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Eva Besnyö, Narda, Amsterdam 1937, Silbergelatine
© Eva Besnyö / MAI

Ordnung im Blick

25. Oktober 2018

Die Fotografin Eva Besnyö im Käthe Kollwitz Museum – kunst & gut 11/18

Unerschrocken und selbstbewusst war die Fotografin Eva Besnyö: Das lassen ihre Selbstporträts ebenso wie die neugierige Direktheit, mit der sie Porträts aufgenommen und Passanten auf der Straße fotografiert hat, aber auch ihr bildjournalistisches Engagement in Amsterdam erkennen. Als alte Dame hat sie den Ritterorden des niederländischen Königshauses abgelehnt. Andere Auszeichnungen, für ihr fotografisches Werk und ihre Unterstützung des feministischen Protests, hat sie indes angenommen, und es waren etliche. Das unterstreicht aber, wie anerkannt Eva Besnyö zumindest in ihrer Wahlheimat, den Niederlanden ist, und wie sinnvoll es ist, sie auch weiter in Deutschland vorzustellen. Immerhin hat sie 1996 hierzulande den Dr.-Erich-Salomon-Preis für humanistischen Fotojournalismus erhalten, begleitet von einer Ausstellung in Berlin. Aber vielleicht lenkt der Hinweis auf ihren gesellschaftlichen und journalistischen Beitrag zu sehr von ihrem künstlerischen Umgang mit Fotografie ab, der von den Avantgarden an ihren Lebensmittelpunkten in Budapest, Berlin und, bis zu ihrem Tod 2003, Amsterdam geprägt war.

Ihre visuelle Aufmerksamkeit wurde früh sensibilisiert. Geboren 1910 in Budapest, beginnt sie bereits um 1925 zu fotografieren. Ihr Vater schenkt ihr 1928 eine Rolleiflex-Kamera, mit der sie auf der Straße fotografiert. Bereits 1928 absolviert sie eine Ausbildung bei einem Portrait- und Werbefotografen. 1930 zieht sie nach Berlin, wo sie zunächst im Labor des Reklamefotografen René Ahrlé und sodann als Volontärin bei einem Pressefotografen arbeitet, ehe sie sich 1931 selbständig macht und für etliche Publikumszeitschriften fotografiert. Bereits im Jahr darauf wird sie zu Ausstellungen eingeladen, so zu „The Modern Spirit in Photography“ der Royal Photograhic Society in London. Auch (oder gerade weil) Eva Besnyö auf der soliden handwerklichen Grundlage von Anfang an parallel frei und angewandt tätig ist: Ihre fotografischen Aufnahmen sind schon seit der Budapester Zeit erstaunlich. Eine wichtige Rolle spielt die fotografische Monographie von Albert Renger-Patzsch, die sie im Jahr ihres Erscheinens 1928 kennenlernt und deren neusachliche Aufnahmen ihr Sehen beeinflussen.

Hannelore Fischer
Foto: © KKMK
DIE DIREKTORIN
Hannelore Fischer leitet das Käthe Kollwitz Museum Köln seit 1990. Inzwischen zu einer festen Institution geworden ist die von ihr gegründete Reihe von Foto-Ausstellungen, die vor allem unbekannte Fotographinnen in den Fokus nimmt.

Mit ihrer Kamera richtet Eva Besnyö den Fokus auf eher unbeachtete Situationen im öffentlichen Raum (gestapelte Flaschenkästen; Stufen, die aus der Donau führen), konzentriert diese und nimmt sie aus überraschenden Perspektiven auf, mit denen sie die Bild, oft in Diagonalen, weiter beruhigt und strukturiert. Licht und Schatten kommen als Hell- und Dunkelzonen zum Einsatz: Im Grunde ist das schon die Basis des künftigen Stils, auch wenn diesem die Schilderung des Menschen, oft in seinen sozialen Verhältnissen auf der Straße oder bei der Arbeit, zu widersprechen scheint. Das Berlin der 1930er Jahre liefert ihr dazu genügend Anlässe. Zu den faszinierenden Beispielen der frühen 1930er-Jahre gehört die Aufnahme eines Gatters, das sich bildfüllend und leicht schräg durch den Vordergrund schiebt. Die Hände, Arme und Köpfe einer Frau, wohl eines Mannes und wohl eines Kindes ragen durch die Latten, die durch schräge Bretter verstärkt sind. Erstaunlicherweise taucht das Motiv vier Jahrzehnte später ähnlich auf in einem Foto, das die Verhaftung von Aktivistinnen der niederländischen Frauenbewegung Dolle Mina zeigt, erneut im engen Ausschnitt und aus unmittelbarer Nähe vor der vergitterten Scheibe eines Polizeiwagens: Von innen drückt eine Handfläche dagegen, ein Gesicht wendet sich, leicht unscharf, mit offenem Mund zur Scheibe. Auch hier bleibt offen, wie die Körperteile zusammen passen. Die Intensität des frühen Bildes wird nun mit einem konkreten Ereignis verknüpft, ohne dass die strenge kompositorische Anlage darunter leidet...

Zwischen den beiden Bildern liegen für Eva Besnyö die Übersiedlung nach Amsterdam 1932 und der Krieg, den sie als Jüdin 1942-44 im Versteck überlebt. Schon bald nach dem Krieg wird sie als herausragende Autorität zur Fotografie bei Jurys und als Ausstellungskuratorin in den Niederlanden hinzugezogen. In ihrer eigenen Fotografie wendet sie sich nach 1945 besonders Architekturaufnahmen und Künstlerporträts zu, die eine große Vertrautheit und ein Gespür für den Menschen im Interieur zeigen. Das große Metier ihrer Fotografie aber ist der Bildjournalismus. Aus diesem heraus ist es vielleicht erst die Frauenbewegung Dolle Mina in den 1970er Jahren, die sie als Fotografin wieder richtig aufblühen lässt. Jedenfalls scheint sie, im gesellschaftlichen Einsatz, das richtige Thema für ihre Art zu fotografieren gefunden zu haben.

Es ist gut, dass parallel dazu im hinteren Teil des Museums am Neumarkt das Werk von Käthe Kollwitz ausgestellt ist: Auch Käthe Kollwitz war eine aufmerksame, unbestechliche Beobachterin ihrer gesellschaftlichen und politischen Umgebung, die sie mit ihren Beiträgen dokumentierte und analysierte. Und auch sie solidarisierte sich mit den Schwachen und Entrechteten und bezog Stellung. Und vielleicht sind sich die beiden ja sogar begegnet: Die ältere Zeichnerin und Bildhauerin und die jüngere Fotografin lebten zeitgleich in Berlin.

Eva Besnyö – Fotografin | bis 9.12. | Käthe Kollwitz Museum | 227 28 99

Thomas Hirsch

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