenn Menschen ohne Allergie künftig die Minderheit bilden? Nun, vielleicht rettet uns ja ausgerechnet der alte Ültje-Mann: „Kaum steh' ich hier und singe / Wird wieder alles gut / Sie hören auf zu schreien / Und haben neuen Mut.“ Na bitte. 


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bpb.de/themen/medien-journalismus/medienpolitik/172085/katastrophen-und-ihre-bilder | Der Beitrag diskutiert Probleme der Berichterstattung über Katastrophen.

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Hartmut Ernst

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